"Wie funktioniert das?" - Zum Blick eines Reportes auf Besucher eines Science-Centers
Lassen Sie sich zunächst in die in die Räume eines "Science Centers", eines "Mitmach-Museums"
der etwas anderen Art entführen, in dem die Besucher naturwissenschaftliche Erkenntnisse an
alltäglichen Gegenständen im unmittelbaren Wortsinne begreifend gewinnen, ja zunächst einmal
ihre Neugierde auf physikalischem Gebiet (wieder)entdecken sollen. Vielleicht haben Sie ja
schon einmal das Phänomenta-Museum in Flensburg durchwandert oder Sie haben gar mit einer Ihrer
Klassen den Sachunterricht an einen außerschulischen Lernort verlagert und Schloß
Freudenberg bei Wiesbaden besucht. Für einen solchen Besuch in einem Science-Center hat im
späten Frühjahr des vergangenen Jahres ein Filmbeitrag im Rahmen eines ARD-Regionalmagazin
geworben.1
Gehen wir "in" die Kurzreportage: Zu sehen sind eine Mutter und ihre Kinder vor einem Gestell,
das sich auf den ersten Blick recht unspektakulär ausnimmt. An einer waagrechten von zwei
Stativstangen gehaltenen Metallstrebe sind über unterschiedlich lange Schnüre Kugeln aufgehängt.
Eine Stimme aus dem Off verrät dem Zuschauer, was die Mutter mit ihren Kindern ganz unmittelbar
begreifen konnte: dass die Kugeln nicht nur an unterschiedlich langen Schnüren hängen, sondern
auch "unterschiedlich schwer sind". Ferner kann der Zuschauer dem Blick des Kameramannes
entnehmen, dass die Kugelschwinger schon eifrigen Untersuchungen durch die Besuchergruppe
ausgesetzt waren. Die Essenz dieser Untersuchung erfragt nun wieder der Reporter aus dem Off:
"Wissen Sie, wie das funktioniert?" Die Antwort der Mutter fällt interessiert und engagiert aus:
"Ja, wir haben uns schon viele Gedanken gemacht und einiges probiert. Wir dachten ja zunächst,
das Gewicht der Kugeln sei das Entscheidende für das Dauern des Pendelns, nun, ja - aber das
ist wohl nicht so
, wir haben dann noch einiges probiert, aber - wir sind nicht dahinter
gekommen!" Damit verlässt der Blick des Beobachters die Besucher, der Kameramann nimmt das
Gestell mit den Kugelpendeln in den Zoom und der Zuschauer erfährt: "Nur auf die Länge der
Schnüre kommt es für die Pendeldauer an!"
Was hat der Zuschauer dieser Filmsequenz entnommen? Aus den Wortbeiträgen und der Gestik der
Befragten sicherlich einen Eindruck von Neugier und Erkenntnisinteresse, denen hier an einem
einfachen Versuchsaufbau ganz praktisch nachgegangen werden konnte - anders als im
Physikunterricht der eigenen Schulzeit, so mag der ein oder andere Zuschauer hinzugedacht
haben, in dem die Apparaturen allesamt um drei bis zwei Bankreihen von ihm entfernt auf dem
Pult des Lehrers, selten der Lehrerin, standen, wenn so einfache Dinge überhaupt dort zu sehen
waren und nicht vielmehr technisch-artifizielle Gebilde, wie die Luftkissenbahn und der
Bandgenerator. Exemplarisch soll ihm also demonstriert werden, das versteht der Zuschauer
schnell: Man kann an Physik Interesse haben; und gerade ein - nicht nur im übertragenden Sinne
- begreifender Umgang mit physikalischen Gegenständen, der offen ist für unbefangenes, weil
nicht an schulische Bewertungssituationen gebundenes Fragen und Probieren, fördert die
Entfaltung dieses Interesses. Das Science-Center erfreue sich großen Zuspruchs in der
Bevölkerung, kann man denn auch abschließend vom Leiter der Einrichtung erfahren - eines
weitaus größeren, so ergänzte ich als beruflich mit Fragen der Physikdidaktik beschäftigte
Zuschauerin, als es das geringe Interesse an Schulfach Physik nahelegt. Soweit so gut.
