| www.widerstreit-sachunterricht.de/Ausgabe Nr.4/März 2005 |
|
Gerhard Löffler
Bildung und Sachunterricht - ein Kommentar
|
Zum Text von Wolfgang Klafki
|
Ein Kommentar zu Klafkis (vgl. Klafki 1992) Vortrag über "Allgemeinbildung in der Grundschule
und der Bildungsauftrag des Sachunterrichts", der auf der Gründungstagung der GDSU in
Berlin gehalten wurde, braucht einen Bezug aus dem Bedeutungsfeld von Bildung.
Ich knüpfe an den Artikel zum Stichwort der Bildung im Fischer-Lexikon zur Pädagogik
(Groothoff 1964) an. Dort wird die philosophisch-wissenschaftliche Konzeption einer Bildung
nach Platon neben das Streben nach rhetorischer geschulter Tüchtigkeit gestellt, welche die
Sophisten vermitteln wollen. Für Isokrates, dem Gegenspieler Platons, ist derjenige gebildet,
der "Urteilskraft in den wesentlichen Dingen des praktischen Lebens, angenehme und gute
Umgangsformen und Selbstbeherrschung sowie Bescheidenheit besitzt", wie an dem genannten
Ort gesagt wird. Im Lexikon der Antike (vgl. dtv-Verlag 1977) heißt es:
"Dem sophistischen Ideal stellt die Sokratik das Gegenbild des
Philosophen gegenüber. Beide haben als Ideal den Lebenstüchtigen vor Augen; doch
besteht die Tüchtigkeit des Sophisten darin, sich jedermann und jeder Lage gewachsen zu zeigen,
die des Philosophen darin, das Wahre zu suchen, das Wirkliche zu erkennen und das als gerecht
Erkannte durchzusetzen."
Oder im Wörterbuch der antiken Philosophie (vgl. Horn 2002) wird zur
"paidaia" gesagt:
"Im Hellenismus und im Bildungswesen Roms nimmt die paidaia
ihre die abendländische Kultur prägende, humanistische Gestalt an. Die großräumiger werdenden
Ordnungen Alexanders des Großen, der Diadochenstaaten und schließlich des römischen Reiches
bringen nicht nur eine einzigartige Ausbreitung der griechischen Kultur mit sich, sondern
schaffen auch Raum für die politisch kaum noch eingebundene individuelle Lebensgestaltung.
Paidaia orientiert sich fortan am Begriff der Menschheit und Persönlichkeit und wird bei
Varro und Cicero im Sinne der Bildung des ganzen Menschen als humanitas verstanden."
Josef Dolch hat in seinem Buch über den Lehrplan des Abendlandes
(vgl. Dolch 1982) die Ausformung der beiden Bildungsideen in Bildungsgänge
(in der Akademie Platons und der Schule des Isokrates) und den Gegenständen der Lehre in
antiken Schulen, sehr eindrucksvoll dargestellt. Die damals leitenden Gesichtspunkte, unter
denen die Bereiche der Bildung beschrieben wurden, haben die "septem artes liberales"
im Mittelalter geprägt und finden sich noch im Fächerkanon der heutigen Strukturen im
Bildungswesen. Das ist eine allgemeine Linie der europäischen Geschichte der Bildung,
auf der noch wesentliche Momente weitergereicht worden sind. Bildung ist nach den oben
angeführten Quellen abhängig von den ethischen Normen der Zeit; sie setzt die Bildsamkeit
des Menschen (die generelle Grundlage eines Schulbetriebs) voraus und nennt das Ziel des
Bildungsweges. Der Bildungsweg selbst wird oftmals unter die Forderung einer formalen oder
einer materialen Bildung gestellt.
