Dass ein über 30 Jahre alter Text von Gertrud Beck1, in der Tradition kritischer
Sozialwissenschaften stehend, Gesellschaftsanalyse und Herrschaftskritik als Aufgabe
politischer Bildung akzentuiert, war zu erwarten. Dennoch: Beim ersten (Wieder-)Lesen
verblüfft, in welcher Klarheit und Deutlichkeit Beck ihre politischen Aussagen formuliert.
Wenn sie als Kriterium für die Inhaltswahl K.G. Fischer zitiert "Es sind demnach ,solche
Inhalte [
] gegenüber anderen zu bevorzugen, an denen Ungleichheit und
Ungleichmäßigkeiten bündig erkannt werden können, um nach deren ‘Gründen’ - vor
allem also ökonomischen (Eigentum und Verfügungsgewalt) - zwingend fragen zu können&rsqou;" und
selbst mit der Zielbestimmung fort fährt "[
] und auf dieser Grundlage das
Bewußtsein der eigenen Lage und der dadurch bestimmten Bedürfnisse und Interessen
entstehen zu lassen" (Beck 1972, S. 1f.), so schimmert hinter diesen Formulierungen kaum
verhüllt eine Nähe zur marxistischen Gesellschaftstheorie durch, wenngleich sie den Begriff
Klasse (bewusst?) vermeidet.2 Für diese Positionierung ist sie - wie andere - damals
heftig angegriffen worden.
Heute findet man bei keinem Politikdidaktiker - auch nicht bei den in der Tradition kritischer
Sozialwissenschaften stehenden - solche Formulierungen. Aber es geht nicht um alte oder neue
Rhetorik. Es ist zu fragen, ob das, was Beck ins Zentrum ihrer Überlegungen stellt,
nämlich Ungleichheit, die Analyse ihrer Ursachen und die "Notwendigkeit von Veränderung"
(Beck 1972, S. 1) Relevanz für die politische Bildung der Gegenwart hat.
Dazu ist zunächst festzuhalten, dass soziale Ungleichheit (so würden wir heute sagen)3
aus guten Gründen nach wie vor einer der wichtigsten Termini nicht nur für die politische
Bildung ist. Das Gleichheitsgebot des Grundgesetzes ist nach wie vor politischer Auftrag und
Kriterium für die Beurteilung gesellschaftlicher Entwicklungen. Mehr noch: Soziale Ungleichheit
hat heute eine Dimension erlangt, die in den 1970er Jahren des letzten Jahrhunderts noch
unvorstellbar war:
Lag die Arbeitslosenquote 1970 noch bei 1 %, so lag sie 2005 laut Bundesagentur für
Arbeit bei 12,6 %, das sind über 5 Millionen Menschen. Die Einkommensschere geht immer
weiter auseinander, die Unterschiede zwischen Arm und Reich werden immer größer.4
Folgen primär ökonomischer Ursachen werden verschärft dadurch, dass sich der Staat immer
stärker aus der sozialen Daseinsfürsorge zurückzieht. Auch die von Beck angesprochene prekäre
soziale Lage von Kindern trifft heute auf immer mehr Kinder zu. "Die Einkommensarmut von
Kindern hat in der Bundesrepublik eine historisch neue Dimension und eine neue Qualität
erreicht." (Paritätischer Wohlfahrtsverband 2005)5
Gleichzeitig erleben wir einen politisch medialen Diskurs, der stark geprägt ist von
Positionen, die gesellschaftliche Entwicklungen als quasi naturwüchsigen Prozess und politische
Entscheidungen als "Sachzwänge", die dem unaufhaltsamen Globalisierungsprozess geschuldet
seien, behaupten, die alternativlos seien im Interesse einer Sicherung der internationalen
Wettbewerbsfähigkeit des "Standortes Deutschland". Der alte Wohlfahrtsstaat sei überholt,
zumindest nicht mehr finanzierbar. An dessen Stelle wird die Ausweitung des Geltungsbereichs
von Wettbewerb und Konkurrenz postuliert. Wettbewerb soll nicht nur individuelle Freiheit
garantieren, sondern avanciert gleichsam zum Heilmittel um soziale Probleme zu lösen.