Allerdings vermittelt der Filmbeitrag eine Doppelbotschaft : Science-Center als Orte der
spielerischen Begegnung mit Physik des Alltags sind nicht nur nötig, weil hier Interesse zu
Tage gefördert wird und sich frei entfalten kann, sondern auch weil in Sachen Physik des
Alltags Bildungsnotstand besteht. Die Besuchergruppe wußte ja nicht, wie "es" funktioniert!
Vielmehr bedurfte es zur Aufklärung des fragwürdigen Phänomens "Pendelschwingung" der klärenden
Worte des Reporters aus dem Off. Zu später Stunde an diesem Fernsehabend kamen mir fast
zwangsläufig Wagenscheinsche Kommentare zum "Absturz des Wissens" in den Sinn. Das in der
Schule mit großer Wahrscheinlichkeit auch der interviewten Mutter vermittelte Wissen zu einem
prototypischen Gegenstand der neuzeitlichen Physik war offensichtlich so verschüttet, dass es
auch im begreifenden Umgang mit dem Gegenstand und trotz des offensichtlichen
Erkenntnisinteresses nicht mehr aktiviert werden konnte. Zur Anschauung gebracht wird ein
konkreter Fall, in dem schulischer Physikunterricht nicht dazu beigetragen hat, nachhaltiges
Wissen zu alltäglichen physikalischen Gegenständen wie einem Pendelschwinger oder allgemein
schwingfähig aufgehängten Gegenständen zu vermitteln. Und also ist es nun an den
Science-Centern, einen Ort für Laienbildung im Wagenscheinschen Sinne zu bieten. Ist aber im
Falle der betrachteten Besuchergruppe wirklich die "Möglichkeit radikaler Aufklärung" eines
fragwürdigen Phänomens genutzt worden? Aus dem Off ist ein Reporter zu hören, der leider nicht
ein sokratisches Gespräch mit der Mutter und ihren Kindern beginnt oder einen anderen beginnen
lässt. Vielmehr wartet der Reporter mit einem Satz auf, der gerade an das gemahnt, was
Wagenschein im Gespräch über fragwürdige physikalische Gegenstände nicht sucht, nämlich
Lehrsätze zum Thema. Und wie wenig zufrieden stellend ist die gemachte Aussage vor dem
Hintergrund der zuvor gestellten Frage! "Die Dauer der Pendelschwingung hängt nur von der
Länge ab." Ist die zur Antwort gegebene Aussage nicht rein deskriptiv? Geht sie dann aber
in ihrem Gehalt nicht an dem vorbei, was man in der Frage nach dem Funktionieren als
wissenswert anspricht? Die Frage des Reporters nach dem Funktionieren erscheint mir
plötzlich ihrerseits fragwürdig. Ist die Frage dem Gegenstand überhaupt angemessen? Setzt
die Frage nach dem Funktionieren nicht eine bestimmte Weltanschauung voraus, nämlich eine,
die physikalische Gegenstände im Sinne einer Maschinenmetapher zu begreifen versucht, als
Teil eines Weltgetriebes, dass es im Sinne eines Uhrwerkes, eines zwecks Erfüllung einer
bestimmten Funktion Konstruierten, zu verstehen gilt? Damit aber ist die Tür zu einer ganzen
Reihe weiterer Fragen an die Macher der Reportage geöffnet: Verrät die Frage nach dem
"Funktionieren" der Pendelvorrichtung ein krudes Verständnis vom Wesen physikalischer
Gegenstände oder ist hier etwas zur physikalischen Weltanschauung Wichtiges und Treffendes
ausgesagt, wenn dann auch die Antwort für Laienohren den physikalischen Erklärungsanspruch
nicht wirklich einzulösen vermag? Die Betrachtung der Frage führt so zurück auf die
Angemessenheit der Antwort. Die Frage, inwiefern die Frage nach dem Funktionieren der
schließlich gegebenen Antwort angemessen sei, lässt sich in eine Frage nach der Angemessenheit
der Antwort verkehren. Oder ist diese Verkehrung absurd, nur sprachlich-formale Spielerei? Zum
einen mag man einwerfen: Ist es nicht vor allem wichtig, dass die Antwort dem physikalisch
Gegenstand angemessen ist? Aber auch hier droht sich bei genauerem Hinsehen für den naiven
Physikalisten sicheres Land in einen schwimmenden Wal zu verwandeln: Jeder und jede
Studierende der Physik lernt, dass der Merksatz, gemäß dem die Dauer einer Pendelschwingung
für einen gegebenen Beobachtungsort einzig von der Pendellänge abhängt, nur für eine Klasse von
