1.Wissenschafts- und erkenntnistheoretische Problemstellung
Die entscheidende theoretische Schwierigkeit, die der wissenschaftlichen
Begründung einer Konzeption des sozialen Lernens entgegensteht, hat unsere Disziplin mit allen
pädagogischen Disziplinen gemeinsam. Andere Sozialwissenschaften, wie z.B. die Geschichte, die
Soziologie und die wichtigsten Gebieten der Psychologie bemühen sich in erster Linie um die
Analyse gegebener (vergangener oder gegenwärtiger) Zusammenhänge und können hierbei - trotz
vieler methodologischer Schwierigkeiten - eine Zunahme an Exaktheit ihres wissenschaftlichen
Instrumentariums einfach deswegen leichter verzeichnen, da ihr Gegenstand sich nicht mehr
verändert. Ihr Problem besteht lediglich darin, ihn in seinen Konturen und Bewegungen besser
und genauer zu be-schreiben. Dieser analytisch-kritischen Bestandsaufnahme von Gegebenem oder
Vergangenem steht in den pädagogischen Disziplinen die Aufgabe gegenüber, Zielsetzung, Planung
und Kontrolle zukünftigen Handelns wissenschaftlich zu erhellen und anzuleiten. Ein
unvergleichbar schwierigeres Problem, wenn es mit den Mitteln und Maßstäben von Wissenschaft
gelöst werden soll. Da wissenschaftlich begründete Handlung aber ohne Erkenntnis undenkbar ist,
muß die Pädagogik eine doppelte Aufgabenstellung bewältigen: Ähnlich wie die anderen
Sozialwissenschaften muß sie die geschichtliche Entwicklung, die gegenwärtigen Gegebenheiten
und die gesellschaftlichen Wirkungsfaktoren ihres Problembereiches verarbeiten. Hierbei wird
sie sich der Methoden und Forschungsergebnisse benachbarter Disziplinen bedienen müssen und
kann insofern als ein Teilgebiet der Soziologie, Psychologie, Geschichte oder Politökonomie
angesehen werden. Die weitergehende Aufgabe, welche sich auf das pädagogische Handeln richtet,
muß demgegenüber als das Spezifikum der wissenschaftlichen Pädagogik betrachtet werden.
In ihrer Funktion als Handlungswissenschaft kann sie sich nicht mehr auf die methodologischen
Überlegungen benachbarter Disziplinen berufen; hier muß sie ihre eigenständige
wissenschaftliche Legitimation finden.
In der Geschichte der Pädagogik ist ihr auf Handlung bezogener Ganzheitscharakter in
unterschiedlicher Art und Intensität zur Geltung gekommen. In einer ersten
moralisch-philosophischen Phase haben ihm die Klassiker der Pädagogik - man denke nur an
ROUSSEAU, PESTALOZZI, FRÖBEL oder Jean PAUL - Rechnung getragen, indem sie ihre erzieherischen
Überlegungen, wenn auch in naiver und wenig reflektierter Weise, immer im Rahmen umfassender
Handlungszusammenhänge sahen. Der Ganzheits- und Handlungscharakter ging der Pädagogik in ihrer
kritisch-analytischen Phase verloren. Hier etabliert sie sich als Erziehungswissenschaft und
gleicht sich in ihrem erkenntnistheoretischen und methodologischen Selbstverständnis den
empirischen Sozialwissenschaften an. Es braucht nicht besonders betont zu werden, wie ergiebig
diese Phase bei der Sammlung von Daten, der Isolierung von Einflußfaktoren und der
Ausdifferenzierung wissenschaftlicher Fragestellungen gewesen ist und noch ist. Bei aller
angestrebten und zum Teil erreichten Exaktheit der erzielten Einzelergebnisse muß jedoch
angemerkt werden, daß als Folge der sezierenden und isolierenden wissenschaftlichen
Untersuchungsmethoden der Blick für die Komplexität pädagogischer Handlungs- und
Wirkungszusammenhänge vielfach verlorengegangen ist.
Heute mehren sich in vielen Teilbereichen der Pädagogik Ansätze, die diese nunmehr auf
wissenschaftlicher Ebene wieder als Handlungswissenschaft begreifen. Auch der vorliegende
Versuch, eine wissenschaftliche Bestimmung für die Didaktik des sozialen Lernens zu
entwickeln, versteht sich als ein Beitrag zu solchen Bemühungen und wird daher mit einer
Untersuchung des Handlungsbegriffes beginnen.
