Serie: "Diskurskritik"

... von Gerold Scholz



"Aufgaben des Sachunterrichtsdiskurses..."
  1. Es sollte ein neuer Name für das Fach gesucht werden. Der Sachunterricht hat mit Sachen nichts zu tun, bestenfalls mit Sachverhalten. Aber auch der Begriff Sachverhalte lässt unklar, ob es um eine objektive Welt geht, gleich, ob es sich dabei um sozialwissenschaftlich oder naturwissenschaftlich fassbare Phänomene handelt, oder um deren Interpretation. Der Deutschunterricht lehrt die Sprache und deren herrschende Interpretation; ebenso der Mathematikunterricht. Der didaktische Diskurs dieser Fächer bezieht sich allerdings auf die wissenschaftliche Berechtigung der Interpretation vor dem Hintergrund der jeweiligen Fachwissenschaften. Das Bewusstsein dieser Trennung wird durch die Bezeichnung Sachunterricht vernebelt.

  2. Der Sachunterricht benötigt zur Beseitigung von Beliebigkeit nicht einen Konsens, sondern eine Theorie. Da er anders als Deutsch oder Mathematik nicht über ein wissenschaftliches Bezugsfach verfügt, sondern über eine große, nicht bestimmbare Zahl von Fachwissenschaften als Bezugsfach, sehe ich nur die Möglichkeit, sich auf Erkenntnistheorie als Bezugsfach des Sachunterrichts zu beziehen. Dies bedeutet einerseits die Rezeption des Diskurses der Erkenntnistheorie. Dieser Ansatz bietet aber zweitens einen eigenständigen Gegenstand für Forschung zum Sachunterricht, nämlich die Erforschung natürlicher Erkenntnisbildungsprozesse von Kindern als genetischer Prozess. Hier ließen sich phänomenologische und konstruktivistische Rahmentheorien miteinander verknüpfen.

  3. Zu schreiben wäre eine Ideologiegeschichte des Faches. Kaum ein anderes Fach ist so stark von kulturell/gesellschaftlich vorhandenen Einflüssen geprägt. Zentral könnte es dabei u.a. um die folgenden Begriffe gehen: Gemeinschaft, Kind, Individuum, Naturverständnis, Macht, Moral, Gesellschaft, Staat, Kultur. Dies wäre zu ergänzen durch eine Mythengeschichte der Wirkung von Lehrarrangements für den Lernprozess.

  4. Zu bestimmen wäre auf der Grundlage einer klaren Trennung von Fachwissenschaft und Didaktik die Aufgabe der Didaktik.

Gerold Scholz
5. 6. 2003







Basistexte:


Isabell Stengers:
Die Galilei-Affären.
In: Michel Serres (Hrsg.): Elemente einer Geschichte der Wissenschaften. Frankfurt/M 2002 (2. Aufl.)S. 395-444.

Enrico Bellone:
Galileo Galilei: Leben und Werk eines unruhigen Geistes.
In: Spektrum der Wissenschaft. Biografie 1/2002.

Hans Blumenberg:
Die Lesbarkeit der Welt. Frankfurt/M 1981.
Darin: Gottes Bücher stimmen überein, S. 68-86.

Gernot Böhme:
Alternativen der Wissenschaft. Frankfurt/M. 1980.
Darin Kap. IV Alternative wissenschaftliche Behandlungen eines Gegenstandes, S. 123-154.

Forschung Frankfurt Heft 2/1999.

Ansgar Häußling:
Natur, Goethe und die Wissenschaft.
Goethe-Symposium 26.-30. September 1999, Universität Landau. MS
 
   
   
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