Klafki hat in einem frühen Aufsatz (vgl. Klafki 1959) die Ideen der materialen oder formalen
Bildung (und ihrer jeweils besonderen Formen) unter dem Begriff der kategorialen Bildung
zusammengeführt. Danach ist jene Bildung kategorial zu nennen, die eine wechselseitige
Erschlossenheit des Menschen und seiner Welt ausweist. Die Erschlossenheit der Welt für
jemanden heißt (sehr verkürzt gefasst), dass er sieht, womit er zu tun hat; in der anderen
Richtung ist derjenige erschlossen für die Welt, der sich auf das Begegnende einstellt.
Das ist ohne Zweifel eine schwierige Kennzeichnung. Sie umfasst, worauf Klafki ausdrücklich
hinweist, eine Verbindung materialer und formaler Bildungsentwürfe, weil der Mensch sich seine
Gegenstände mit darauf zugeschnittenen Arbeitsweisen aneignen muss. Sie umfasst zudem, dass
Bildung auch eine besondere Qualität des Wissens anzeigt, die über das vermittelte Wissen
im engeren Sinn eines Lehrplans hinausgeht. Hier anknüpfend erweist sich jemand als
gebildet und erfreut sich einiger Wertschätzung, der zur Lebensart in seinem Umkreis
beiträgt und über ein Wissen verfügt, das dort die Menschen in seinem Umkreis akzeptieren
und sich von ihm nicht übertrumpft fühlen (sonst ist man eingebildet). Hier reicht die
Spanne der Bildung vom Dilettanten bis zum Weisen. Das Gegenstück und auch die Grundlage für
eine Bildung im zuletzt genannten Sinn sind die Bildungsgänge unseres Bildungssystems.
Das führt uns zu unserem Thema.
|
zurück
zur Ausgabe 4
Druckversion
(Pdf- Datei) |
Allgemeinbildung im Sachunterricht nach Klafki (vgl. Klafki 1992)
In dem Vortragstext, an den hier angeknüpft wird, wird Bildung nach einem
Schema gegliedert, das in zwei Hauptrichtungen mit Unterpunkten aufgebaut ist. Die erste
Richtung der Allgemeinbildung wird in den Fähigkeiten der Selbstbestimmung, Mitbestimmung und
der Solidarität gesehen. Darin sehe ich eine Spiegelung der klassischen republikanischen
Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Die Freiheit von den Zwängen einer
nicht-demokratischen Gesellschaft gibt der eigenen Lebensführung des Einzelnen Raum, die
Gleichheit vor dem Gesetz schützt die Beteiligung an der Mitwirkung im öffentlichen Leben und
die Solidarität oder Brüderlichkeit ist Ausdruck dafür, dass Personen in einer Gesellschaft
in Bewandtnisse eingebunden sind und Pflichten zu erfüllen haben. Mit einem in der Didaktik
modernen Ausdruck kann diese Dimension der Allgemeinbildung als Situiertheit im
gesellschaftlichen Umfeld (und nicht allein in der Schule) benannt werden, worin ein Hinweis
auf den Sachverhalt liegt, dass die Allgemeinbildung wohl auch, aber nicht allein aus dem
schulischen Bildungsgang hervorgehen muss.
In der zweiten Richtung soll Bildung verstanden werden als Bildung für alle im Medium des
Allgemeinen und in hauptsächlichen Ausprägungen menschlicher Fähigkeiten. Das Medium des
Allgemeinen wird erläutert als Auseinandersetzung mit den Aufgaben und Problemen menschlicher
Gesellschaften bis hin zu den Problemen der Menschheit insgesamt, den epochaltypischen
Schlüsselproblemen.
Mit Blick auf die Grundschule und den Sachunterricht ist die Aufteilung der Gesichtspunkte,
unter denen Bildung Gestalt gewinnen soll, in dem kommentierten Text nicht überzeugend.