Bei dem Versuch einer Definition von Handlung beziehen wir uns auf die theoretischen und
empirischen Grundlagenforschungen, die der russische Psychologe LEONTJEW in seinem Buch
"Probleme der Entwicklung des Psychischen"1 vorgetragen hat. In einer
differenzierenden Weiterentwicklung des von MARX und ENGELS her bekannten Begriffes der
Arbeit weist LEONTJEW nach, daß der qualitative Unterschied zwischen Mensch und Tier nicht
in einem einzelnen körperlichen Merkmal oder in einer einzelnen Fähigkeit der Menschen zu
finden ist, sondern in der Entwicklung der Fähigkeit, sinnvoll koordinierte Handlungen
durchzuführen. Handlungen der Menschen unterscheiden sich LEONTJEW zufolge dadurch von den
Tätigkeiten der Tiere, daß sie der individuellen Bedürfnisbefriedigung nicht in direktem
Zugriff auf ihren Gegenstand, sondern erst über den Umweg einer gemeinschaftlichen
Sinnbestimmung dienen. Er verdeutlicht diesen Zusammenhang am Beispiel eines Treibers,
der den jagenden Stammesgenossen Beutetiere zutreibt. Das Wegscheuchen von Beutetieren
könnte eigentlich nicht im Interesse eines hungrigen Lebewesens liegen, wenn nicht die
gemeinschaftliche Organisation des gesamten Handlungszusammenhanges dieser Einzelaktion
des Treibers Sinn geben würde. Das Wesen der menschlichen Handlungen wird demzufolge von
den folgenden drei Komponenten, die sich wechselwirkend beeinflussen, bestimmt:
- den beteiligten Individuen,
- der Eigenart der Gegenstände, auf die sich die Handlung richtet und
- der Struktur der Gemeinschaft, in deren Rahmen sich eine Handlung abspielt und von
deren kollektiven Organisationsformen und Wertungen alle Handlungen direkt oder
indirekt Zielsetzung, Sinnzusammenhang und Bedeutung beziehen.
Für die Entwicklungsgeschichte ist LEONTJEWs Definition der Handlung
interessant, weil sie eine Erklärung für die ständige Veränderung und Erweiterung der
intellektuellen, praktischen und sozialen Strukturen des Menschen bietet. Da sich das
Individuum in der Handlung seinem Gegenstand nicht unmittelbar zuwendet, sondern diesen
auf die anderen Individuen und die Gemeinschaft bezieht, entsteht die Möglichkeit und
Notwendigkeit, einen über den Moment hinaus dauernden "Begriff" vom Gegenstand zu entwickeln,
welcher mitteilbar ist, und mit dem Verständnis der anderen Gemeinschaftsmitglieder
übereinstimmt. Die Notwendigkeit zur Benennung der Gegenstände entsprechend ihren
Eigenschaften und den Funktionen, die sie im Rahmen gemeinschaftlicher Handlungsabläufe
haben, ermöglicht Sprache, Erinnerung, Festhalten einzelner und gemeinsamer Erfahrungen,
Erkenntnisse über Gegenstände und die Möglichkeit, sie zu verbessern. Aber auch für die
Psychologie des Lernens ist LEONTJEWs Definition von Bedeutung. Sein Handlungsbegriff
enthält alle jene Komponenten, die auch für die individuelle Entwicklung wichtig sind.
In der handelnden Auseinandersetzung mit der Natur oder mit anderen Gegenständen macht
das Individuum auf mehreren Ebenen Lernerfahrungen.
Die gemeinschaftliche Komponente der Handlung ermöglicht emotionale, ihre gegenständliche
Seite praktische Erfahrungen und die Reflexion der in der Handlung angegangenen
Problembewältigung setzt intellektuelle Erfahrungsprozesse in Gang. Wie die phylogenetische
so findet auch die ontogenetische Entwicklung des Menschen dann unter optimalen Bedingungen
statt, wenn die Individuen in solche Handlungszusammenhänge eingebunden sind, deren emotionale,
praktische und intellektuelle Erfahrungsgehalte aufeinander abgestimmte und gleichgewichtige
Lernprozesse ermöglichen. Diesen subjektiven Aspekt der Struktur von Handlungen nennen wir
Erfahrung. "Wir wollen einen solchen ganzheitlichen
Vorgang der Erkenntnisgewinnung,
den wir als handelnden und erkennenden Wechselwirkungsprozeß zwischen Subjekt, Kollektiv und
Objekt begreifen, dann als Erfahrung bezeichnen, wenn er von der Seite des Subjekts oder
Individuums betrachtet wird."2
Erfahrung wäre also die Gleichzeitigkeit von sozial-emotionalen, theoretisch-intellektuellen
und gegenständlich-praktischen Lernvorgängen in einem realen Handlungsablauf.
In und mit der Handlung lernt das Individuum aber nicht nur sich selbst und seine Fähigkeiten
kennen und entwickeln, es lernt auch die Regeln der Gemeinschaft und es lernt die
Eigenschaften der Gegenstände. "Die Entwicklungsmöglichkeiten der Individuen
(Erfahrung, Lernen), der Gemeinschaft (Organisationsformen, Werte und Normen, Religion) und
der Gegenstände (Natur, Kultur, Technik und Produktionsmittel) sind voneinander abhängig,
bedingen sich gegenseitig und sind eingeschlossen in eine Vielzahl einzelner Handlungsabläufe,
deren langfristiger Zusammenhang als Geschichte bezeichnet wird."3
Dies alles mag plausibel klingen, aber - so könnte man sich fragen - was hat es mit der
Definition des sozialen Lernens zu tun? Eine erste Antwort können wir bereits geben:
Wenn Handlungen sich dadurch auszeichnen, daß in ihnen individuelle, gegenständliche und
soziale Faktoren gemeinsam wirken, und daß sie Lernen und Entwicklung dadurch fördern,
daß sie praktisch-gegenständliche, theoretisch-intellektuelle und sozial-emotionale
Lernprozesse gleichzeitig ermöglichen, so wird Lernen, welches sich nur auf jeweils einen
dieser Aspekte richtet, elementare menschliche Gegebenheiten ignorieren. Weder die einseitig
intellektuelle Ausrichtung unserer schulischen Lernprozesse, welche emotionale und praktische
Komponenten übersieht noch eine Konzeption des sozialen Lernens, welche sich ausschließlich
auf die Förderung zwischenmenschlicher Beziehungen und Verhaltensweisen konzentriert, würde
dem ganzheitlichen Charakter von Lernprozessen gerecht werden. Ehe wir im dritten Teil unseres
Beitrages aus der Definition des Handlungs- und des Erfahrungsbegriffes eine didaktische
Konzeption des sozialen Lernens entwickeln, wollen wir daher im folgenden zunächst die
Handlungs- und Erfahrungsbereiche heutiger Kinder und Jugendlicher betrachten, um zu ermitteln,
inwiefern sie die soziale Lernfähigkeit der Heranwachsenden fördern oder behindern.
