Serie: "Diskurskritik"

... von Jürgen Hasse



"Ich muß vorwegschicken, daß ich die theoretischen Präliminarien der SU-Debatte für deutlich anspruchsvoller halte, als in den mir bekannten Fachdidaktiken, insbesondere natürlich in der Didaktik der Geographie. Das Diskurs-Potential ist hoch, da Verknüpfungen "angebahnt" sind, die eine innovative didaktische Konzeption ermöglichen könnten. Der Konjunktiv verweist auf eine Differenz zwischen (scheinbarer) Programmatik und wahrscheinlicher Rezeptionspraxis. Diese Differenz steckt schon in den Eckpunkten, wie sie z.B. im "Perspektivrahmen Sachunterricht" formuliert sind. Zum Beispiel im Abs. 2.2. Darin heißt es gleich zu Anfang "... Spannungsfeld zwischen den von Kindern erfahrenen räumlichen Gegebenheiten und den inhaltlichen und methodischen Angeboten der Raumwissenschaften ..." Dieser Vorspann ist interpretationsbedürftig. Wer ihn aus einer subjektorientierten Perspektive liest und aneignet, destilliert daraus einen eben subjektbezogenen Zugang zur Wirklichkeit von Kindern. Die subkutane Suggestivkraft der Formulierung geht aber eher in Richtung "Affirmation an die Struktur des Bezugsfaches >Raumwissenschaft<". Die sollte m. E. hier gar keine zentrale Rolle spielen! Das Dilemma für solche verfrühten Kurzschlüsse mit wiss. Disziplinen liegt wohl in einer fachpolitischen Strategie, die Vertreter der Fächer an solchen Papieren zu beteiligen. Darauf sollte man verzichten, sofern sie nicht anerkanntermaßen Experten für Fragen des SU sind und sich nicht in einem Loyalitätskonflikt zum "eigentlichen" Fach befinden (Geographie, Biologie etc.). Man kann im übrigen daran zweifeln, daß man von den "erfahrenen räumlichen Gegebenheiten" überhaupt ausgehen kann. Damit würde jedenfalls die Lebenswelt der Kinder abgeschnitten. Was Gegenstand der Erfahrung geworden ist, hat sich ja der Lebenswelt entzogen. Man sollte deshalb beim Erleben der Kinder ansetzen. Darin markiere ich auch ein (aus meiner distanzierten Sicht) erkennbares Defizit: die nicht hinreichend konsequent vollzogene Definition der (nennen wir es) "didaktischen Zone" des Sachunterrichts. Diese sollte m.E. weder im Bereich der Erfahrungen von Kindern liegt, noch in der Struktur wissenschaftlicher Bezugsdisziplinen, sondern in der Dualität dessen, was Graf Drückheim "Selbstraum" zum einen und "Weltraum" zum anderen nennt.

Zu mehr reicht die Zeit leider nicht."

Jürgen Hasse
Juni 2003








Basistext:

Dürckheim, Graf Karlfried von (1932):
Untersuchungen zum gelebten Raum. Erlebniswirklichkeit und ihr Verständnis. Systematische Untersuchungen II.
In: Neue Psychologische Studien; hgg. von Felix Krüger, 6. Bd. München, S. 383-480.
 
   
   
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