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2. Zur Didaktik politischer Bildung in der Grundschule
Didaktik als Theorie der Bildungsinhalte1 muß die Auswahl und Struktur der zu vermittelnden
Inhalte begründen, und zwar auf der Basis einer Analyse der Bedingungen, die Lernen
erforderlich machen, determinieren und ermöglichen.
Nach welchen Kriterien eine solche Auswahl im Bereich politischer Bildung erfolgen soll,
d.h. welche Ziele für politische Bildung gesetzt werden, hat in der BRD seit 1945 heftige
Diskussionen ausgelöst und vielfältige Versuche provoziert, die bisher nur in zwei Punkten
übereinstimmen:
- Alle Auswahlkriterien enthalten Zielsetzungen. Die Entscheidung für bestimmte vorrangige
Ziele der politischen Bildung ist in jedem Fall gesellschaftlich determiniert. Der Anspruch
auf wertfreie Sachgesetzlichkeit verschleiert, daß gesellschaftliche Normen und deren Wertung
sowohl durch politische als auch pädagogische Einflußnahme wirksam werden. Zielsetzungen
müssen daher offengelegt und permanent reflektiert und überprüft werden.
- Die wissenschaftliche Didaktik befindet sich erst am Anfang ihrer Entwicklung. Zur Didaktik
politischer Bildung liegen mehrere Entwürfe vor, die jedoch bisher alle den Charakter von
Hypothesen tragen. Undiskutiert anwendbare Konzepte stehen nicht zur Verfügung und sind nicht
anzustreben2
Die nachfolgenden Ausführungen zur Didaktik politischer Bildung in der Grundschule können und
wollen keinen Überblick über die Gesamtdiskussion bieten. Sie sollen vielmehr die Konsequenzen
begründen, die im "Arbeitsbuch zur politischen Bildung in der Grundschule" aus der didaktischen
Diskussion um politische Bildung und aus Ergebnissen der Sozialisationsforschung sowie aus
Untersuchungen zur Effektivität des Sozialkundeunterrichts3 gezogen wurden. Sie
haben also die Funktion, die getroffene Auswahl der Inhalte und die didaktischen
Entscheidungen, die der Darstellungsweise vorangegangen sind, zu begründen.
Im Mittelpunkt politischer Bildung in der Grundschule muß reales gesellschaftspolitisches
Geschehen stehen, und zwar nicht im Sinne der Beschreibung von Zuständen, sondern im Sinne der
Analyse von Bedingungen und Konsequenzen des jeweiligen Entwicklungsstandes einer Gesellschaft
(nicht Institutionenkunde, sondern Prozeßanalyse, nicht Stofforientierung, sondern
Problemorientierung) unter Berücksichtigung der Notwendigkeit von Veränderung. Dabei ist die
Erkenntnis von Werten, Normen, Ideen, Motiven und Interessen Bestandteil
"der Erkenntnis des Objektiven"4 und damit Gegenstand von Lernen.
Politische Bildung in der Grundschule hat die Aufgabe, Ungleichheiten und deren
gesellschaftliche Ursachen aufzuzeigen und gegenüber Benachteiligung, Ausnutzung und
Unterdrückung zu sensibilisieren, d.h., "im Verlauf des Nachweises der empirischen
Ungleichheit als einer gesellschaftlich bedingten, für eine Minderheit förderlichen", muß der
Schüler befähigt werden, "für deren Überwindung zu optieren"5. Es sind demnach
"solche Inhalte
gegenüber anderen zu bevorzugen, an denen Ungleichheit und
Ungleichmäßigkeiten von Abhängigkeiten bündig erkannt werden können, um nach deren Gründen
- vor allem also ökonomischen (Eigentum und Verfügungsgewalt) - zwingend fragen zu
können"6 und auf dieser Grundlage das Bewußtsein der eigenen Lage und der dadurch
bestimmten Bedürfnisse und Interessen entstehen zu lassen. Politische Bildung in der
Grundschule muß z.B. die Probleme und Interessen von Kindern in unserer Gesellschaft deutlich
werden lassen und die besonderen Schwierigkeiten bestimmter sozial benachteiligter Gruppen
berücksichtigen.
Deswegen nicht "Grundbedürfnisse: Nahrung, Kleidung, Wohnung", sondern "In der BRD hat von 5
Kindern ein Kind kein eigenes Bett".
Wenn man die durch die Sozialisationsforschung nachgewiesenen Anpassungsmechanismen
berücksichtigt, dann "hätte in diesem Augenblick allgemeinen Konformismus" jegliche
erzieherische Einflußnahme "vorweg eher die Aufgabe, Widerstand zu kräftigen als Anpassung zu
verstärken"7. Politische Bildung in der Grundschule müßte also Widerstandsfähigkeit
bewirken. Das setzt voraus, daß in der Schule Widerstand z.B. gegen Autoritätsansprüche nicht
durch negative Sanktionen abgeblockt, sondern durch Diskussion und Reflexion "bearbeitet" wird.