Die Grundschule gibt der Möglichkeit der Bildung aller Grundschüler den notwendigen Raum und
festen Grund. Die Schule ist Bedingung der schulischen Unterweisung. Die Forderung Klafkis, die
Bildung im Medium des Allgemeinen anzusiedeln, richtet die Aufmerksamkeit des Lehrens und die
Aneignung im Lernen auf die Lebensbedingungen der Menschen nicht nur überhaupt, sondern
insgesamt aus. Das Medium des Allgemeinen kennzeichnet somit als Ziel der Bildung und als
Horizont des Schullebens die Welt. Wie ist die Welt aller Menschen auf das Umfeld der
Lernenden bezogen? Was als globales Problem beschrieben wird, findet seine Entsprechungen
in Erwartungen an den Alltag, in den wir mit anderen eingebunden sind: ohne Bedrohung leben zu
können, Platz zu haben und vieles andere. Der Alltag hat seine vielfach ineinandergreifenden
Strukturen. Wir nennen sie: Welt der Schule, des Fußballs, der Musik oder Welt unseres
Wohnbereichs, unserer Stadt oder die Welt Europas, so dass von Vertrautheit mit der Welten
des eigenen Alltags ausgehend die Bedingungen fremder Welten in unseren Blick gebracht werden
können. Wir wollen nach den obigen Überlegungen die Formel des Comenius variieren: allen ist
alles zu lehren, was nötig ist für den umgebenden Alltag als dem ersten Bereich einer
Bildung für alle in einem Medium des Allgemeinen, in welchem die Grundbedingungen des
Zusammenlebens verhandelt werden und korrespondierend die Fähigkeiten wie die Selbstbestimmung
(und die anderen Bestimmungen auch) sowohl Thema sind als auch gepflegt werden können.
Die Bildung für alle steht der ersten Dimension, unter der Bildung ausgelegt werden soll
und die die Beteiligung am öffentlichen Leben ausdrückt, näher als das Medium des Allgemeinen,
wenn die Bedingung und das Medium des Allgemeinen Ziel und Horizont der Bildung in der
Grundschule bezeichnen. Die Beteiligung wird repräsentiert in den "Grunddimensionen
menschlicher Interessen und Fähigkeiten" der zweiten Dimension von Bildung nach Klafki.
Mithin nehme ich für meine Betrachtungen zum Problem der Allgemeinbildung eine Umordnung vor,
die die Aufgabe einer Bildung für alle in der Grundschule zur Situiertheit schlägt und das
Medium der Bildung im Allgemeinen in der Form der epochaltypischen Schlüsselprobleme einem
Leitbild der Bildung zuweist.
Bei dieser Umordnung wird deutlich, dass in dem Text von Klafki, der hier betrachtet wird,
der Bereich der Gegenstände des Sachunterrichts fehlt (ausführlichere Erörterungen von
Klafki über den Bildungsauftrag in seinen anderen Arbeiten lasse ich außer Betracht),
der nach Klafkis Konzeption (vgl. Klafki 1959) einer kategorialen Bildung unbedingt zur
Beschreibung einer Allgemeinbildung gehört. Kategoriale Bildung wird nach einer gängigen
Formel in einem wechselseitigen Erschlossensein eines Menschen und seiner Welt gesehen.
Diese Formel ist eher ein Titel als eine Erläuterung der in Rede stehenden Art der Bildung;
sie hat den Vorteil für sich, die Bindung an Gegenstände hervorzuheben, an denen Bildung
möglich werden soll.
|
|
Sachen im Sachunterricht
Aus welchen Gebieten die Gegenstände für den Unterricht insgesamt
genommen sein können, zeigen in der Regel die Namen der Fächer im Stundenplan der Schule an.
Welche Gegenstände verbergen sich hinter dem Namen Sachunterricht?