Spezialfällen gilt, nämlich für die Schwingung eines "punktförmigen"2 Pendels bei
kleinen Auslenkwinkeln.3 Bedeutet eine Nicht-Erwähnung der Gültigkeitsgrenzen des
Lehrsatzes und eine Unterschlagung der ihm zugehörigen Idealisierungen mit Blick auf den
angesprochenen Gegenstand eine zulässige Vernachlässigung im Zuge einer Elementarisierung
physikalischer Erkenntnisse oder bedeutet sie, einen Lehrsatz ohne wirkliches Verständnis
dessen auszusprechen, was eigentlich die Gegenstände physikalischer Aussagen sind und auf
welchem Wege diese Gegenstände bzw. Aussagen zu ihnen in der Physik gefunden bzw. gebildet
werden? Und schließlich: Ist die aus dem Off gegebene Antwort überhaupt interessant, ja wird
sie nicht erst dann wirklich interessant, wenn sie ihrerseits zum Gegenstand weiteren Fragens
wird? Wieso ist die Schwingungsdauer eines punktförmigen Pendels nur von der Pendellänge
abhängig, und nicht, wie auch ich am Anfang meines Weges zur Physik intuitiv vermutet habe,
vom "Gewicht des Pendels"? Erwarten wir nicht diesbezüglich von der Physik Antworten,
Antworten, die über ein deskriptives Feststellen hinausgehen? Was macht eine Erkenntnis, was
eine Erklärung zu einer physikalischen? Die Beschäftigung mit der Reportage und vor allem den
Fragen und Aussagen ihrer Autoren führen mitten in das hinein, was Wagenschein als einen
unabdingbaren Teil der gelungenen Genese von physikalischem Wissen im lernenden Individuum
ansieht und einfordert, nämlich letztlich eine ausdrückliche Beschäftigung mit der Frage,
warum und inwiefern eine physikalische Aussage zutreffend sei. Der im Wagenscheinschen Sinne
physikalisch gebildete Lerner muss wissen, dass die Antwort "Das ist halt so!" auf die Frage,
wieso denn diese Erkenntnis physikalisch zutreffend sei, eine unbefriedigende, eine
Nichtantwort ist. Nicht das "Das" der richtigen Aussage zählt, sondern die Begründung dieser
Aussage über den in Betrachtung stehenden physikalischen Gegenstand ist wichtig, ja sie ist
im eigentlichen der Gradmesser, in Bezug auf den sich die intersubjektiv überprüfbare
Richtigkeit einer physikalische Aussage bestimmt. Die Welt in den physikalischen Prinzipien
ihres Aufbaus und ihrer Prozesshaftigkeit steht ja gerade in Frage, sie zum Gradmesser der
Richtigkeit zu machen, ist ein Zirkelschluss, der nicht zuletzt in schulischen Zusammenhängen
mit dem Auftrag, Schülerleistungen möglichst objektiv und zeiteffektiv bewerten zu können,
gerne unternommen wird.
Inwiefern ist also, um die Betrachtung der Reportage abzuschließen, das Unvermögen der Mutter,
die Frage des Reportes nach dem Funktionieren der Pendelvorrichtung im Sinne der schließlich
gegebenen Antwort parieren zu können, Ausdruck eines unglaubhaften "Absturz[es] des ‘Wissens’
[
] und mehr noch des Verstehens"? Von einem solchem spricht Wagenschein nicht
nur in seinem Aufsatz "Was bleibt", wenn er allgemeine Ergebnisse seiner empirischen Erhebungen
unter Studenten resümiert, in denen ihre Fähigkeit gefragt war, alltäglich in Natur und Technik
begegnende Phänomene in physikalischer Hinsicht zu erläutern.4 Sind die Mutter und
ihre Kinder nicht gerade im Wagenscheinschen Sinne auf dem richtigen Weg? Ist die in
eigenständiger Beschäftigung mit dem Pendel gemachte Entdeckung "Das Gewicht der untersuchten
Kugeln hat entgegen der ersten intuitiven Vermutung im Bereich des Erkennbaren keinen Einfluss
auf die Schwingungsdauer des Pendels!" nicht ein wirklicher, weil nun mit eigenen
Beobachtungen unterfütterter Erkenntnisschritt. Sie mit Blick auf die vermeintlich richtige
physikalische Antwort als defizitär zu klassifizieren - fordert hier nicht wieder Scheinwissen
seinen Platz im Science-Center? Und ist nicht somit im Wagenscheinschen Sinne nicht vor allem
anderen problematisch, dass die Befragten kein Veto gegen die ihnen vom Reporter vorgelegte
Frage und die dann erteilte Antwort einlegen?
