Detlef Pech, Marcus Rauterberg, Gerold Scholz
Sechs Eckpunkte für das Studium des Sachunterichts

(Stand 04.09.2005)

Dr. Detlef Pech

Dr. Marcus Rauterberg

Prof. Dr. Gerold Scholz

Die wissenschaftliche Praxis des Sachunterrichts ist von der Praxis des schulischen Sachunterrichts systematisch unterscheidbar. Der wissenschaftliche Sachunterricht und seine Didaktik besteht als ein eigenständiger Diskurs, der sich nicht aus einer Zusammensetzung der verschiedenen Fachwissenschaften und deren Didaktiken begründet. Er hat die Aufgabe den Bildungsauftrag des Sachunterrichts in Schule und Universität zu bestimmten. Der wissenschaftliche Diskurs des Sachunterrichts bewegt sich im Kontext der diskursiven Zusammenhänge über Kind, Sache und Welt.

Der wissenschaftliche Sachunterricht kann alle Sachzusammenhänge unter einer bestimmten Perspektive zum Gegenstand seines Diskurses machen. Als Sachzusammenhang wird das verstanden, was Menschen in der Welt durch die Perspektive aus der sie es wahrnehmen und interpretieren angeht. Die Transformation eines Sachzusammenhangs zu einem Gegenstand des Sachunterrichts ist nicht beliebig. Sie erfolgt in Hinsicht auf die Bildungsrelevanz für Kinder sowie die kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung des Sachzusammenhangs. Dies ermöglicht Kindern neue Perspektiven auf Sachzusammenhänge zu entwickeln oder bereits entwickelte Perspektiven zu reflektieren bzw. zu strukturieren. Bildung bedeutet: Sein Verhältnis zur Welt in der Weise in Ordnung zu bringen, die es ermöglicht, begründet eine eigene Position einzunehmen.

 

Dies setzt für die Gestaltung sachunterrichtlicher Lehr-Lern-Prozesse sowohl die Fähigkeit voraus, erfahrungsgebundene Eigentheorien von Kindern rekonstruieren und reflektieren zu können, als auch ein Wissen über Differenzen zwischen unterschiedlichen wissenschaftlichen Ansätzen. Das Entwicklungspotenzial von/zwischen erfahrungsgebundenen Eigentheorien und gesellschaftlichen, kulturellen, wissenschaftlichen, politischen etc. Deutungen didaktisch-methodisch aufzugreifen, beschreibt die Professionalität von Sachunterrichtslehrkräften. Die Interdependenz von sprachlichen (symbolischen) und sinnlichen Wahrnehmungen soll verstanden sein, da Wahrnehmung und Interpretation zusammen hängen.

 

Es kann in der modernen Welt nicht Aufgabe des Sachunterrichts sein, die gesellschaftlich aufgebrochene Einheit des Lebens wieder herzustellen. Durch seine Methode, sich Sachzusammenhängen durch deren Dokumentierung, Analyse, Reflexion und Selbstreflexion gewissermaßen gegenüber zu stellen, bricht der Sachunterricht die unhinterfragte Einheit von Kind und Welt auf. Der Sachunterricht distanziert und versachlicht in einer Weise, die kindliche Theorien als eine Möglichkeit sich und die Welt zu verstehen sowohl akzeptiert als auch in Frage stellt. Der Sachunterricht schafft Vertrauen nicht durch Zerstörung der eigenen Theorien der Kinder, sondern dadurch, dass unterschiedliche Theorien in ihrer Perspektivität erkannt und anerkannt werden können.

 

Die Kenntnis des historischen und gegenwärtigen wissenschaftlichen Sachunterrichtsdiskurses sowie der schulischen, wissenschaftlichen und politischen Kontextualisierung der diskutierten Fragen und Antworten ist Voraussetzung für die Möglichkeit, einen eigenen, begründeten sachunterrichtsdidaktischen Standpunkt einnehmen zu können.

 

Schulischen Sachunterricht zu planen, meint zukünftiges Unterrichtshandeln als begründetes, zielgerichtetes, aber immer riskantes Handeln mit immer auch anderem als dem intendierten Ausgang zu begreifen und die daraus resultierende Rolle als Lehrkraft zu reflektieren. Dies setzt im Unterricht die Fähigkeit zur Beobachtung und Selbstbeobachtung voraus. Dabei ist jeder Sachunterricht zu verstehen als Aufführung eines Weltbildes. Deren professionelle Planung, Durchführung und Reflexion muss begründbaren Kategorien folgen und bezieht sich auf das Ineinander von didaktischen Entscheidungen, Rahmungen, methodischen Arrangements und personalen Beziehungen unter einer jeweils gegebenen bildungstheoretischen Zielsetzung. Für den schulischen Sachunterricht ist besonders, dass er die Art des Weltverhältnisses als perspektivisches sowie die konkret eingenommene Perspektive, selbst zum Thema des Unterrichts machen kann; für die Wissenschaft Sachunterricht ist dies als unabdingbare Aufgabe zu verstehen.

 
   
   
   
   
     
     
     
 
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