&lsqou;Alte&rsqou;, im aufklärerischen Sinne benutzte Begriffe wie Selbstbestimmung und
Eigenverantwortung werden ‘modern’ umgedeutet und umgewertet6 zur
Legitimation der Privatisierung sozialer Risiken. "Als ‘modern’ gilt heute, was
in Wirklichkeit völlig antiquiert ist: z.B. soziale bzw. Existenzunsicherheit,
paradoxerweise als notwendige Begleiterscheinung von wirtschaftlicher Selbständigkeit,
individueller Freiheit und persönlicher Eigenverantwortung gefeiert." (Butterwegge 2002, S. 82f)
Angesichts gesellschaftlicher Ungleichheit in ihrer Zeit forderte Gertrud Beck Parteinahme.
Sie votiert für eine politische Bildung, deren Aufgabe nicht nur darin bestehe, "Ungleichheiten
und deren gesellschaftliche Ursachen aufzuzeigen" (Beck 1972, S. 1), sondern auch "gegenüber
Benachteiligung, Ausnutzung und Unterdrückung zu sensibilisieren" (ebd.). Zielsetzung sei
(u.a.) "die Befähigung zur Solidarisierung mit Benachteiligten und zu solidarischem Handeln"
(ebd., S. 3).
Betrachtet man dagegen die Politikdidaktik heute, so kommt sie vergleichsweise zahm daher.
Die viel beschworene Zielperspektive "politische Urteils- und Handlungsfähigkeit" erstarrt zu
einer merkwürdig blutleeren Formelhaftigkeit. Die politische Bildung hat - so scheint es - mit
ihrem früheren gesellschaftskritischen Anspruch auch ihre Zähne verloren. Statt kritischer
Analyse der Zuspitzung gesellschaftlicher Widersprüche, statt Identifizierung von
Ungerechtigkeiten, statt Erörterung der Frage, welche Entwicklungsperspektiven es geben kann
hinsichtlich einer gerechteren und demokratischeren Gesellschaft, trägt die Politikdidaktik den
Beutelsbacher Konsens (der in Bezug auf die Arbeit mit Schüler/innen nicht bezweifelt werden
soll)7 wie ein Schild vor sich her. Sie mischt sich in gesellschaftskritische
Kontroversen und Debatten nicht (mehr) ein. Die Hypostasierung des "Überwältigungsverbots",
eine Reaktion auf die den "linken" Politikdidaktikerinnen und -didaktikern wie z.B. Gertrud
Beck oder Rolf Schmiederer (der "72er") unterstellten Indoktrinationsabsichten, hat dazu
geführt, dass "Politisches Handeln" nur noch sehr eng definiert wird (Wahlbeteiligung;
Leserbrief; Podiumsdiskussion) oder gar "Handlungsorientierung" zum inhaltsabgehobenen
"Methodenlernen" reduziert wird.
Während bei Beck der Drang nach Veränderung, nach Überwindung gesellschaftlicher Ungleichheit,
gar nach Widerstand gegen Ungerechtigkeiten (gepaart mit dem Optimismus hinsichtlich der
Durchsetzbarkeit einer besseren, gerechteren, demokratischeren Gesellschaft, den sie mit vielen
ihrer Generation teilte) nicht zu übersehen ist, ist heute eine Selbstgenügsamkeit der
Politikdidaktik zu konstatieren. Sie beschäftigt sich mit Bürgerleitbildern, deren Relevanz
fragwürdig scheint (vgl. Nonnenmacher 2002, S. 249), passt sich zweifelhaften
"Modernisierungsforderungen" an und beteiligt sich an der Umdeutung und Umwertung ehemals
aufklärerischer Begriffe (wie Eigenverantwortung s.o.) im Dienste ganz anderer Menschenbilder.