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Il. Zur geschichtlichen Entwicklung und gegenwärtigen Qualität sozialer Handlungsfelder
und Erfahrungsprozesse von Kindern und Jugendlichen
Lernerfahrungen, so haben wir gesehen, spielen sich immer im Rahmen
sozialer Erfahrungsprozesse ab. Nun haben sich aber im Verlauf der geschichtlichen
Entwicklung die Beziehungen zwischen den Individuen, der Gemeinschaft und den zum
Leben benötigten Gegenständen (die Sozialerfahrungen also) entscheidend geändert.
Der als Handlungseinheit beschriebene Lebensprozeß hat sich seit den Zeiten der Treiber und
Jäger auf eine Weise kompliziert, die es vor allem Kindern nahezu unmöglich macht, seinen
inneren Zusammenhang zu erkennen. Lernen, Leben und Arbeiten haben scheinbar nichts mehr
miteinander zu tun, wobei das Lernen "zu einer hochspezialisierten, meist unlustvollen
Teilbetätigung geworden ist, die sich getrennt von dem abspielt, was man als soziales
Individuum tut, erfährt, erlebt, fühlt, sagt und produziert. Der Zusammenhang zwischen
Gelerntem und Gelebtem ist für das Individuum allenfalls in der abstrakten Form von
Zensuren und Zeugnissen und den damit bescheinigten Lebenschancen nachvollziehbar."4
Daß dem nicht immer und nicht überall so gewesen ist, lehren uns die Lern- und Lebensbedingungen
anderer Zeiten und anderer geographischer Breiten. So fanden z.B. in der großen bäuerlichen
oder handwerklichen Haushaltsfamilie des Mittelalters Lebens-, Lern- und Arbeitsprozesse unter
einem Dache statt. Hier wurden in einem den Kindern grundsätzlich zugänglichen Erfahrungsraum
alle wesentlichen Dinge und Abläufe des Lebens getätigt. Die Produktion der für den Verkauf
und der für den eigenen Verbrauch bestimmten Güter, die Pflege der Kranken, Geburt, Alter und
Tod waren Geschehnisse, bei denen die Kinder zugegen waren und in die sie beobachtend,
imitierend und partizipierend einbezogen wurden. Die Vielzahl der Identifikationsangebote
durch die zahlreichen Hausgenossen, die Fülle der Anregungen, die sich aus den beobachtbaren
Tätigkeiten der Erwachsenen und aus den zur Erprobung bereitstehenden Gegenständen ergaben,
sowie die Möglichkeit, den Sinn der einzelnen Tätigkeiten und die soziale Struktur der
Gemeinschaft zu verstehen, waren Bedingungen, unter denen sich fachliche Qualifikation,
soziale Identität und emotionale Entwicklung der Kinder von selbst und gemeinsam ergaben.
Die Einheit von Leben, Arbeiten und Lernen mußte sich in dem Maße auflösen, in dem die
industriell-kapitalistische Produktionsweise neue Lebens-, Arbeits- und Lernbedingungen schuf.
Die Arbeit wanderte aus den Wohnungen, die Väter, meist auch die Mütter aus den Familien aus.
Die Auswirkungen dieser veränderten Arbeitssituation auf die innerfamiliäre Erziehung: der
Funktionsverlust der Familie ist oft beschrieben worden. Hier sollen deshalb nur die
Konsequenzen untersucht werden, die die neue Organisation der Arbeit auf die soziale
Entwicklung und das Lernschicksal der Mehrzahl aller Kinder und Jugendlichen haben mußte.