Als Name eines Faches genommen bestimmt Sachunterricht, wie früher die Bezeichnung
Realienunterricht, noch nicht seine Gegenstände der Art oder dem Inhalt nach. Das erklärt
die verschiedenen Benennungen des Unterrichts zu den Realien, die in den verschiedenen
Lehrplänen verwendet werden. Sachunterricht wird zum Beispiel mit Heimatkunde verbunden,
um den Gegenstandsbereich zu umreißen; Klafki schlägt vor, wenigstens zu der Bezeichnung
Sach- und Sozialunterricht überzugehen. Dagegen werde ich dafür plädieren, bei der Benennung
"Sachunterricht" zu bleiben, und das nicht nur, weil daran eine Erinnerung an die
Realien nachklingt. Gesucht wird eine Bezeichnung, die die Gegenstände des Sachunterrichts von
denen anderer Fächer abzuheben und seine gegenständliche Vielfalt anzuzeigen möglich macht.
Dafür bietet sich das Wort "Sache" in seinen hauptsächlichen Bedeutungen geradezu an.
Nach dem Deutschen Wörterbuch (vgl. Grimm 1991) und anderen Quellen wird die älteste
Bedeutung "Streitigkeit, Zwist" sein, insbesondere wird darin der Streit vor
Gericht mit eingeschlossen. Daran erinnert noch das Vorgehen im Rechtswesen, eine Verhandlung
"in der Sache A gegen B" zu führen, und verschiedene Redewendungen wie "eine
Sache gegen jemanden suchen", also einen Streit "vom Zaun zu brechen".
Vom Streiten vor Gericht hat sich die Auffassung später auf den Gegenstand des Streits,
seinen Grund und seinen Ursprung verlagert. Auf die Frage, worum es eigentlich gehe,
kann in diesem doppelten Sinn geantwortet werden, nämlich so, es sei ein Streit zwischen den
Parteien zu schlichten, als auch so, dass sich bestimmte Parteien um diesen Gegenstand streiten.
Daraus entwickeln sich heute gängige Bedeutungen dieses Wortes: einer Sache, die jemand zu
vertreten hat, und einer Sache, die Gegenstand von Verhandlungen irgendeiner Art wird oder
werden kann. Indem wir den Unterricht als eine Auseinandersetzung vergegenwärtigen, die den
Charakter des Lehrens und Lernens hat und der Verständigung über einen Gegenstand dient,
erkennen wir schon von der Seite des Verhandelns her die Bezeichnung "Sachunterricht"
als sehr angemessen. Die Bezeichnung ist aber auch angemessen im Hinblick auf die Gegenstände
selbst, was am lateinischen "res" klarer zu explizieren ist als an "Sache".
Jedes Wörterbuch des Lateinischen listet zu "res" eine große Fülle an Bedeutungen auf.
Sie umspannen den Besitz, den man verwaltet und über den man verfügt, das Staatswesen,
öffentliche und private Angelegenheiten sowie Rechtsangelegenheiten und weiteres. Nach dem
Lexikon "Pauly" (vgl. Kroll 1914) steht "res" im
"weitesten Gegensatz zur persona,
des Rechtsträgers, dem die Außenwelt als Gebiet seiner vom Rechte geschützten Betätigung
gegenübersteht,
Darum umfaßt der Ausdruck nicht bloß greifbare oder sonst der
menschlichen Beherrschung zugängliche Dinge, sondern schlankweg das ganze Gebiet der
Ereignisse, Zustände und rechtlichen Beziehungen
"
Alles, worüber man sprechen will, kann nach dem Vorbild des lateinischen
"res" unter dem Titel "Sache" in das unterrichtliche Gespräch eingebracht
werden; eine Sache ist dasjenige, womit Lehrende und Lernende sich befassen, seien es Dinge,
der Umgang mit ihnen, seien es Handlungen und Tätigkeiten oder Ereignisse, sei es das tägliche
Umfeld oder seine Einbettung in die allgemeineren Bewandtnisse des öffentlichen Lebens. Unter
dem Gesichtspunkt von "res" kann alles Interessierende in den Unterricht aufgenommen
werden, unter dem Gesichtspunkt "Sache" ist dort entsprechend alles verhandelbar.
