| www.widerstreit-sachunterricht.de/Ausgabe Nr.8/März 2007 | |||||
Astrid Kaiser
|
Zum Text von Barbara Schaeffer |
||||
|
In meinem Kommentar wird das diskursgeschichtliche Profil
Barbara Schaeffers, die ein Verständnis von Pädagogik als Handlungswissenschaft betont,
nachdrücklich hervorgehoben. Ihre didaktischen Ansätze des sozialen Lernens mit Fokus auf
Kinder aus sozial unterprivilegierten Bevölkerungskreisen ist unter dem Pluralismusparadigma
der Didaktik verloren gegangen und stellt sich doch hoch aktuell als Aufgabe angesichts sich
stärker polarisierender gesellschaftlicher Verteilungsungleichheit und entsprechender
Auswirkungen auf das Bildungssystem. |
Druckversion |
||||
Diskursgeschichte im Sachunterricht Barbara Schaeffers Text zum sozialen Lernen aus dem Jahr 1978 spannt einen
weiten Bogen. Er ist ein klassischer bildungstheoretischer Aufsatz, den es in dieser
Breite heutzutage kaum noch gibt. Er ist historisch spekulativ, lerntheoretisch profiliert.
Mit ihrer Anlehnung an die Tätigkeitstheorie Leontjews weist sie auf didaktisch positive
Möglichkeiten hin, sie kritisiert nicht nur, sondern ist dabei auch konstruktiv im Sinne von
Klafkis Verständnis von Erziehungswissenschaft, indem sie konzeptionell Kategorien der
Erfahrungsorientierung auf ihrem lerntheoretischen Hintergrund entwickelt. "Der Ganzheits- und Handlungscharakter
ging der Pädagogik in ihrer kritisch-analytischen Phase verloren. Hier etabliert
sie sich als Erziehungswissenschaft und gleicht sich in ihrem erkenntnistheoretischen
und methodologischen Selbstverständnis den empirischen Sozialwissenschaften an." (Schaeffer, S. 1 (Hervorh. im Original))
Heute sehen wir, dass durch die mit hohem Aufwand durchgeführten empirischen Untersuchungen der Lehr-Lernforschung am Ende Kategorien für produktiven Unterricht herauskristallisiert werden, die man als schwache Kopie der bildungstheoretischen Didaktik bezeichnen kann und die einer Rezeptologie von Unterricht Vorschub leisten. Hier sei nur daran erinnert, dass gegenwärtig die Bedeutung von Motivation und Klassenklima nun als "neue Erkenntnis" von Lehr-Lernforschung diskutiert wird. Zwar ist eine interdisziplinäre Verbindung wünschenswert und prinzipiell bereichernd, aber das heißt nicht, dass eine Seite sich selbst in dieser Verbindung aufgeben muss. Diese Gefahr hat Barbara Schaeffer schon Ende der 1970er Jahre präzise gesehen und deshalb so deutlich den Appell an die Gestaltung von Pädagogik als Handlungswissenschaft in diesem Artikel herausgearbeitet: "Die weitergehende Aufgabe, welche sich auf
das pädagogische Handeln richtet, muß demgegenüber als das Spezifikum der
wissenschaftlichen Pädagogik betrachtet werden. In ihrer Funktion als Handlungswissenschaft
kann sie sich nicht mehr auf die methodologischen Überlegungen benachbarter Disziplinen
berufen; hier muß sie ihre eigenständige wissenschaftliche Legitimation finden." (Schaeffer, S. 1 (Hervorh. A.K.))