Um diese zum Teil katastrophalen Effekte zu verstehen, müssen wir uns vor Augen halten,
daß die Kinder mit der neuen Arbeitssituation nicht nur die Gegenwart ihrer Eltern verloren,
sondern auch die für ihre eigene Zukunft so bedeutsame Möglichkeit, sich an ihren erwachsenen
Bezugspersonen und deren Tätigkeit zu orientieren. Die Arbeit der Erwachsenen mußte ihnen in
doppeltem Sinne fremd werden. Erstens verlor sie Anschaulichkeit und Präsenz und zweitens
konnte sie kaum mehr als etwas Erfreuliches, als etwas, das Selbstwertgefühl und Kontakt mit
geliebten Personen vermittelt, erlebt werden. Kinder mußten die Arbeit ihrer Eltern als
Zwang ansehen, der gerade das Gegenteil bewirkte. Menschen wurden durch sie auseinandergerissen,
die Familie durch sie aufgelöst, die Kommunikation und Gemeinsamkeit von Freunden und
Familienmitgliedern auf ein Minimum an Zeit und an inhaltlichen Bezügen reduziert. Was Wunder,
daß die Bereitschaft, es den Erwachsenen gleichzutun, an ihrer Arbeit teilzuhaben, sich auf
diese vorzubereiten und für sie zu lernen, bei den betroffenen Kindern verkümmern muß. Der
Verlust an Lebensperspektive und langfristigen Identifikationsangeboten trifft die Kinder
unterer Sozialschichten besonders hart. Der Erwerb von Lernmotivation und sozialer
Identität wird bei ihnen durch den niedrigen Sozialstatus der Eltern noch erschwert. Und auch
wenn es sich, wie Hartmut von HENTIG feststellt, um einen Aspekt unserer Realität handelt,
den alle Kinder zu spüren bekommen, steht außer Zweifel, daß Unterschichtskinder von dem
Defizit an Zuwendung und Kontakt am härtesten betroffen sind.
Für Großstadtkinder kommt zu dem innerfamiliären Erfahrungsverlust der Zusammenbruch der
sozialen Nachbarschaft hinzu. Die bauliche Sanierung der Städte, die Verdrängung der kleinen
Läden durch Supermärkte, die Errichtung von zentralen Gesamtschulen, die Umsiedlung ganzer
Wohnbezirke und das Einströmen fremder Bevölkerungsgruppen vollziehen hier scheinbar
unaufhaltsam ihr zerstörerisches Werk. Um zu ermessen, welche Verluste diese Veränderungen
mit sich bringen, muß man sich den Schatz an positiven, emotionalen Erfahrungen vorstellen,
die die Kontakte der Mutter auf dem Straßenmarkt oder in dem kleinen Laden um die Ecke
enthalten und sich vergegenwärtigen, wie bedeutsam für Kinder ein Netz von sozialen Bezügen,
das sie trägt und ihnen Orientierungen ermöglicht, gerade in der Wohngegend sein muß, die ja
für die Kinder einziger Lebensraum ist. Die Ferne und Müdigkeit der Eltern wird im Erleben
heutiger Kinder häufig ergänzt durch die Anonymität der Nachbarschaft und durch die emotionale
Distanz zu den in den Kinderhorten und Schulen tätigen Lehrern und Erziehern. Mit dem Verlust
an Bezugspersonen geht für die Kinder der Verlust an Tätigkeitsfeldern und Erfahrungsräumen
einher. Die Kinderfeindlichkeit der Straßen, Plätze und Parkanlagen unserer Städte braucht
kaum näher erläutert zu werden; ich möchte deshalb nur die Zentralisierung, Mechanisierung
und Automatisierung alltäglicher Handlungsabläufe erwähnen, die fast immer mit einem Verlust
an Kommunikation und Erfahrungsmöglichkeit verbunden ist. Das Gedicht Der Supermarkt
einer elfjährigen Schülerin zeigt besser als theoretische Überlegungen, um was es für die
Kinder hierbei geht:
DER SUPERMARKT
Ich schaffe es, mich durch die Tür zu quetschen
und die hitzige, geschäftige Menge zu begrüßen, die mich empfing.
Es ist, als ob ich in eine kleine Sardinendose reingepreßt wäre.
Ich langte nach einer Dose Erbsen
und habe den ganzen Haufen vor meinen Füßen.
Ich schob mich weiter, versuchte nicht an die Wand zu stoßen.
Alle scheinen in Eile
als ob die Welt in fünf Minuten unterginge
schließlich hatte ich meine wenigen Sachen zusammen.
Und jetzt das Anstehen,
die Warterei, die einen wirklich fertigmacht,
die mir echt an die Nieren geht.
Ich stehe allein, unbequem -
Die Schlange bewegt sich
ich entspanne meine Muskeln und kämpfe um meinen Platz.5
Auch die Automation und Technisierung im häuslichen Bereich bedeutet ein
Defizit an Erfahrungen für die Heranwachsenden, da durch sie die wenigen lebensnotwendigen
Prozesse, die sich noch in der unmittelbaren Umgebung von Kindern ereignen, deren Teilhabe
und Einsichtnahme entzogen werden. Diese Feststellung darf im übrigen keinesfalls als
Polemik gegen technische Hilfe im Haushalt mißverstanden werden. Sie soll nur helfen, unseren
Blick zu schärfen für die vielfältigen Verluste, die sich. hinter den selbstverständlichen
Alltäglichkeiten unserer Erwachsenenwelt verbergen und für die wir unseren Kindern meist
keinen Ersatz bieten.
Bei der Analyse der für die soziale Entwicklung bedeutsamen Erfahrungsräume muß noch auf einen
oft vernachlässigten Zusammenhang hingewiesen werden: den Aspekt der zukünftigen
Handlungsmöglichkeiten der Jugend und ihrer jeweiligen sozialen Gruppe, Klasse oder Schicht.