Ohne irgendeine Eingrenzung könnte, das ist zu bedenken, noch jede schulische Unterweisung
Sachunterricht genannt werden. Jedoch grenzen die anderen Fächer im Lehrplan ihre Gegenstände
untereinander deutlich voneinander ab. Dagegen sind die Sachen, weil sie nicht aus festgelegten
Gegenstandsbereichen gewählt werden, auch nicht säuberlich in Abteilungen zu rubrizieren.
Somit erscheint mir der Name "Sachunterricht" dem Anspruch dieses Unterrichts auf
ein sehr weites Feld seiner Gegenstände und Themen völlig angemessen zu sein.
Damit haben wir eine wenigstens funktionale Bestimmung der "Sachen" im Hinblick auf
die Verständigung im Prozess des Lehrens und Lernens gewonnen, aber ein Auswahlprinzip und ein
Bildungskonzept können wir von den obigen Ausführungen zu "Sache" nicht unmittelbar
entwickeln. Wir nehmen das Lesen und Schreiben zum Leitfaden. Beides zu können heißt nach dem
einführenden Unterricht zunächst nur, aus Gesprochenem eine Zeichenreihe schreibend herstellen
zu können und umgekehrt Zeichenreihen in Wortreihen aussprechen, das heißt lesen zu können.
Die Fertigkeiten des Lesens und Schreibens werden Bestandteil der sprachlichen Fertigkeiten.
Anhand der Beschäftigung mit Sätzen und Texten lernt man Texte zu verstehen, wie man Sprache
versteht. Schließlich wird man mit Texten jeder Art umgehen können, das heißt, in dem hier
möglichen Maß vom anfänglichen Lesen und Schreiben ausgehend Bildung erwerben. In Bezug auf
"Sachen" rät der Leitfaden, von dem Können im Alltag auszugehen, das aus der
Erfahrung im Umgang mit Sachen in dem ganz allgemeinen Sinn aus unserem Umfeld kommt.
Über sie lernen wir im Sachunterricht vieles hinzu, so dass Erfahrung und Unterricht uns die
Bewandtnisse des Alltags in thematische Zusammenhänge in den Bedeutungsfeldern der
bearbeiteten Sachen bringen. Die zu ihrer Beschreibung eigentlich erforderliche
phänomenologische Analyse wird, weil sie hier nicht durchführbar ist, an einem Beispiel
skizziert, um anzuzeigen, wie der Bildungsauftrag von den Sachen her in den Blick zu bekommen
ist.
|
|
Sachen und Bildung
Versuchen wir dies; wir betrachten den Ort im Alltag, an dem wir leben:
also in einem Umfeld unter den angetroffenen Umständen tätig sind, uns zu anderen verhalten
und mit ihnen handeln. Umfeld und Umstände haben ihren gewohnten alltäglichen Sinn "für
mich" in den Naturgegebenheiten und Einrichtungen, die zum Wohnen oder Arbeiten nötig sind
oder kulturellen Zwecken dienen. An dem Ort, an dem wir uns aufhalten, haben wir Raum für unser
Handeln und der Ort "meiner" Tätigkeit ist umgeben von umfassenderen Situationen,
die je nach den herausgegriffenen Bestimmtheiten entweder von der "Natur" in meiner
Umgebung über die weitere Landschaft auf die Naturräume der Erde oder von der Umgebung des
Wohnortes auf geographische Räume verweisen. Entsprechend lenken die lokal verfügbaren
Gegenstände und Werkzeuge sowohl auf ihren Gebrauch und Nutzen als auch auf ihre Herkunft aus
technischer Produktion. Auch die gesellschaftlichen Strukturen im "globalen Dorf"
können unter solchen Gesichtspunkten betrachtet werden. Insgesamt weitet sich so der Blick von
der Lebensweise im lokalen Umfeld auf die Verhältnisse an anderen Orten auf der Erde. Diese
Blickwanderung wird die Didaktik des Sachunterrichts entwerfen müssen, um beim Ausgang von
unserem Alltag zum Verständnis fremder Welten kommen zu können. Soweit die Skizze des Weges,
von den Sachen in dem weiter oben genannten Sinn ausgehend, so etwas wie allgemeine Ziele und
eine Bildung im Hinblick auf epochale Schlüsselprobleme in den Blick nehmen zu können.