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Wagenscheinsche Horizonte in der Ausblidung von LehrerInnen für den Sachunterricht
Was sollten sich Studierende des Lehramtes an Grundschulen mit dem Fach
Sachunterricht an physikalischem Wissen in der ersten Phase ihrer Ausbildung im besten Sinne
der Wortes zu eigen gemacht haben? Kurz - und wie ich glaube in Übereinstimmung mit zentralen
didaktischen Leitideen Martin Wagenscheins - ein Wissen, das es ihnen erlaubt, sich
angelegentlich einer entsprechenden Interviewsituation in gutem Sinne widerständig zu
verhalten, will heißen, die Reporterfrage im Sinne der oben gestellten Nachfragen zu
hinterfragen. Nicht immer ist dabei in einem Science-Center ein Reporter zugegen, aber die
Kommentare auf Erläuterungstafeln an den Exponaten sind, nach meiner Erfahrung, leider allzu
oft in einem ganz ähnlichen Geiste verfasst. Der Weg, den angehende Lehramtsstudenten
zurückzulegen haben, um ein entsprechendes Wissen zu erlangen, ist in der Regel lang und
startet in schwierigem Gelände. Fachdidaktische Studien (z.B. Landwehr 2002) belegen, dass
Studierende des Sachunterrichts häufig ein in spezifischer Weise distanziertes Verhältnis zur
Physik haben. Die Ergebnisse decken sich mit den Erfahrungen und Erhebungen, die u.a. seitens
der Autorin am Institut für Didaktik der Physik der Johann Wolfgang Goethe-Universität
gesammelt respektive durchgeführt wurden (Wagner/Siemsen 2002). 5 Wagenschein merkt
in seinem Aufsatz "Was bleibt" an: In diesen zahllosen Gesprächen erfahre ich, wie erstaunt
und dankbar Studenten sind, denen man erlaubt, durch Verunsicherung herausfordert, in aller
Ruhe nachzudenken und sich auszusprechen über ein erstaunliches Phänomen - offenbar für die
meisten etwas ganz Neues."6 Von entsprechenden Erfahrungen können auch wir im
Kontakt mit zahlreichen Studierenden berichten, die an unserem Institut im Wagenscheinschen
Sinne auf dem Weg zur Physik bzw. seiner Fortsetzung begleitet werden, mit dem Ziel, selber
zukünftig gute Begleiter erster offizieller Schritte von Schülern auf diesem Gebiet zu werden.
Diese Erfahrungen machen deutlich, dass die von Wagenschein bemängelte Haltung eines
Bescheidwissens, das nur noch an den Ergebnissen von Erkenntnisprozessen interessiert ist,
nach wie vor als Prototyp naturwissenschaftlicher Verständigkeit weit verbreitet und in
schulischen Unterrichtszusammenhängen oft stark befördert und wenig kritisch hinterfragt wird.
Ebensolches gilt für den Druck, den dieses Ideal für das Lernen auf naturwissenschaftlichem
Gebiet, begonnen in schulischen Zusammenhängen, zur Folge hat und der nach wie vor von vielen
unserer Studierenden leidvoll und laut Selbsteinschätzung mit gravierendem Nachteil für die
Verständnis suchende Beschäftigung mit physikalischen Erkenntnissen erlebt wird. Ein von
Fritz Siemsen konzipierter Lehrgang, der Studierenden einen Zugang zur "Elementaren Astronomie
als Thema für den genetischen Sachunterricht" eröffnen soll, ist in Wagner/Siemsen (2002)
dokumentiert und in Hinblick auf Fragen der Lehrerausbildung im Sinne Wagenscheinscher
Anmerkungen reflektiert. Die Lehrveranstaltungen, die an unserem Institut auf dem Gebiet eines
physikdidaktisch informierten Physikunterrichts angeboten werden, sind dabei gemäß dem Prinzip
der doppelten Vermittlung gestaltet, in ihnen ist die Vermittlung von Inhalten an die von
Unterrichtsmethoden gekoppelt. Die Studenten sollen ihre eigene physikalische bzw.
naturwissenschaftliche Lernbiografie bewusst und selbstreflexiv fortsetzen, sich mit dem
Wagenscheinschen Konzept des genetischen Unterrichts in eigener Anschauung als Lerner
auseinandersetzen.