In der Zukunft liegende Identitätsangebote prägen ebenso wie geschichtliche
Identitätsangebote die soziale Entwicklung eines Menschen weit intensiver, als z.B. von der
Sozialisationsforschung zur Kenntnis genommen wird. Im Zeichen von Arbeitslosigkeit und
Lehrstellenmangel wird die Möglichkeit, sich mit ihrem Platz in der Zukunft anzufreunden für
Unterschichtkinder und Hauptschüler immer schwieriger. Daß die Geschichte bei der Ausbildung
ihrer sozialen Identität Hilfestellung leisten könnte, ist angesichts des immer noch
überwiegend bürgerlichen Geschichtsverständnisses unserer Richtlinien und Lehrer bzw.
angesichts des Mangels an qualifiziertem Geschichtsunterricht nicht zu erwarten. Hinsichtlich
der stabilisierenden und integrierenden Wirkung einer politischen Zukunftsperspektive,
sieht es im gegenwärtigen Klima restriktiver Verfolgung und Kriminalisierung alternativer
politischer Grundsatzüberlegungen für den durchschnittlichen Jugendlichen ebenfalls
hoffnungslos aus. Unsere Gesellschaft läßt ihrer Jugend nicht einmal in der Phase der
Identitätsfindung Spielraum für politisches Engagement.
Aufgabe der Schule wäre es, angesichts einer gesellschaftlichen Organisation, die die Welt der
Kinder auf so vielfältige Art verarmen läßt und sie von der Welt der Erwachsenen trennt,
die Kinder für ihre Verluste zu entschädigen und die Kluft zwischen ihrem Leben und der
Arbeit der Erwachsenen zumindest zu verringern.
Wir alle wissen, daß die Schule sich dieser Aufgabe kaum bewußt, geschweige denn ihr
gewachsen ist. Die Schule ist ein Ort der Entfremdung des Lernens geworden, welche der
Entfremdung der Arbeit im Betrieb und der Entfremdung des Lebens in isolierten Wohnghettos
entspricht. Die Dürftigkeit der Ausstattung mit handhabbaren Gegenständen, die emotionale
Ferne der dort tätigen Bezugspersonen und eine Organisation des Lernens, die Zusammenhänge
inhaltlich und zeitlich zerhackt, lassen kaum je identitätsstiftende Erfahrungsprozesse zu.
Eine ausführliche Beschreibung der in der Schule tatsächlich stattfindenden sozialen
Lernprozesse, des heimlichen Lehrplans, wollen wir uns hier sparen. Das folgende Gedicht der
13jährigen Sharon soll uns nur noch einmal das Gefühl der Fremdheit und Sinnlosigkeit,
das viele Schüler mit Schule verbinden, vor Augen führen:
Lehrer, Lehrer, wer bist du,
Wie du so groß auf deinem Stuhl sitzt,
Sag mir, wie du heißt und welches Fach du gibst, Und bitte sag mir auch, was du ißt.
Viele sitzen da und glotzen
Und beobachten dein Gesicht mit dem erschreckenden Blick
Wie du den ganzen Tag lang faselst und fantasierst
Und keinen Gedanken an die verschwendest, die nur vor sich hinstarren
Lehrer, Lehrer wer bist du
Wie du so groß auf diesem Stuhl sitzt
Ist es wahr, daß du Leute schlägst, kochst, ißt und verdaust?
Wenn ja, wird dein Verstand anderswo gebraucht. 6
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III. Didaktische Dimensionen des sozialen Lernens
Die hier vorgetragenen sozialisationstheoretischen Überlegungen sind für
unser Thema deswegen wichtig, weil eine Definition des sozialen Lernens sowohl
erkenntnistheoretisch als auch gesellschaftlich-historisch begründet werden sollte. Die
Entwicklung didaktischer Kategorien müßte nun beiden Bereichen Rechnung tragen beziehungsweise
beide Aspekte miteinander verbinden. Doch taucht hierbei eine erste Schwierigkeit auf:
Die begriffliche Bestimmung von Erfahrung als des subjektiven Niederschlages von Handlungen hat
ergeben, daß Erfahrung die Gleichzeitigkeit von sozial-emotionalen, gegenständlich-praktischen
und theoretisch-intellektuellen Lernprozessen in realen Lebenszusammenhängen ist. Die
geschichtlich-gesellschaftliche Analyse dieser Lebenszusammenhänge hat demgegenüber gezeigt,
daß durch die gewaltsame Trennung der Lebensbereiche ganzheitliche Erfahrungsprozesse nahezu
unmöglich geworden sind und daß die Erfahrungen der Kinder verkümmern in einer Umwelt, die
ihnen keine emotionale Identität, keine praktische Partizipation und keine intellektuelle
Einsichtnahme in die Tätigkeiten und Gesetze der Erwachsenenwelt gewährt, und die die
Handlungsmöglichkeiten selbst in den kindlichen Reservaten noch durch eine Fülle von Tabus und
Verboten einengt.
