Serie: "Diskurskritik"

Diskurskritische Momenteindrücke - formuliert von W. Engelhardt



1. Es mehren sich Anzeichen, der Sachunterricht sei "in Gefahr" - als Disziplin der wissenschaftlichen Lehrerbildung wie als Schulfach. Sicher stimmt die Erklärung, der "Zeitgeist" (heute eben von Einsparwillkür bis Pisa) nähre und schrumpfe seit jeher Disziplinen - es kämen auch wieder Wachstumsschübe, bis zu denen Durchhalten angesagt sei. Ich bestehe auf einer anderen Erklärung: Die größte Gefahr für den Sachuntericht ist der Mangel an akademischer Identität der Fachvertreter und an Diskurs in dieser Identität (- womit ich mich selbst mitkritisiere). Präzisierend sei noch angefügt, Entwürfe von Theorieelementen oder -positionen wurden sicher und werden wohl noch publiziert - allein der Diskurs darüber leidet an Schwindsucht und eine dafür zuständige hinreichend große scientific community findet sich kaum, Ansätze dazu zerfallen gerade.


(2. Kennen und nutzen Sie inzwischen - auch unbedrängt und unumworben - "www. widerstreit-sachunterricht.de", die einzige Fachzeitschrift für Theoriediskurse zum Sachunterricht ? - Eine Ausnahme zu 1 immerhin.)


3. Lesen Sie noch einmal das Programm der Jahrestagung der GDSU 2004 in Potsdam: Bei allem Respekt, aber zwei Plenarvorträge, davon einer zur Grundschulpädagogik und einer zum Sachunterricht in Österreich markieren - na was ?

Lesen Sie mit der Brille "Diskurse zur Fachidentität" die Vortragsthemen in den Arbeitsgruppen. Bei allem Respekt: Was fehlt? Etwa alles?

Suchen Sie - ich weiss, man kann Peronenkult nur ablehnen - nach den Beiträgen "führender" (ich sehe ihr anhaltendes Stirnrunzeln) Fachvertreter. Dankbar registriert man die Tagungs-Zuverlässigkeit von Frau Kaiser und Frau Möller und freut sich, den Namen Bolscho wiederzuentdecken.
Doch wo bleiben pauschal gefragt - im jährlich einzigen Diskurs auf dieser Ebene - Daum, Einsiedler, Götz, Feige, Hasse, Hartinger, Kahlert (außer der Einführung), Lauterbach, Marquardt-Mau, Rauterberg, Richter, Scholz, Schreier, Stoltenberg undundund... (Stirnrunzeln Ende).


4. Kann ein Schulfach bestehen, für das keine allen anderen Fächern vergleichbare Studienmöglichkeit in der Lehrerbildung gesichert ist? Gäbe es noch etwas zu leisten, was nicht schon versucht wurde? Was und durch wen?


5. Kann eine didaktische Disziplin in der universitären Lehrerbildung bestehen, die sich nicht der fachpolitischen Stütze einer "gefestigten, traditionellen Wissenschaft" versichern kann?
Von den versuchten Wegen scheinen beide bereits erkennbar zum Scheitern verurteilt:

"Die Bezugsfächer" (Biologie, Chemie, Geographie ...) leisten das sicher nicht, nicht inhaltlich, nicht politisch.

Die Grundschulpädagogik, selbst eine Ausdifferenzierung der Schulpädagogik als Ausdifferenzierung der Pädagogik muß die Außdifferenzierung "wissenschaftlicher Sachunterricht" fast zwangsläufig als akademisch-bliddarmartiges Gebilde verstehen, beliebig ernstnehmend oder ignorierend. Jedenfalls nicht den anderen Fachdidaktiken vergleichbar bewertend.

Wo ist die Disziplin oder die Integration von Disziplinen für eine universitäre Didaktik des Sachunterrichts? Kulturwissenschaften? Philosophie, Umweltwissenschaften?
Alles nein? Was dann?
Oder kann es doch ohne gehen?


6. Versuche der Absicherung der Disziplin auf der Ebene der Ministerienbürokratie durch einen "Perspektivrahmen" sind fachpolitisch sicher begründet. Aber darf das alle "Geisteskräfte" binden? Sachunterricht hat nach außen einen Rahmen und curriculare Perspektiven. Aber hat er nach innen nicht zugleich seine Theorie, seine Fundamente und seinen Überbau zu gründen und weiter zu entwickeln?



Zuletzt wage ich Ausblicke:

  • Was wissen wir vom Sachunterricht in Europa? In Italien, Schweden, England, Ungarn?
    (Das rehabilitiert das Österreich-Thema in Potsdam, jedenfalls teilweise.)


  • Die universitäre Fachdidaktik hat bisher vernachlässigt "ihren" Integrationsbereich, "ihre" Interdisziplinarität, "ihre" fächerübergreifenden, fächerunabhängigen Inhaltsbereiche theoretisch zu entwickeln und zu reflektieren. Auch über die längst veraltete Grenze Naturwissenschaften-Sozialwissenschaften hinweg.


  • Die universitäre Fachwissenschaft verhandelt, ringt, kooperiert seit Jahrzehnten lokal mit vielen hunderten "Fachvertretern" aus 5-7 Bezugsdisziplinen oder teilt im Negativfall gegenseitiges Behindern und Anschweigen. Welche Vergeudung von Energien!


  • Würden nicht kompetente Verhandlungen und gegebenenfalls eine große Tagung - mit je einer hochkarätigen Expertin oder einem solchen Experten für das ganze Land - weiterführen?
    Aber dann nicht allein mit dem fragwürdigen Partnersample, der 5-7 "Bezugsfächer", sondern auch einem Vertreter aus den Rechstwissenschaften, der Medizin, der Philosophie, der Ethnologie, den Betriebswissenschaften undundund...
    Um zu hören, was aus deren Sache, zur Sache unserer Disziplin zählen kann. Was jedoch wir dann in eine Form zu bringen hätten, aus unserem - weiter zu entwickelnden - Sachverstand als Vertreter einer eigenständigen didaktischen Disziplin.








   
   
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