"Lernprozesse, die politisch bilden, sollen dazu befähigen, daß das Negative, das in der
Situation zu ihrer Überwindung aufruft,
ursprünglich erfahren wird', und dies im
Zusammenhang mit dem ureigensten Interesse"8. Der Vorwurf, daß durch solchen
Unterricht zuviel Negatives vermittelt würde, ist ungerechtfertigt. Er läßt die konkrete
Erfahrungsbasis der Grundschüler außer acht und ist durch viele Unterrichtsversuche im
deutschen und angelsächsischen Sprachraum widerlegt.
"Hilf dem Kind, sich auch in solchen Situationen geborgen zu fühlen, die schwer zu bewältigen
sind", aber "Nutze nicht das Bedürfnis des Kindes nach Geborgenheit dazu aus, daß es
gehorcht", fordert F. Vestin9 . Konflikte sind auch für Kinder permanent gegeben,
deshalb muß es darum gehen, das Kind zur selbständigen Konfliktbewältigung zu befähigen, nicht
es vor Konflikten zu beschützen. Ziel ist die rationale Auseinandersetzung mit Konflikten,
seien es individuelle, seien es politische. Das bedeutet, daß Konflikte und Widersprüche
bereits in der Grundschule Gegenstand des Unterrichts sein müssen, das bedeutet aber auch, daß
der Unterricht und das Verhalten des Lehrers dem Kind Gelegenheit bieten müssen,
Konfliktlösungen in angstfreier Atmosphäre zu üben.
Deswegen nicht "Ohne Ordnung geht es nicht", sondern eine Vielzahl von Materialien, die
Machtverhältnisse aufzeigen, Konflikte schildern, Widersprüche benennen und deutlich werden
lassen, "wie viele Leute dazu gebracht werden, das zu tun, was einige wollen", als Anregung
für Konfliktbewältigung in der eigenen Gruppe.
Politische Bildung in der Grundschule soll zur Stellungnahme herausfordern, zum Argumentieren
und zum Engagement befähigen. Wenn späteres politisches Verhalten vorbereitet werden soll,
dann müssen Handlungsdispositionen grundgelegt werden, die politische Aktivität und
Bereitschaft und Fähigkeit zur Mitbestimmung ermöglichen. Dazu bedarf es eines
handlungsorientierten Unterrichts, der Solidarisierung von Schülern nicht nur zuläßt,
sondern provoziert und ihnen Möglichkeiten bietet, ihre Bedürfnisse und Interessen zu
artikulieren und bei der Organisation der Lernprozesse mitzubestimmen.
Deswegen kein bis in Einzelheiten festgelegtes und systematisiertes Lehrprogramm, sondern ein
Lern- und Informationsangebot beispielhafter Probleme, das permanent zu selbständigem
Weiterarbeiten, zum Ausprobieren in Rollenspiel und Befragung und zum Umstrukturieren je nach
Lernintention auffordert.
Politische Bildung in der Grundschule ist notwendig, da sonst Einstellungen geprägt und fixiert +
werden, die später die Wahrnehmung politischer Sachverhalte filtern und politisches Verhalten
steuern. Die Befähigung der Schüler zu rationaler Auseinandersetzung ist möglich, wenn in der
Grundschule Erfahrungen der Schüler genutzt und Handlungsmöglichkeiten geschaffen werden und
wenn in der Reflexion eigener Erfahrungen und eigenen Handelns eine kognitive Struktur
aufgebaut wird.
J.S. Bruner geht von der Hypothese aus, "daß jeder Stoff jedem Kind in jedem Stadium der
Entwicklung in intellektuell redlicher Weise vermittelt werden kann"10. Aufgabe der
Didaktik ist dabei die Reduktion auf eine den zu vermittelnden Inhalten immanente Struktur,
die den Erkenntnismöglichkeiten des Kindes entspricht. Mit Hilfe solch allgemeiner
Strukturmerkmale muß es dann gelingen, neue Informationen zu erfassen und für neue Aufgaben
umzuformen und zu bewerten.
Deswegen an Stelle fremdbestimmter Normvermittlung wie "Du mußt nicht alles haben, was die
Werbung anpreist", Aufbau und Verinnerlichung einer kognitiven Struktur "wie und warum man die
Menschen dazu bringt, etwas schön zu finden, etwas haben zu wollen, etwas zu kaufen" und
dadurch Vorbereitung einer Handlungsdisposition, die Selbstbestimmung zuläßt.
Aus diesen Überlegungen ergeben sich Konsequenzen für die Auswahl von Inhalten und die
Organisation von Lernprozessen, die die Befähigung zu aktivem Handeln in Richtung auf eine
demokratische Gesellschaft auf der Basis von Selbst- und Mitbestimmung zum Ziel haben.