Bei näherer Betrachtung ist es aber gerade dieser Widerspruch zwischen Begriff und Realität
von Erfahrung, dem wir die wichtigsten didaktischen Dimensionen des sozialen Lernens entnehmen
können. Zunächst einmal deshalb, weil wir in ihm die Ursache für Erscheinungen wie Schulunlust,
Aggressivität, Motivationsschwäche, mangelnde Konzentrationsfähigkeit und emotionale
Verkümmerung der Schüler erkennen müssen, deren beängstigende Zunahme Anlaß dafür war, der
Schule den uns beschäftigenden neuen Erziehungsauftrag abzuverlangen. Wenn sich der Lernbereich
soziales Lernen nun nicht als vordergründige Aufmunterungsdidaktik mit bloßer Ventilfunktion
für schulischen Entfremdungsstreß verstehen will, so muß er sich daher mit den Ursachen
dieser psychischen Defizite befassen. Wir haben die Ursache darin gesehen, daß Kindern und
Jugendlichen in unserer Gesellschaft ganzheitliche Lernprozesse, die sowohl befriedigende
affektive, als auch intellektuelle und praktische Erfahrungen vermitteln, vorenthalten werden,
und daß ihnen der eigentliche Sinn ihrer eigenen Probleme und Lernanstrengungen verborgen
bleiben muß. Will Soziales Lernen einen wirksamen Ausgleich für innerhalb und außerhalb der
Schule erfahrene Deprivationen anstreben, so kann dies daher nur gelingen, wenn den Schülern
auf allen beteiligten Ebenen gleichzeitig und mit gleicher Intensität Hilfestellung angeboten
wird. Dies bedeutet einmal, daß den Schülern Aktivitäten geboten werden müssen, die mit
positiven Gefühlen belegbar sind und die sie in Kontakt miteinander und mit der heute oder
später für sie relevanten sozialen Umwelt bringen. Es bedeutet zweitens, daß den Schülern
Einblick gewährt wird in die gesellschaftlichen Hintergründe, welche ihre und anderer
Menschen Erfahrungen bestimmen und beeinflussen. Es muß ihnen die Möglichkeit eröffnet werden,
zu begreifen, in welcher Weise individuelle Erfahrungen, Probleme und Lebenschancen mit den
gesellschaftlichen Erfahrungen und Strukturprinzipien verbunden sind und wie diese wiederum
abhängen von der geltenden Art der Beherrschung der natürlichen und technischen Ressourcen
einer Gesellschaft durch Einzelne oder durch die Gemeinschaft. Nicht zuletzt müssen den
Schülern Möglichkeiten aufgezeigt und Hilfsmittel genannt werden, mit denen sie sich in
Kenntnis der gesellschaftlichen und materiellen Bestimmungsfaktoren gemeinsam um die Gestaltung
eigener Erfahrungsperspektiven bemühen können.
Diese drei Dimensionen des sozialen Lernens möchte ich in Anlehnung an die bereits an anderer
Stelle 7 entwickelte Systematik einer Didaktik der politischen Bildung und des
sozialen Lernens folgendermaßen bezeichnen:
- Die affektive Kompensation subjektiver Erfahrungsdefizite
- Die kognitive Rekonstruktion objektiver Erfahrungszusammenhänge und
- die kollektive Produktion von Erfahrungsperspektiven.
Dem Aspekt der Kompensation von Erfahrungsdefiziten würden alle jene
Unterrichtsvorgänge dienen, welche die Schüler sowohl intellektuell als auch emotional anregen,
und die dies über gemeinsame praktische Aktivitäten erreichen. Hierzu gehört der selbsttätige
Kontakt mit Gegenständen der Natur (Pflanzen, Tiere, Rohstoffen), des täglichen Lebens
(Haushaltsgeräte, Nahrungsmittel, Konsumgüter) oder der Arbeitswelt (Werkzeuge, Maschinenteile,
Halbfertigprodukte). Ute MOELLER-ANDRESEN hat in dem Bericht über ihre erste Klasse 8
gezeigt, daß man mit etwas Fantasie und vergleichsweise geringfügigen Hilfen auch in der
Schule weit mehr machen kann als allgemein üblich ist, nämlich: Kochen, Backen, Pflanzen und
Säen, Geräte auseinandernehmen, Tiere beobachten, Frühstücken, auf dem Wochenmarkt einkaufen,
eine Backstube besichtigen - und eine ganze Reihe anderer Dinge mehr, die den Unterricht
zur gemeinsamen Erfahrung werden lassen. Erfahrungen werden weiterhin durch solche
Unterrichtsverfahren ermöglicht, die den Schülern unmittelbare Einfühlung in die Situation
von Menschen anderer Schichten, Erdteile oder historischer Epochen eröffnen (Schauspiel,
Rollenspiel, Planspiel, Interviews, Besuch im Klassenzimmer, Hilfsaktionen etc.).
Hierbei ist es wichtig, solche geschichtlichen oder zeitgenössischen Personen oder
Gruppen auszuwählen, die den Schülern als Vorbild dienen können bzw. geeignet sind,
ihnen eine realistische soziale Identität zu vermitteln. Die unmittelbare Erlebnis- und
Handlungsfähigkeit der Schüler unterstützen auch alle Maßnahmen, welche den Gruppenkontakt
und die Solidarität der Schüler untereinander fördern (Gruppenarbeit, Gruppentests,
gegenseitige Hilfe und Nachhilfe, Gruppenprojekte, praktische Medienarbeit, Lernspiele,
die Lernkontakt als Sozialkontakt fördern, eigenständige Darbietung von
Gruppenarbeitsergebnissen, selbständige und gemeinsame Unterrichtsplanung durch Schüler).