Mit der Forderung "anschlussfähig" an den Wettbewerb zu werden, kann so Politische Bildung sich
selbst gar zum "Dienstleistungsanbieter" degradieren8, der Freiheit als allein
gültigen Wert postuliert9, statt genau diesen "Modernisierungsprozess" in
aufklärerischer Absicht kritisch zu analysieren.
Es ist eine Minderheit unter den Didaktikern, die fordert, die Politikdidaktik möge "ihre
geradezu biedermeierliche Selbstbeschränkung" aufgeben und sich "den Impulsen von
Gesellschaftstheorie und Politischer Ökonomie und ihrer Kritik (erneut)" öffnen
(Steffens/Mögling 2004, S. 20), eine Minderheit, für die "es heute zu den Hauptaufgaben der
politischen Bildung gehört, Solidarität neu zu begründen [
]" (Butterwegge 2002,
S. 96). Statt mainstream und Konformismus könnte Widerständigkeit aktueller sein denn je.
So gesehen kommt die Wiederentdeckung des Beck-Textes gerade zur rechten Zeit.
Nicht nur in Zielsetzung und Inhalt, auch in der Gewichtung politikdidaktischer Prinzipien
unterscheiden sich Gertrud Beck 1972 und die heutige Politikdidaktik. Beck spricht sich gegen
Institutionenkunde und Stofforientierung und für Problem- und Konfliktorientierung aus.
Besonders letztere macht sie stark. Damit steht sie in den 1970er Jahren nicht allein.
Der Konfliktbegriff ist die zentrale politikdidaktische Kategorie in jener Zeit, verbunden vor
allem mit den Namen Giesecke und Schmiederer. Allerdings macht Beck (zumindest in diesem Text)
keinen Unterschied zwischen sozialen und politischen Konflikten. Von heute aus gesehen würde
man beide deutlich schärfer unterscheiden.10
Problem- und Konfliktorientierung sind nach wie vor wesentliche politikdidaktische Prinzipien.
In den aktuellen Veröffentlichungen der Politikdidaktik ist allerdings eine Verschiebung
festzustellen; es ist sehr viel seltener von Konfliktorientierung zu lesen als von
Problemorientierung. Diese Veränderung der Schwerpunktsetzung erscheint symptomatisch.
Wird die Orientierung an Problemen ins Zentrum der Aufmerksamkeit gestellt bei gleichzeitigem
Verzicht auf einen zentralen Stellenwert für den Konfliktbegriff, besteht durch Verlust an
Zuspitzung die Gefahr einer tendenziellen Entpolitisierung durch Konzentration auf Erörterung
‘sachlicher’ Problemlösungen. Hingegen schärft der Konfliktbegriff den Blick auf
Interessen, Widersprüche und Machtfragen und fordert Stellungnahme, Parteinahme geradezu heraus.
1988, also 16 Jahre später, stellt Gertrud Beck im Rückblick fest, die Fachdiskussion über
politische Bildung in der Grundschule stagniere, soziales Lernen werde nicht mehr als
Bestandteil politischer Bildung angesehen, sondern ersetze diese, es bestehe die Gefahr einer
Verdrängung politischer Bildung aus der Grundschule, wenn nicht mehr Inhalte sondern nur noch
Lernorganisation im Vordergrund stünden (vgl. Beck 1988, S. 405f.). Sie spricht damit eine
Entwicklung an, die - auch von anderen immer mal wieder kritisch angemerkt ("die stets
ungenügend berücksichtigte politische Bildung" (Richter 1996, S. 261)) - einige Jahrzehnte
angedauert hat. Über Gründe kann man spekulieren.11
Festzustellen ist aber, dass es seit einigen Jahren wieder Veröffentlichungen aus der Didaktik
zur politischen Bildung in der Grundschule gibt12 Hier finden sich Stimmen, die eine
Gleichsetzung politischen und sozialen Lernens, eine Beschränkung auf Lebensweltorientierung,
wenn diese politische Gegenstände ausschließt, kritisieren. Politik als Inhalt für die
Grundschule ist (wieder-)entdeckt.