Nun aber muss der Begriff der Sache noch an Themen, hier: Thermometer und Wärmeempfinden,
expliziert werden. Beides ist für den Menschen von Nutzen, wenn auch in verschiedener
Hinsicht und aufgrund anderer Funktionsweise. Sowohl das Thermometer als auch das Empfinden
der Hand reagieren auf Änderungen des Wärmezustandes ihrer Umgebung. Der Unterschied zwischen
Empfinden und Messen liegt darin, dass zum Ablesen des Temperaturwertes das Wärmegleichgewicht
abgewartet werden muss, bis also das Thermometer gleich warm ist wie seine Umgebung, während
die Hand beim Berühren signalisiert, ob ein Gegenstand von ihr ohne Schaden gehalten werden
kann oder nicht. Das Thermometer liefert bei sachgerechtem Gebrauch Messwerte über den
Wärmezustand der Umgebung und das Empfinden bringt uns zu dem Urteil, ob wir in einer
erträglich oder gefährlich warmen oder kalten Umgebung uns aufhalten. Die Bedeutung von
Temperaturen ist im Alltag, auch für Lernende, zunächst unausweichlich mit erlebten
Situationen verknüpft und damit, was man zweckmäßigerweise tut: warm anziehen,
usw..
Das Wärmeempfinden nützt grob zwischen 18 °C und 42 °C. Außerhalb dieses Bereiches
empfinden wir bald Schmerz, auf den wir reagieren, um keinen Schaden zu erleiden. Mit
dem Thermometer können noch Vorgänge untersucht werden, bei denen es für unser Empfinden zu
warm oder zu kalt ist. Dass unser Körper mit seiner Umgebung Wärmeenergie austauscht und dass
das Empfinden sich in Grenzen an veränderte Umstände anpasst, kann für den Moment unbeachtet
bleiben. In dem genannten Intervall lassen sich Thermometer und Hand in einer Hinsicht
vergleichen. Werden beide in eine wärmere Umgebung gebracht, signalisieren beide, es ist
wärmer als vorher, mit der Hand fühlbar und an der steigenden Anzeige am Thermometer
erkennbar. Aber die Hand zeigt nicht, wie warm es ist, und das Gerät nicht, ob die Hand bei
längerem Kontakt Schaden nimmt. Vergleichen und Unterscheiden des Gebrauchs beim Wärmesinn und
bei der Verwendung eines Thermometers lässt den jeweiligen Nutzen sowohl der Sinne als der
Geräte hervortreten. Beides gehört in die unterrichtliche Auseinandersetzung hinein, beides
weist auf ausführlichere Behandlungen der Gegenstände und die Bereiche einschlägiger
Erfahrungen im Alltag hin und kennzeichnen damit, was hier zur Sache zugerechnet
werden sollte. Zudem liegt die Ausweitung der Themen, die hier unter dem Titel einer
Sache verhandelt werden, in Verweisungen auf die Bereiche von Wetter und Klima ganz
offensichtlich vor. Denn wir leben in Häusern, deren Raumklima vom Wetter außerhalb weitgehend
unabhängig gehalten wird. Das kann uns daran erinnern, dass wir uns in Häusern einerseits
eine behagliche oder wenigstens erträgliche Umgebung schaffen aber andererseits damit auch
das Klima der Erde beeinflussen können - und damit stehen wir vor dem Problem, in welchem
Maße die Menschen mit dem Klima ihre eigenen Lebensbereich selbst erhalten oder zerstören.