Unterrichtsprojekte, die geeignet sind, den Schülern die außerschulische Realität ihrer
näheren oder weiteren Umgebung aktiv zu erschließen, wie die Erkundung von Stadtteilen,
Betrieben, unterschiedlichen Wohnmöglichkeiten und Sozialeinrichtungen, vermitteln sowohl
gemeinsame Handlungen und Erfahrungen für die Schüler als auch, bei entsprechender
inhaltlicher Vorbereitung, die so wichtige Einsicht in die Komplexität von
Erfahrungszusammenhängen.
Diese Rekonstruktion objektiver Erfahrungszusammenhänge in den Köpfen der Schüler und die
schrittweise Entwicklung entsprechender sozialgeschichtlicher Kenntnisse und Begriffe betrifft
die zweite Dimension des sozialen Erfahrungslernens und ist unerläßlich, wenn man den Schülern
helfen will, ihre eigenen oft deprimierenden Erfahrungen zu verarbeiten. Aus einer Reihe von
Untersuchungen wissen wir, daß gerade sogenannte Problemschüler dazu neigen, ihnen
vorenthaltene Lern- und Lebenschancen als schuldhaftes eigenes Versagen zu interpretieren.
Daß, und in welcher Weise persönliches Leiden und persönliche Schwierigkeiten Auswirkungen
gesellschaftlicher Verhältnisse sind, muß ihnen daher gerade dann zugänglich und durchschaubar
gemacht werden, wenn diese Zusammenhänge nicht mehr unmittelbar einsehbar sind.
Natürlich können eine ganze Reihe besonders komplexer gesellschaftlicher Zusammenhänge
mit Primarstufenkindern noch nicht erarbeitet werden; doch ist es nicht schwierig, einfache
Beispiele zu finden, an denen auch Kindern der unteren Jahrgangsklassen die Wechselwirkung
zwischen der technischen Beschaffenheit von Gegenständen, mit denen Menschen leben, ihrer
sozialen Organisationsform und der jeweiligen individuellen Lebensqualität verdeutlicht
werden kann. Ich denke da in erster Linie an die Tätigkeiten des täglichen Lebens, wie Kochen,
Backen, Nähen, Einkaufen, Lernen und Geld verdienen, die in unterschiedlichen
Gesellschaftsordnungen und sozialen Schichten unterschiedlich und mit unterschiedlichen
Gerätschaften gehandhabt werden und die daher für die betroffenen Menschen auch immer
unterschiedliche Qualität von Anstrengung, Kommunikation und Befriedigung bedeuten. Auch
bei der Rekonstruktion von Erfahrungszusammenhängen kann uns im übrigen die obenentwickelte
Definition des Handlungsbegriffes Anhaltspunkte für die didaktische Umsetzung bieten.
Als Einstieg für die Darlegung des Zusammenwirkens der Einzelfaktoren Individuum/Gegenstand/
Gemeinschaft kann jeder der drei Pole genommen werden. Der Einstieg über die technischen
Entwicklungsstufen eines Gebrauchs- oder Arbeitsgegenstandes, wie z.B. der Schreib- und
Druckgeräte, der Geräte zur Bearbeitung des Bodens, zur menschlichen Fortbewegung oder der
Küchengeräte, bietet eine Fülle anschaulicher Beispiele für die Auswirkungen der materiellen
Beschaffenheit dieser Gegenstände auf die Lebensweise der Menschen. Hierbei muß dann
herausgearbeitet werden, daß diese Auswirkungen technischer Qualitätsveränderungen niemals
eindeutig und zwangsläufig sind, sondern daß sie ihre konkrete Ausprägung immer auch von den
anderen Faktoren, insbesondere von der Form der gesellschaftlichen Nutzung der jeweiligen
Technik erhalten.
Auch die Beschäftigung mit einzelnen Menschen unterschiedlicher Sozialschichten,
geschichtlicher Epochen oder geographischer Breiten, bietet die Möglichkeit, mit
Primarschulkindern die Auswirkungen der jeweils dominierenden Form der gesellschaftlichen
Arbeitsteilung und der Verteilung von gesellschaftlichen Nutzen und Lasten nachzuvollziehen.
Ich denke da z.B. an die Geschichte "Die grauen und die grünen Felder" von Ursula WÖLFEL,
aber auch an die eigene europäische Sozialgeschichte, die reichhaltiges und interessantes
Material bietet, anhand dessen man Kinder an den Erfahrungen von Fronbauern, Raubrittern,
Juden, Mönchen, Dienstmädchen, fahrenden Gesellen, landlosen Bauern, Auswanderern,
Gastarbeitern u.a. teilnehmen lassen kann. Ein Unterricht, der es vermag, den Schülern
anhand typischer 'biographischer' Einzelbilder ein Grundverständnis für gesellschaftliche
Zusammenhänge zu vermitteln, legt damit zugleich wichtige Grundlagen für den
Geschichtsunterricht, die später ein konkretes Verständnis von geschichtlicher Veränderung
ermöglichen.