Es wäre allerdings lohnend, diese didaktischen Konzeptionen mit dem gesellschaftskritischen
Blick einer Gertrud Beck näher zu analysieren. Dafür ist hier nicht der Ort. Nur so viel:
Wenn Weißeno bei einer Schulbuchuntersuchung in berechtigter kritischer Abgrenzung von dessen
institutionenkundlichem Konzept, das "die Welt des Politischen als harmonisches Gebilde"
(Weißeno 2004, S. 218) darstelle, einen Konfliktfall konstruiert, der auf die involvierten
unterschiedlichen - scheinbar alle gleichermaßen berechtigten - Interessen hin untersucht
werden soll, so hat dies mit einer Konfliktdidaktik nach Giesecke nicht mehr viel zu tun.
Auch ihm muss ein beschränkter Blick vorgeworfen werden, denn er fragt weder kritisch, wie es
um die Verteilung von Macht und Einfluss bestellt ist, noch intendiert er eine Aufforderung zu
Bewertung und Parteinahme durch die Kinder.13
Die 1972 von Gertrud Beck formulierten Zielsetzungen politischer Bildung haben in dem zur
Debatte stehenden Text nicht nur Konsequenzen für die Inhaltsauswahl sondern gleichermaßen für
die Organisation der Lernprozesse. Sie fordert einen "handlungsorientierten" Unterricht, der
Schülerinnen und Schülern "Möglichkeiten bietet, ihre Bedürfnisse und Interessen zu
artikulieren und bei der Organisation der Lernprozesse mitzubestimmen" (Beck 1972, S. 2).
Damit vertritt sie ein weiteres didaktisches Prinzip - Schülerorientierung -, das für die
damalige Zeit zentral war (in der politischen Bildung besonders verbunden mit dem Namen
Schmiederer). Der Begriff Schülerorientierung fehlt heute in keiner Didaktik, wobei
allerdings offen bleibt, ob dies tatsächlich immer als konsequente Orientierung am
lernenden Subjekt gemeint ist, auch im Sinne der Brechung der alleinigen Planungshoheit des
Lehrers hin zu einer kollektiven Planung und Gestaltung der Lernprozesse oder als bloße
"Anknüpfen-an-der-Lebenswelt"-Rhetorik. Mittels Analyse von Unterrichtskonzepten sowie
empirischer Untersuchung von Unterricht beschäftigt sich die Forschung nach wie vor mit der
Fragestellung, welche Mitbestimmungsmöglichkeiten Kinder und Jugendliche hinsichtlich ihrer
Lernprozesse haben. Das unterstreicht Aktualität wie Desiderat von Schülerorientierung
gleichermaßen.
Darüber hinaus erweist sich Gertrud Beck mit Formulierungen wie "Bereitstellung von
Lernsituationen", Nutzung der "Erfahrungen der Schüler" und Schaffung von
"Handlungsmöglichkeiten" (ebd.) schon 1972 als eine keineswegs der Wissenschaftsorientierung
allein verpflichtete, sondern bereits schon auf die spätere sog. Kindorientierung zugreifende
Didaktikerin. Beck versucht eine Vermittlung zwischen Wissen und Erfahrung, hat Sache und Kind
im Blick, orientiert sich sowohl an Wissenschaft wie an Kindern und ihrer Lebenswelt
(heute würde sie wohl sagen an den je konkreten Kindern und ihrer je konkreten Lebenswelt) und
erweist sich auch hier als anschlussfähig an die Diskurse im Sachunterricht der letzten Jahre.
Ohne diesen Terminus zu benutzen, spricht sich Beck klar für ein offenes Curriculum aus:"[
]
kein bis in Einzelheiten festgelegtes und systematisiertes Lernprogramm, sondern ein Lern- und
Informationsangebot beispielhafter Probleme, das permanent zu selbständigem Weiterarbeiten,
zum Ausprobieren in Rollenspiel und Befragung und zum Umstrukturieren je nach Lernintention
auffordert." (ebd.)