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Weite und Enge des Wagenscheinschen Horizonts
Alle von Wagenschein anekdotisch benannten Befunde finden sich in den
Lehr-Lern-Gesprächen mit Studieren-den an unserem Institut bestätigt, etwa der Befund einer
mangelnden Verbundenheit physikalischen Wissens mit Einblicken in die primäre Wirklichkeit,
wie sie sich etwa in Hinsicht auf den Mond unmittelbar am Firmament darstellt. Die Reihe der
"bitter-komischen Geschichten" könnte verlängert werden um je ganz eigene Geschichten von
Studierenden, die plötzlich meinen, für die Erläuterung von Phänomen, welche physikalisch dem
Bereich der Wärmelehre bzw. Thermodynamik zugeordnet sind, Moleküle bemühen zu müssen.
Besonders bedenkenswert, schon weil von Wagenschein in dieser Weise nicht verzeichnet, ist nun
aber aus meiner Sicht der Umstand, dass die Moleküle hartnäckig und immer wieder ins Spiel
gebracht werden. Nicht nur Studienanfänger kommen auf sie zurück und zwar in einer Art und
Weise, die Atome bzw. Moleküle als erwiesenermaßen grundlegende Entitäten der Realität
erscheinen lässt. Auch in höheren Semestern beharren Studenten geradezu darauf, in ihren
Erläuterungen auf das Modell kleinster Teilchen (seien es nun Elektronen im Zusammenhang mit
elektrischen Erscheinungen oder Moleküle um Zusammenhang mit dem Phänomen Wärme) zu sprechen
zu kommen, auch wenn ein Mehrwert dieses Rekurses für das Verständnis phänomenaler Befunde
oder Zusammenhänge nicht erwiesen werden kann.7 Mir stellt sich nun die Frage,
inwiefern Wagenschein diesen Rekurs treffend und im Wesentlichen erschöpfend kommentiert,
wenn er schreibt: "Der hilflose Rückgriff auf die nicht verstandene, weil nicht entstandene
[sondern nur vom Lehrer hin gestellte] molekulare Hinterwelt verdunkelt den Blick
auf den Gegenstand und zugleich das alltägliche Denkvermögen."8 Pointiert gefragt:
Spricht sich im Rekurs auf die Moleküle nur Hilflosigkeit aus oder nicht auch die Frage nach
der grundlegenden Aufgabe von Physik? Denn: Geht es in der Physik nicht um die Grundlagen der
Wirklichkeit und wenn dem so ist, darf dann nicht auch der Laie von diesem Grundlagenwissen
Gebrauch machen? Zumal es auch für die konkrete Gestaltung von Unterricht hochproblematisch
sein kann, das Sprechen von Molekülen allein den professionellen FachwissenschaftlerInnen aus
der Physik oder Chemie zu überlassen. Denn letztere bringen ihr Expertenwissen ja gerne in
TV-Sendungen und "Was ist Was"-Büchern an die Kinder und das lässt die Lehrerin respektive
den Lehrer im Sachunterricht mit "molekülfreien" Erläuterungen ganz schön ‘alt’
aussehen. Ein Lehrer, eine Lehrerin sollte zumindest begründen können, wieso er respektive
sie anders als der Experte/die Expertin nicht auf Moleküle zu sprechen kommt, ja er respektive
sie muss gegebenenfalls für die Schüler verstehbar aufzeigen, was an der Erläuterung in einer
"Sendung mit der Maus" oder in einem "Was ist Was"-Buch problematisch ist, mit denen sie/er
von Schülern mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit an der ein oder anderen Stelle konfrontiert
wird. Und ohne bestreiten zu wollen, dass Wagenschein in seiner Diagnose der Hilflosigkeit
recht hat, scheint es mir doch Wert, den ein oder anderen Ausdruck der Hilflosigkeit
auch als Ausdruck der Notwendigkeit zu lesen, mehr über Physik, mehr über die Naturwissenschaft
Physik zu lernen. Hiermit ist ein Lernfeld angesprochen, dass in der Physikdidaktik seit etwa
fünf Jahren ausdrücklich so benannt wird und auf dem sowohl erkenntnistheoretische und im
engeren, philosophisch-analytischen Sinn wissenschaftstheoretische Fragen zur physikalischen