Blicken wir zurück: in dem Vortrag (Klafki 1992) wird der Bildungsauftrag des Sachunterrichts
ohne Kennzeichnung seiner Gegenstände beschrieben, die aber, wenn Bildung kategoriale Bildung
sein soll, in den Auftrag aufgenommen werden müssen. Hierzu werden Sachen als die geeigneten
Gegenstände vorgeschlagen: Sachen sind dabei nach der Bedeutung des Wortes Gegenstände einer
Auseinandersetzung im Unterricht, deren Zweck es ist, eine wünschenswerte Kenntnis des
Alltags zu geben oder wenigstens vorzubereiten, dann auch, vom eigenen Alltag her andere
Lebensverhältnisse in den Blick nehmen zu können. Am Wärmesinn und Thermometer ist eine solche
Sache mit Beziehungen zu umfassenderen Themen, nämlich Wetter und Klima, vorgestellt worden.
Dass auch andere sachgemäße Beziehungen sich anschließen lassen, muss nicht eigens betont
werden, aber eine Beschreibung der Beziehungen zwischen den verschiedenen Bedeutungsfeldern
soll hier anhand der Beziehungen zwischen einem Ort und dem umgebenden Raum den Abschluss
bilden, die in (Löffler 1993; vgl. auch Grimm 1991) ausführlicher dargestellt werden.
Danach ist ein Raum ein freigeräumter Platz für Tätigkeiten des Herstellens und Handelns,
sei es Hausbau oder Handwerk oder was auch immer; ein Ort ist eine Position im Raum,
ein Standplatz: Orte bezeichnen das "wo" einer Tätigkeit und Räume ihr Umfeld -
Orte sind auch das Ziel eines Weges, zu dem man in der Absicht reist, um dort etwas zu tun.
Auf jedem Stück des Bildungsweges erreichen wir auch Ziele, nämlich Orte, an die Lehre und
Lernen führen, und wir haben dabei etwas erworben, das uns dienlich sein soll gemäß dem
Zweck der Unterrichtung. Das aber heißt, dass der im Ziel bestimmte "Stoff" im
Verlauf von Lehren und Lernen eine Sache wird, die im Sachunterricht auch die Dienlichkeit
für die Lernenden in ihrem jetzigen und späteren Alltag in den Blick rücken mag. Es sind die
Verweisungen im Wahrnehmen von Gegenständen (Sachen) und die Bewandtnisse beim Handeln, die
dies ermöglichen (vgl. hierzu Heidegger 1979). Damit soll mein Kommentar enden.
|
|
Literatur:
Andresen, C. et al (Hrsg.) (1977):
dtv-Lexikon der Antike. München
Grimm, J./ Grimm, W. (1991):
Deutsches Wörterbuch. München
Groothoff, H.-H. (Hrsg.) (1964):
Pädagogik. Fischer-Lexikon. Frankfurt
Heidegger, M.(1979):
Prolegomena zur Geschichte des Zeitbegriffs. Frankfurt
Horn, Ch./ Rapp, Ch. (Hrsg.) (2002):
Wörterbuch der antiken Philosophie. München
Klafki, W. (1959):
Kategoriale Bildung. In: ZfPäd. (1959), S. 386
Klafki, W.(1992):
Allgemeinbildung in der Grundschule und der Bildungsauftrag der Grundschule.
In: Lauterbach, R. et al (Hrsg.) (1992): Brennpunkte des Sachunterrichts (Probleme und Perspektiven des
Sachunterrichts, 3). Kiel
Kroll, W./ Witte, K. (Hrsg.) (1914):
Paulys Real-Encyclopädie der classischen Altertumswissenschaft. Stuttgart
Löffler, G. (1989):
Res - non verba, Sachen und Sachlichkeit.
In: Schwedes, H. (Hrsg) (1989): Erziehung zur
Sachlichkeit im Sachunterricht der Grundschule. Bremen
Löffler, G. (1993):
Maße regeln unser Handeln in Dimensionen des Zusammenlebens.
In: Lauterbach, R. et al (Hrsg.) (1993): Dimensionen des Zusammenlebens (Probleme und Perspektiven des Sachunterrichts, 4). Kiel
|
|
| |
|
| |
|
|
|
|