So wichtig für Beck zum einen ihre politisch-moralischen Ziele sind, so entziehen diese sich als
"Kompaßfunktion" (ebd.) letztlich der Evaluation. Zum anderen ist deutlich ihr Interesse an den
konkreten Kindern und deren eigenen Lernintentionen (nicht Lehrintentionen!) zu spüren. Ihr
Verständnis von Lernen sperrt sich gegen ein "modernes" technizistisches, das
Bildungs"standards" festlegt, Lernprozesse evaluieren, kontrollieren möchte, indem
Lernergebnisse im Sinne eines "outputs" gemessen werden. Unter diesem Aspekt betrachtet ist
Beck 1972 heute - man ist versucht zu sagen glücklicherweise - "unmodern".
Ist aus heutiger Sicht nichts von Gertrud Becks Ausführungen überholt bzw. sind aus unserer
Sicht keine Defizite festzustellen? Doch, sicher. Wie könnte es nach 30 Jahren
gesellschaftlicher Entwicklung und Forschung anders sein?
So hat sich die herrschende Auffassung über Erziehung geändert. Es ist heute Mehrheitsmeinung,
dass autoritärer Erziehungsstil überholt und partnerschaftlich diskursive Erziehung
erstrebenswert ist. Niemand würde heute mehr widersprechen, wenn Beck schreibt:
"Konflikte sind auch für Kinder permanent gegeben, deshalb muß es darum gehen, das Kind zur
selbständigen Konfliktbewältigung zu befähigen, nicht es vor Konflikten zu beschützen."
(Beck 1972, S. 2) Das Üben von "Konfliktlösungen in angstfreier Atmosphäre" (ebd.) ist heute
in der Grundschule selbstverständlich. In den 1970er Jahren waren solche Positionen brisant
und wurden angefochten. Starre autoritäre Hierarchien in Familien und Schulen waren noch
allgegenwärtig, die Tradition eines heimatkundlichen "kindertümelnden" Unterrichts, der
harmonisierend ein konfliktfreies, quasi naturwüchsig hierarchisches Gesellschaftsbild
"moralgesättigt" mit erhobenem Zeigefinger zu vermitteln suchte, noch nicht gebrochen. Es ist
allerdings nicht auszuschließen, dass der momentan (nicht nur) bei KultusministerInnen zu
beobachtende Trend zu "top-down-Strategien", mit denen vermeintlicher Effizienz der Vorzug vor
Mitbestimmungsrechten und Diskurs gegeben wird, Auswirkungen auch auf das Klima in den Schulen
haben wird und dann erneut Plädoyers für Widerständigkeit gegen autoritäre Strukturen von
Nöten sein könnten.
Ein weiterer Punkt: Aus heutiger Sicht ist verblüffend, wie selbstverständlich Gertrud Beck
Geschlechterverhältnisse ausblendet. Wenn sie von Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten spricht,
meint sie soziale, die auf ökonomischer Ungleichheit beruhen. Wo Diskriminierungen anderer
Art auszumachen wären, z.B. aufgrund des Geschlechts oder der Ethnie, - eine
Selbstverständlichkeit in heutigen Diskursen jedweder Art - herrscht bei ihr ein blinder Fleck.
Dieser muss ihr allerdings nachgesehen werden, denn den teilt sie mit der Mehrzahl ihrer
damaligen Zeitgenossen (und -genossinnen). Ethnische Ungleichheiten fielen im Vergleich zu
heute schon aufgrund des quantitativen Ausmaßes (noch) nicht vielen auf; die Frauenforschung
steckte - in der Bundesrepublik - noch in den Kinderschuhen.
Gertrud Becks (damaliges) Verständnis von Sozialisation ("Anpassungsmechanismen",
"Einstellungen", die "geprägt und fixiert werden" (Beck 1972, S. 2) - auch hier entsprechend
dem Forschungsstand zu jener Zeit - erscheint noch stark deterministisch im Sinne eines
Anpassungsprozesses, Systemwirkungen betonend. Heute würde man differenzierter die aktive
Rolle des Subjekts betonen, entweder in einem konstruktivistischen Verständnis oder im Sinne
einer wechselseitigen Beziehung zwischen Subjekt und Welt.