Ihr gelingt es, in dieser umfassenden Rundschau eine historische Rekonstruktion von Lernbedingungen in Steinzeit und Mittelalter zu umreißen. Sie kontrastiert diese mit gegenwärtigen Aufwachsensbedingungen von Kindern und beginnt sie didaktisch zu transformieren. Gleichzeitig war sie ihrer Zeit schon ein wenig voraus - und dies in doppelter Hinsicht: Sie sah bereits die besonderen pädagogischen Probleme, die sich für Kinder aus der Unterschicht ergeben, obgleich damals die Kluft zwischen arm und reich noch nicht so stark auseinander driftete wie heute. Insofern war sie visionär, wenn auch durch den Diskurs der sozialen Unterprivilegierung um 1970 in diese Richtung verstärkt. Allerdings hat sie auch eine Diskursentwicklung antizipiert und sich dieser selbst partiell angeschlossen, die aus heutiger Sicht auch als problematisch zu werten ist: Sie formulierte schon sehr früh die kulturpessimistische Sicht von veränderter Kindheit, wie sie erst durch die Publikationen des Arbeitskreises Grundschule ab 1989 verbreitet wurde. Diese hat sie schon sehr pointiert 10 Jahre vorher ausgedrückt. Wissenschaftstheoretisch war sie eindeutig profiliert. Sie sah als wesentliche Merkmalsbestimmung von Erziehungswissenschaft an, als wissenschaftliche Aufklärung von pädagogischer Praxis zu wirken. Dies ist im heutigen neutral-kontemplativen Gestus von positivistischer Wissenschaft oder der neutralen Analyse von quantitativen Relationen nicht mehr zu finden. Ihre Ausführungen grenzen an Gedanken der Parteilichkeit von Wissenschaft, ohne diese allerdings soweit zuzuspitzen, dass damit die Grenze von Wissenschaft zu Politik überschritten wird. Dennoch war es gerade dieses engagierte Motiv der Praxisaufklärung, das sie in Fortführung der Aufklärung zu einer modernen Pädagogin machte, die die Widersprüche der Zeit sah und Handlungsmaximen aufzustellen begann. Sie wollte aber eindeutig die Erziehungswissenschaft als Handlungswissenschaft verstehen und betrachtet sie als eine normative Disziplin per definitonem. Sie grenzt sich dabei explizit von einem positivistischen Wissenschaftsverständnis ab, das zu jener Zeit vor allem über die Nachbardisziplin Psychologie in die Erziehungswissenschaft eingedrungen war, indem sie kritisch anmerkt: "Bei aller angestrebten und zum
Teil erreichten Exaktheit der erzielten Einzelergebnisse muß jedoch angemerkt werden,
daß als Folge der sezierenden und isolierenden wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden der
Blick für die Komplexität pädagogischer Handlungs- und Wirkungszusammenhänge vielfach
verlorengegangen ist." (Schaeffer, S. 1)
Für Schaeffer ist wissenschaftskritisches Vorgehen in einem solchen Kontext unerlässlich. Sie fordert geradezu eine gezielte Handlungswissenschaft. Diese ist keinesfalls unrealistisch, Jahrhunderte erziehungswissenschaftlichen Denkens haben bereits ein differenziertes Spektrum pädagogischer Erkenntnis hervorgebracht (vgl. Bernhard 2006). Für mich war deshalb dieser Text jahrelang "Kult" und hing quasi als Segen über 10 Jahren Schulpraxis. Ich habe den Text nicht umsonst für diese Reihe "Archäologie" von "widerstreit-sachunterricht" empfohlen, er ist für mich eigentlich ein Verbindungsglied zwischen den frühen 1970er Jahren und heutigen Ansätzen zu gesellschaftlicher Bildung im Sachunterricht. |
|||||
Didaktisches Profil Der von Schaeffer gewählte lerntheoretische Ansatz changiert zwischen
Gesellschaft und Subjekt, zwischen Erfahrung und Lernen. Handlungsorientierung und Sinn
sind für sie die entscheidenden Kategorien. "In Zeiten von Arbeitslosigkeit und Lehrstellenmangel wird die Möglichkeit, sich mit ihrem Platz in der Zukunft anzufreunden für Unterschichtkinder und Hauptschüler immer schwieriger" (Schaeffer, S. 4)
Für heutige Zeiten hieße dies, systematisch von der Heterogenität der Kinder im Sachunterricht auszugehen und Modelle des sozialen Lernens zu entwickeln, die der Vielfalt der Erfahrungen, der Vielfalt der Lebensweise und der Vielfalt der Deutungsmuster dieser Situationen durch die Kinder entsprechen. M.E. kann dies nur in ein elaboriertes Konzept kommunikativen Sachunterrichts münden, den ich als Modellierung der modernen Risikogesellschaft ansehe (vgl. Kaiser 2004). Dies wäre dann der Weg zu einer wissenschaftlich fundierten Didaktik des sozialen Lernens. Schaeffer bleibt bei ihren didaktischen Vorstellungen aber nicht abstrakt normativ. Implizit greift sie den Klassiker zum politischen Lernen in der Arbeiterbildung, Oskar Negts Buch "Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen" (1968), auf, der auf die Erfahrungen der Arbeiter und der ihnen innewohnenden Widersprüche setzte. Auch sie nimmt wie Negt die Erfahrungen der Unterschichtkinder zum Ansatzpunkt für reflektierendes soziales Lernen, wenn sie als Lernprinzipien ausführt: "Produktion gemeinsamer Erfahrungsperspektiven, Kompensation subjektiver Erfahrungsdefizite, Rekonstruktion von Erfahrungs-zusammenhängen im Bewußtsein der Schüler, vermittelt über Gegenstände und Werkzeuge des täglichen Gebrauchs." (Schaeffer, S. 7)