Erkenntnissen und ihrer Begründung in den Blick genommen werden sollen, wie auch
wissenschaftstheoretische Untersuchungen in einem weiteren Sinne reflektiert werden sollen,
nämlich Untersuchungen, die in wissenschaftssoziologischer und/oder wissenschaftshistorischer
Perspektive Aussagen über den Prozess des Entstehens von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen
machen. Was zeichnet eine physikalische, von Wagenschein so genannte "zweite, wissenschaftliche
Wirklichkeit"9 aus? Inwiefern ist diese Wissenschaft abstrakt? Ist der
Erkenntnisprozess, der auf die molekulare Hinterwelt führt, wirklich abstrakter als
derjenige, an dessen vorläufigen Ende das Postulat des Trägheitssatzes steht? Mit welchen
Argumenten wurde und wird eine realistische Interpretation von physikalischen Entitäten wie
Atomen und Molekülen gerechtfertigt, mit welchen als unzulässig abgelehnt? Ist die von
Wagenschein sogenannte molekulare Hinterwelt ein Abbild der wahren Welt, welches der Wahrheit
im Sinne des platonischen Höhlengleichnisses eine Stufe näher ist als die unmittelbar
anzuschauende und zu befühlende primäre Wirklichkeit oder ist sie Hinterweltlerei im Sinne des
Nietzscheanischen Verdikts gegen die (dabei verkannte) christliche Jenseitsvorstellung?
Gibt es eine Weltanschauung, die durch physikalische Erkenntnisse ausgeschlossen ist? Gibt es
Weltmodelle, die bei der Entwicklung bestimmter physikalischer Theorien vorausgesetzt wurden?
Wie real sind überhaupt die häufig gerade erst in Abstraktion von der primären Wirklichkeit
definierten Gegenstände physikalischer Aussagen und Erklärungen? Mit diesen Fragen schließt
sich ein Kreis dieses Aufsatzes, sind wir mit ihnen doch wieder bei den kritischen
Anfragen an die Macher der Reportage zum Science-Center zurückgekehrt.
Mit Vorsicht und in dem Wissen, dass einem Autor wie Wagenschein schon in mangelnder Kenntnis
seines ungemein großen Werkes schnell Unrecht getan werden kann, möchte ich an dieser
Stelle anmerken, dass Wagenschein in seinen Texten nach meinem Dafürhalten zu wenig, zu
implizit und zu einseitig Fragen zur Natur der Naturwissenschaft thematisiert hat. Eine
Kenntnis verschiedener diesbezüglicher Antworten und Positionen lassen die Wagenscheinsche
Sicht der Dinge fragwürdig erscheinen. Der Physikdidaktiker Höttecke hat Arbeiten
Wagenscheins in Hinblick auf das in ihnen vermittelte Bild von Physik analysiert und auf
dem Hintergrund vor allem wissenschaftssoziologischer und -historischer Forschung kritisch
beleuchtet (vgl. Höttecke 2001). Die Autorin hat in stärker wissenschaftsphilosophischer, aber
ebenfalls wissenschaftshistorisch informierter Hinsicht Aussagen Wagenscheins zur Sprache im
Physikunterricht in den Blick genommen, in denen zwischen den Zeilen ein bestimmtes Bild von
der Natur der Physik entworfen wird (Wagner 2004). Von den oben genannten Fragen ist dabei
insbesondere die Frage berührt, inwiefern Moleküle ein abstrakterer Gegenstand physikalischer
Aussagen sind als der Newtonsche Trägheitssatz.10 Hat sich die "‘Front’
der exakten Wissenschaft" wirklich erst "im 20. Jahrhundert notwendig und mit glänzendem
Erfolg fortentwickelt in die Hinterwelt der Laboratorien, Modellvorstellungen und
mathematischen Strukturen"?11 Wer sich mit Gegenpositionen zur diesbezüglichen
Wagenscheinschen Auffassung auseinandersetzen will, sei u.a. auf die gerade genannten
Arbeiten verwiesen. Was die entsprechende, breitere Reflexion des Themas Natur der
Naturwissenschaft betrifft, sind die mir bekannten Wagenscheinschen Ausführungen zu eng
geführt.
