Ebene II/ Archäologie des Sachunterrichts 4

 

Hartmut Sellin argumentiert 1966 mit seinem Beitrag "'Der Hafen' - ein Beispiel für das Bauen in der Grundschule" am Schnittpunkt zwischen Heimatkunde und Sachunterricht. Er schreibt: "Mit dem folgenden Unterrichtsbeispiel sollen vom Gesichtspunkt des Werkunterrichts her didaktische und methodische Fragen des Zusammenwirkens mit dem Sachunterricht in der Grundschule erörtert werden." (Sellin 1966, S. 1)
Dies klingt - 40 Jahre später - merkwürdig und merkwürdig veraltet. Die Beziehung zweier Fächer - Werkunterricht und Sachunterricht - erscheint auf den ersten Blick als keine sehr aufregende Frage der Gegenwart. Auch die Frage der Durchsetzungsmöglichkeiten des Werkunterrichts in der Grundschule ist in der Gegenwart kaum im Horizont aufmerksamer Beobachter des Sachunterrichtsdiskurses. Verändert man allerdings ein wenig die Perspektive, vielleicht auch gegen die Interessen des Autors, so wird deutlich, dass sich Sellin mit Fragen beschäftigt, die ihre Bedeutung nicht nur nicht verloren haben, sondern vielleicht drängender geworden sind.

Ich möchte auf zwei von sicher mehreren hinweisen.
Sellin hat einen konkreten Hafen, eben den von Emden, zum Gegenstand seines Aufsatzes gemacht und er hat diesen Hafen konkret vor der Haustür. Und dieser Hafen existiert nicht nur für ihn, sondern er ist vor Ort zu besichtigen. Der Hafen gehört zur Heimat der Kinder, zu ihrer Lebensumwelt. Die Hafenbesichtigung und die Hafenrundfahrt basiert auf einem bereits unthematischen Wissen der Schülerinnen und Schüler über "Häfen". Sellin spricht von einer "heimatkundlichen Betrachtung". Der konkrete Hafen hat eine Bedeutung im Leben der Kinder. Das ist auch dann zutreffend, wenn die Kinder nicht in Emden, sondern zum Beispiel in Oldenburg wohnen und den Hafen im Zuge eines Ausfluges besucht haben. Modern formuliert gehört der Hafen zu den Primärerfahrungen der Kinder. Auf dieser Grundlage geschieht der Nachbau des Hafens als Auseinandersetzung mit Primärerfahrungen; als Reflexion von Primärerfahrungen. Die Funktionszusammenhänge können handelnd erarbeitet werden, weil ein unthematisch bereits vorhandenes Wissen durch seine Thematisierung zu einem thematischen Wissen wird, das nicht aus dem Kontext herausgelöst ist. Übersetzt man die beiden Begriffe der Heimatkunde "Nähe" und "Ferne" als "kontextualisiert" und "dekontextualisiert" oder weniger artifiziell als "konkret erfahrbar" und als nur "symbolisch erklärbar" so stellt sich die Frage, wie viel Konkretheit, Kontext oder Heimat der Sachunterricht benötigt.
Die Auseinandersetzung mit dieser Frage wird aus einem zweiten Gesichtspunkt heraus nicht einfacher, aber gerade deshalb vielleicht dringender.
Den Emder Hafen gibt es heute in dieser Form kaum noch oder bereits nicht mehr in Deutschland. Das Erscheinungsbild des Emder Hafens ergibt sich aus dem Zusammenhang von Topographie, Naturgesetzen, gesellschaftlichen, ökonomischen und von Menschen gemachten Regeln und
Erfindungen. Die Technik des Hafens schmiegt sich gewissermaßen noch an die von der Natur her gegebenen Bedingungen an. Die Ökonomie des Hafens wird bestimmt von der Passung zwischen den von der Natur vorgegebenen Bedingungen und der Intelligenz menschlichen Umganges mit diesen Bedingungen. Moderne Häfen sind Containerhäfen. Um deren Erscheinungsbild zu verstehen, ist immer noch topographisches Wissen wichtig - zum Beispiel das Verhältnis von Wassertiefe des Flusses und dem Tiefgang der Schiffe. Die Logik des Handelns ist aber weit stärker als früher von Bedingungen bestimmt, die sich nicht aus der Natur sondern aus den Regeln der Verbindung von Technik und Ökonomie ergeben. Diese Regeln sind abstrakt und wenig anschaulich. Damit stellt sich die Frage, wie die "Funktionszusammenhänge" der neuen Form des Hafens Schülerinnen und Schülern im Grundschulalter begreifbar gemacht werden können. Zugespitzt formuliert: Würde ein Nachbau eines Containerhafens bei Schülern zu einem Verständnis dessen führen, was einen Hafen ausmacht oder eher zu einem Missverständnis über Häfen?

Gerold Scholz

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Widerstreit-Serie: Archäologie des Sachunterrichts 4

Hartmut Sellin:
'Der Hafen' - ein Beispiel für das Bauen in der Grundschule

Erstmals erschienen in: Oldenburger Hochschulbriefe 16/17/1966

Kommentare von:

Gabriele Flerlage

Gerhard H. Duismann

Dirk Plickat




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