Lernziele einer so verstandenen politischen Bildung in der Grundschule müssen deshalb sein:
die Sensibilisierung gegenüber Motiven und Interessen auf der Basis einer
antiautoritären Haltung gegenüber jeglichem Informationsträger und auf der Basis der Fähigkeit
zu divergierendem Denken;
die Befähigung zur Rollendistanz, die sowohl geglückte
Interaktion als auch Verweigerung rollenkonformen Verhaltens ermöglicht;
die Sensibilisierung gegenüber gesellschaftlich-politischer
Ungleichheit, Fremdbestimmung und Ausnutzung oder Schädigung von Menschen;
die Befähigung zum Argumentieren und zum Handeln auf der Basis der
Reflexion von Ursachen und Wirkungen;
die Befähigung zu kooperativem Handeln auf der Basis und im Interesse
gemeinsamer Bedürfnisse;
die Befähigung zur Solidarisierung mit Benachteiligten und zu solidarischem Handeln.
Diese Lernziele können in der Grundschule selbstverständlich nicht in vollem Umfang
verwirklicht werden. Sie haben vielmehr eine Kompaß-Funktion, d.h., sie dienen dazu, die
Richtung möglicher Entwicklungen zu bestimmen und Entscheidungskriterien für die Auswahl von
Inhalten und die Organisation von Lernprozessen zu liefern. Voraussetzung dafür ist die
Bereitstellung von Lernsituationen, die dem Schüler die Möglichkeit bieten, Aggressionen,
Unsicherheiten und Mehrdeutigkeiten zu erkennen und zu ertragen und eigenes Verhalten als
Gegenstand von Reflexion zu begreifen.
Da am Anfang von Lernprozessen oft die Identifikation mit Bezugspersonen steht, kann der
Lehrer Verhaltensänderungen besonders wirksam durch eigenes Verhalten (z. B. Reversibilität
der Äußerungen, Toleranz gegenüber Mehrdeutigkeiten, rationale Beurteilung individueller und
gesellschaftlicher Konflikte, Begründung und Kritik eigenen Verhaltens,
) initiieren.
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Anmerkungen
Blankertz, H.: Theorien und Modelle der Didaktik. 5. Aufl. München 1971,
S. 13 (im Anschluß an Erich Weniger)
Es sei auf folgende Zusammenfassung der bisherigen Diskussion um die
Didaktik politischer Bildung hingewiesen: Fischer, K.G.: Einführung in die Politische Bildung,
Stuttgart 1970; Schmiederer, R.: Zur Kritik der Politischen Bildung, Frankfurt/M. 1971 ;
Hilligen, W.: Sozialkunde, in: Pädagogisches Lexikon, Herder-Verlag, Freiburg 1970/71;
Hessisches Institut für Lehrerfortbildung: Protokoll des Lehrgangs 1799 "Zur Didaktik der
politischen Bildung - Entwicklungen und Probleme vom 30.6. - 2.7. 1971. Kassel 1971
Institut für Sozialforschung Frankfurt: Zur Wirksamkeit politischer
Bildung, Teil 1. Eine soziologische Analyse des Sozialkundeunterrichts an Volks-, Mittel- und
Berufsschulen. Frankfurt/M. 1966 - Teschner, M.: Politik und Gesellschaft im Unterricht.
Eine soziologische Analyse der politischen Bildung an hessischen Gymnasien. Frankfurt/M. 1968
Vgl. Fischer, K.G.: Einführung in die Politische Bildung. a.a.O., S. 75 (im Anschluß an M. Horkheimer)
Hilligen, W., in: Protokoll des Lehrgangs 1799, a.a.O., S. 13
Fischer. K.G., in Protokoll des Lehrgangs 1799, a.a.O., S. 9
Adorno, Th. W./ Becker, H.: Erziehung wozu? In: Neue Sammlung 1967, S. 4, auch abgedruckt in: Erziehung zur Mündigkeit, a.a.O., S. 115
Fischer, K.G.: Einführung in die Politische Bildung, a.a.O., S. 75
Vestin, F.: Alle Macht den Kindern. Handbuch der positiven Kinderindoktrination. Stockholm 1969, deutsche Ausgabe Berlin 1971, S. 118-119
Bruner, J.S.: The Process of Education. Cambridge 1961, S. 33, hier zitiert nach: Bereitschaft zum Lernen, in: Pädagogische Psychologie, hrsg. von F. Weinert, 3. Aufl., Köln, Berlin 1968, S. 105. Inzwischen ist die gesamte Schrift - in allerdings nicht sehr geglückter - deutscher Übersetzung erschienen: Der Prozeß der Erziehung, Berlin, Düsseldorf 1970
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