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Angehende SachunterrichtslehrerInnen müssem ,ehr wissen, als BerufsphysikerInnen
Im Sinne seines Anliegens, Physikunterricht als einen Ort der Laienbildung
zu verteidigen, das heißt als einen Ort, an dem es gerade nicht um eine fachsystematisch
orientierte Propädeutik für zukünftige BerufsphysikerInnen geht, ist Wagenschein
beizupflichten, wenn er sagt: "Der Physiklehrer respektive die Physiklehrerin muss mehr
wissen als der Berufsphysiker respektive die Berufsphysikerin." Nicht meine ungeteilte
Zustimmung findet diese Aussage jedoch in ihrer Fortsetzung: "Ich meine damit nicht ein
quantitatives Mehr, kein die Studienzeit verlängerndes, kein Detail an hochgeschraubtem
Detailwissen. Davon braucht er eher weniger. Ich meine auch nicht schon Didaktisches.
Sein Mehr ist ein qualitatives, ein anderer Aggregatzustand seines Wissens: psychologisch
verflüssigt, genetisch umgeordnet, und das für alle Stufen[#033;]." 12
Hier möchte ich anmerken: Nicht nur psychologisch reflektiert muss sein Wissen sein, sondern
auch im engeren wie weiteren Sinne wissenschaftstheoretisch reflektiert. Dies gilt auch und
gerade für den Sachunterrichtslehrer und seine Kollegin. Unsere Mediengesellschaft, in der
Wissen, Nichtwissen und Scheinwissen vor allem via TV in freiem Fluss begriffen ist, gibt
auch für den Sachunterricht einen nicht zu ignorierenden Hintergrund ab. Angehende
Physiklehrerinnen brauchen die Gelegenheit, sich mit den in diesem Aufsatz angesprochen
Fragen auseinanderzusetzen, brauchen Konzepte und Begriffe, die es ihnen erlauben,
Aussagen von Experten wie Laien, welche mit dem Anspruch auftreten, physikalisch Bescheid
zu wissen, kritisch zu hinterfragen, u.a. auf die ihnen unterliegenden Bilder von Wesen und
Reichweite physikalischer Aussagen und Erklärungen. Ihnen dieses Metawissen zur Physik nicht
explizit anzubieten, hieße, sie ungeschützt vor die Aufgabe zu stellen, Kinder in unserer
Gesellschaft bei ihren ersten schulischen Schritten auf dem Weg zu physikalisch gebildetem
Laientum oder reflektierter professioneller Beschäftigung mit Physik zu begleiten. Die
Aneignung eines solchen reflexiven Metawissens aber braucht Zeit, schon weil es nicht
losgelöst von der Betrachtung konkreter physikalischer Inhalte zu vermitteln ist.
Zudem zeigt eine mittlerweile gut hundertjährige Tradition an "wissenschaftswissenschaftlicher"
(i.e. wissenschaftsphilosophischer, -historischer und -soziologischer) Forschung an, dass
die angesprochenen Fragen nicht zu eindeutigen, unter Absehung vom kulturhistorischen
Kontext generalisierbaren Antworten führen. Insbesondere nicht eindeutig zu beantwortende
Fragen aber brauchen Raum zur Behandlung, anderenfalls droht eine lähmende Verunsicherung
oder das mitgebrachte Vorverständnis zur Natur der Naturwissenschaft wird nicht wirklich
reflektiert. Gegen den Trend zu immer kürzeren Studienzeiten sei gesagt: Insbesondere die
Aneignung von Orientierungswissen braucht Zeit! Wer nur Verfügungswissen in Gestalt klarer
Aussagen von naturwissenschaftlicher Allgemeinbildung erwartet, dem sei dringend geraten,
sich auf eine Befragung seines Verständnisses von der Natur der Naturwissenschaften
einzulassen. Es gilt Interessantes, Wissens- weil Fragenwertes zu entdecken, das nach meinem
Dafürhalten dazu angetan ist, gerade auch in der Gruppe derjenigen, die sich nicht zu den
Technikbegeisterten und Formelfreaks zählen, Interesse an physikalischer Forschung und ihren
Ergebnissen zu wecken.
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