Mit jenem deterministischen Sozialisationsverständnis korrespondiert eine - aus heutiger Sicht
- Überhöhung von Erziehung und Schule sowie einer Überschätzung dessen, was beide leisten
können, was aber für die damalige Zeit als typisch gelten kann. Typisch die große Hoffnung, der
Optimismus hinsichtlich der Möglichkeiten von Erziehung und Schule zu wirken für Veränderungen
mit dem Ziel einer gerechteren Gesellschaft.14
In diesem Zusammenhang betont Beck die Vorbildfunktion der Lehrerin gerade in der Grundschule.
"Da am Anfang von Lernprozessen oft die Identifikation mit Bezugspersonen steht, kann der Lehrer Verhaltensänderungen beson-ders wirksam durch eigenes Verhalten (z.B. Reversibilität der Äußerungen, Toleranz gegenüber Mehrdeutigkeiten, rationale Beur-teilung individueller und gesellschaftlicher Konflikte, Begründung und Kritik eigenen Verhaltens,...) initiieren." (Beck 1972, S. 3)
Nun soll die Bedeutung des LehrerInnenverhaltens keineswegs gering geschätzt
werden.15 Überraschend ist für uns aber, dass Gertrud Beck hier Schule als
Einrichtung des Staates überhaupt nicht in den Blick nimmt. Die Lehrerrolle ist unvermeidlich
widersprüchlich insofern die Lehrperson im Rahmen der staatlich verordneten Selektions- und
Allokationsfunktion immer auch Erlebnisse der Anerkennungsversagungen (Noten,
Schullaufbahnprognosen) produzieren muss und dennoch gleichzeitig Anwalt eines jeden Kindes
sein will und soll, indem es den individuellen Lernfortschritt eines jeden einzelnen planen
muss, wie es das Individualisierungsparadigma erfordert. Der Lehrer (die Lehrerin) ist nicht
nur Agent des Kindes, sondern auch Agent des Staates. Schule als staatliche Zwangsanstalt hat
repressiven Charakter und folglich Wirkungen, die Becks Zielen entgegenstehen. Erstaunlich
finden wir, dass sie über diese Zusammenhänge, die zur gleichen Zeit etwa von Arno Combe oder
Johannes Beck in aller Klarheit aufgezeigt worden waren, kein Wort verliert. Allerdings war
Combe im Ergebnis seiner Analyse durchaus insofern optimistisch, als er von "Strukturen, die es
zu überwinden gilt" (Combe 1971, S. 137) sprach. Nach über 30 Jahren und angesichts des von den
neoliberalen Strategen als Wettbewerbskosten in Kauf genommenen fortschreitenden
Auseinanderklaffens der sozialen Schere und schließlich auch angesichts des Beharrungsvermögens
des hochselektiven deutschen Schulsystems ist es nicht leicht, optimistisch zu bleiben.
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Literatur
- Beck, Gertrud (1972): Politische Sozialisation und politische Bildung in der Grundschule.
(Auszug aus Gertrud Beck: Politische Sozialisation und politische Bildung in der Grundschule.
Frankfurt: Hirschgraben Verlag, S. 14-16) vorliegend als pdf-Datei, S. 1-3
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Schulbereichen. Primarstufe: In: Mickel, Wolfgang/Titzlaff, Dieter (Hrsg.) (1988): Handbuch
zur politischen Bildung. Opladen: Leske & Budrich, S. 402-406
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Karlheinz u.a. (Hrsg.) (2003): Kinder beteiligen - Demokratie lernen? Beiträge zur Reform der
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- Sander, Wolfgang (2002): Von der Volksbelehrung zur modernen Profession. In: Christoph Butterwegge/Gudrun Hentges (Hrsg.) (2002): Politische Bildung und Globalisierung. Opladen: Leske & Budrich, S. 11-24
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