Als letzte Möglichkeit zur Rekonstruktion von Erfahrungszusammenhängen wäre der Einstieg
über die Behandlung von Organisationsprinzipien zu nennen. Dies ist sicher die abstrakteste
der drei Vermittlungsformen, aber auch für sie lassen sich Beispiele finden. So kann man
Grundschulkindern die Bedeutung von sozialen Organisationsformen für das Leben der Einzelnen
am Beispiel von Kindern erläutern, die im Kibbuz, in einer Wohngemeinschaft, in einer
Kleinfamilie, einer Großfamilie oder im Hort aufwachsen und die entsprechend unterschiedliche
Erfahrungen machen. Auch kann man schon in der Grundschule darüber sprechen, daß die
Organisation des Schulalltags, der Sitzordnung, der Zeiteinteilung etc. Einfluß auf die im
jeweiligen Rahmen mögliche Kommunikation hat. Das Besprechen unterschiedlicher Regeln und
Konventionen, Schulordnungen und Gesetze gehört hierher, wobei deutlich werden sollte,
"daß es unterschiedliche Möglichkeiten zur Regelung von Problemen und Abläufen gibt, daß
Regelungen je unterschiedliche Personengruppen benachteiligen bzw. bevorzugen und daß man
Regeln und Gesetze ändern kann".9 Natürlich sollten die Schüler möglichst
eigene Erfahrungen mit selbstgesetzten, erprobten und geänderten Regeln machen können,
um ihre Auswirkungen auf das Zusammenleben in der Klasse zu beobachten.
Damit wäre bereits die dritte und letzte Dimension des Erfahrungslernens angesprochen:
Die gemeinsame Produktion von Erfahrungsperspektiven. Hierbei handelt es sich um das
eigentliche Lernziel des sozialen Lernens. Die Schüler sollen befähigt werden, die
Bedingungen für ihre eigenen gegenwärtigen und künftigen Erfahrungen aktiv und gemeinsam
zu beeinflussen, und das heißt: ihre eigenen Erfahrungen machen. Wieder könnte man
einwenden, daß diese Zielsetzung für das Grundschulalter zu hoch gegriffen sei und keine
Chance der Verwirklichung habe. Dem ist jedoch entgegenzuhalten, daß die Fähigkeit zu
aktiver Beeinflussung und Gestaltung der eigenen Umwelt auch gegen Widerstände von
klein an geübt werden muß, wenn sie für den erwachsenen Menschen zu einem festen
Bestandteil seiner persönlichen Qualifikation werden soll. Im Verändern und Beeinflussen
müssen sich daher schon kleine Kinder üben. Zunächst darin, daß man sich für entsprechende
Vorhaben einig sein muß, daß man gute Gründe vortragen muß und daß man notfalls Niederlagen
einstecken können muß. Ändern, oft genug nur gegen Widerstand, kann man z.B. die Ausstattung
des Klassenzimmers oder des Schulgeländes, die Schulordnung, die Meinungen in den
Köpfen von Eltern, Lehrern oder anderen Erwachsenen oder die Geschäftsordnung im
eigenen Klassenverband. Gerade hierbei sind kleine wie große Schüler im übrigen ganz
besonders auf den Rat und die Unterstützung des Lehrers angewiesen. Dessen Funktion geht
dabei über eine rein pädagogische Aufgabe hinaus und bekommt insofern politische Qualität,
als er zwischen den bei solchen Veränderungsprozessen möglicherweise aufeinander prallenden
Interessengruppierungen (Schulleitung, Eltern, Schüler, Kollegium) beratend und vermittelnd
tätig werden muß. Soll Schule zum Erfahrungsraum werden und nicht in der
sterilen und bürokratischen Verwaltung vorgeschriebener Lernbits erstarren, sind gerade
solche Prozesse und Konflikte unerläßlich, welche für die Schüler nicht-vorprogrammierten
Ernstcharakter haben und die Möglichkeit bieten, die eigenen Kräfte zu erproben.
Zum Abschluß möchte ich die drei Dimensionen des Erfahrungslernens und ihre wesentlichen
Merkmale in einer tabellarischen Übersicht zusammenfassen:
| Erfahrungsdimensionen |
Didaktische Schwerpunkte |
Zeitlicher Schwerpunkt |
| Kompensation subjektiver Erfahrungsdefizite |
Unterrichtsmethoden
Freizeitbereich
Elternarbeit
gemeinsame außerschulische Erfahrungen (z.B. Schullandheim) |
Erleben der gegenwärtigen Unter-richtssituation |
Rekonstruktion von Erfahrungszusammenhängen im Bewußtsein der Schüler,
vermittelt über
Gegenstände und Werkzeuge des täglichen Gebrauchs
Lebensgeschichten von Individuen
Lebensformen, gesellschaftliche Organisations- und Eigentumsformen, Regeln und Gesetze |
Unterrichtsinhalte |
Gesellschaftliche Analyse von Gegenwart und Vergangenheit |
| Produktion gemeinsamer Erfahrungsperspektiven |
Unterrichtsgeschehen, selbstgewählte Regeln und Arbeitsformen, Interaktionsformen, Vorhaben und Projekte der Schüler |
Planung zukünftiger Handlungsperspektiven |
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