Wichtig für ihren erfahrungsorientierten Ansatz des sozialen Lernens ist es, nicht nur Erfahrungen zu schaffen, sondern vor allem die Reflexion der eigenen sozialen Erfahrungen zu leisten. Bereits damals hat sie biografische fallbezogene Arbeit vorgeschlagen, um eine Brücke zwischen Subjekt und gesellschaftlichen Problemen und Erfahrungen zu schlagen und die persönlichen Reflexionen anzuregen. Barbara Schaeffer bleibt aber nicht bei allgemeinen, konzeptionellen Postulaten stehen, sondern entwickelt auch mikrostrukturelle Aussagen. So formuliert sie eine soziohistorische Erklärung dafür, warum in unteren gesellschaftlichen Statusgruppen die Lernmotivation strukturell besonders gering ausgeprägt ist. Besonders Lehrerinnen und Lehrer an Hauptschulen und Förderschulen kennen das Problem von geringer Lernmotivation ihrer Schülerinnen und Schüler. Dies wird jedoch meist individuell zu erklären versucht aus der Misserfolgsgeschichte des Lernens des einzelnen Subjekts. Hier bietet Schaeffer dagegen eine strukturelle Erklärungshypothese an, die das einzelne Kind vom Verdikt des Versagens entlastet und doch einen kollektiven Motivationsaufbau betont. Sie sieht eine für die Sachunterrichtsdidaktik sehr relevante Perspektive als Möglichkeit, nämlich die Kluft zwischen Leben und Arbeitswelt - auch wenn diese in den 1970er Jahren sehr plakativ verstanden wurde - zu verringern, um auch diesen Kindern den Sinn des Lernens erfahrbar zu vermitteln. |
|||||
|
Politisches Profil Auch wenn real gesellschaftlich die Armut von Kindern dramatisch zunimmt und
die Schere der sozialen Ungleichheit weiter auseinander klafft als in vergangenen Jahrzehnten,
ist das pädagogische Nachdenken über Kinder aus unterprivilegierten sozialen Verhältnissen
"out". "Der Verlust an Lebensperspektive und
langfristigen Identifikationsangeboten trifft die Kinder unterer Sozialschichten
besonders hart." (Schaeffer, S. 3)
Sie kritisiert aber nicht nur die gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern auch die daraus folgenden Bildungsmöglichkeiten. So sieht Schaeffer die Auflösung der Einheit von Leben, Arbeiten und Lernen als Katastrophe für die Lernmöglichkeiten von Kindern an und folgert aus ihrer radikalen Schulkritik die Wiedergewinnung von produktiven Erfahrungsräumen auch und gerade für die Kinder aus deprivierten sozialen Verhältnissen. Bei aller politischen Profilierung ihres Verständnisses von Sozialem Lernen fällt allerdings auch auf, dass sie den Diskurswechsel von der politischen Erziehung hin zum resignativen Modell der Veränderten Kindheit selbst mit betreibt. Stark kulturpessimistisch erfolgt vor allem ihre Interpretation der Erfahrungsverluste für Großstadtkinder, die sie durch den "Zusammenbruch der sozialen Nachbarschaft" (Schaeffer, S. 3) und innerfamiliale Brüche verstärkt sieht. Konkret macht sie diese Entwicklung an der Verdrängung kleiner Läden durch Supermärkte fest. Eine derartige Sichtweise greift die auch in der Reformpädagogik zu Beginn des 20. Jahrhunderts weit verbreitete Sichtweise auf. Weil die realen gesellschaftlichen Tendenzen zu Industrialisierung und Urbani-sierung damals negativ gewertet wurden, ohne die ihr innewohnenden Brüche und Widersprüche zu sehen, verließen sich viele Strömungen der Reformpädagogik auf eine Idealisierung von Landidylle und forderten eine Harmonisierung im Feld der Pädagogik unter Etiketten wie Ganzheitlichkeit oder Heimat. |
|||||
Resüme Der Beitrag Schaeffers ist erstaunlich aktuell. Er transzendiert das gegenwärtig nur in Form von Interaktionsspielen entpolitisierte soziale Lernen und verweist auf die fundamentalen politischen Dimensionen in einer Gesellschaft, in der die Gegensätze zwischen "arm und reich" zunehmen und sich verschärfen. Ihr substantiell erfahrungsorientierter Ansatz, der sich nicht an oberflächlichen Merkmalen, sondern wie bei Negt (1968) an sozialen Topoi orientiert, weist Perspektiven für die Sachunterrichtsdidaktik auch und gerade heute auf. |
|||||
|
Literatur
|
|||||
|