Gerold Scholz
|
|||||
Die Tagung begann mit einem Vortrag von Johanna Mierendorff
zum Kindheitsbegriff und zum Wandel des Kindheitsbildes aus soziologischer Perspektive. Sie
stellte in einem ersten Schritt zwei Annahmen über Kinder gegenüber: Entweder wird Kindheit
als universell betrachtet oder als spezifisches Muster in bestimmten Gesellschaften zu
bestimmten Zeiten. Die vorherrschende Sicht bestehe heute darin, Kindheit als soziales
Konstrukt und nicht als Universalie aufzufassen. Kindheitskonstrukte sind aus dieser Sicht
als gesellschaftsangemessen zu betrachten. Dies bedeutet auch, dass sie sich im Zuge
gesellschaftlicher Veränderungen ebenfalls verändern. |
|
||||
Gerd E. Schäfer brachte eine pädagogische
Perspektive in seinen Vortrag ein. Das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft
betrachtete er im Sinne eines ökologischen Ansatzes (nach Gregory Bateson:
"Ökologie des Geistes"). Die Gleichzeitigkeit von Normierung und
Individualisierung, die soziologisch als unterschiedliche Perspektiven auf
gesellschaftliche Vorgänge beschrieben werden, bedeutet aus seiner Sicht, dass dem
Individuum nun die Verantwortung für die Aushandlung der Beziehung von Individuum und
Gesellschaft zugeschrieben werde, ohne dass der Einzelne dazu wirklich in die Lage versetzt
würde. Bildung habe sich dagegen auf die Selbstbildungspotenziale von Kindern zu beziehen und
nicht von vornherein auf die Vermittlung zwischen Individuum und Gesellschaft. Schäfer bezog
sich auf ein durch neuere Forschung begründetes Kindheitsbild, wonach Kinder von Beginn an
lernen und zwar auf der Grundlage einer selbständigen sinnlichen Wahrnehmung. Die
Entwicklungsaufgabe bestehe darin, Probleme produktiv lösen zu lernen. Zentral sei dabei der
Gedanke, dass Lernen für das Kind einen persönlichen Sinn ergeben müsse. Das Kind wird nicht
nach dem Muster eines Defizitmodells diagnostiziert und gefördert; vielmehr besteht die
Aufgabe der Erwachsenen darin, durch "wahrnehmendes Beobachten" zu verstehen, was
das Kind macht. Dieses "Machen" ist - bei kleinen Kindern - nicht theorielos, aber
prärational. Kinder könnten vor dem Erwerb der Sprachfähigkeit denken, durch Sprache lernten
sie neu und auf neue Weise zu denken. |
|||||
Helene Schär gab in ihrem Vortrag eine subjektive
Annäherung an Kindheitsdarstellungen in Gesellschaften außerhalb Europas und Nordamerikas
und bezog sich vor allem auf afrikanische Kulturen. Die europäischen Vorstellungen von
Kindheit entsprächen einem verinnerlichten Bild aus der Aufklärungszeit und dem Beginn
des bürgerlichen Zeitalters. Zentral sei die Perspektive der Vorbereitung des Kindes auf
das Erwachsensein, der mehr oder weniger behütete Schonraum für Kinder und die Orientierung
am Individuum. Für die europäische Kultur konstatierte sie eine "Ich-Gesellschaft"
und kontrastierte diese mit einer "Wir-Gesellschaft", in der die Familie oder der
Clan wichtiger als der Staat ist. Das einzelne Kind hat selbstverständlich mit seinen
Möglichkeiten zum Lebensunterhalt oder zum Wohl und Zusammenhalt der Familie oder des
Clans beizutragen. Die Aufgaben, die die Kinder dabei übernehmen müssen, unterscheiden
sich nicht entlang einer Zweiteilung von Kind und Erwachsenem, sondern sind orientiert an
den konkreten, altersbestimmten, kognitiv oder auch körperlich vorhandenen Fähigkeiten und
Fertigkeiten. In "Wir-Gesellschaften" finde eine sukzessive Zunahme im Repertoire
der Arbeiten der Kinder statt, wobei spielerische Formen zugunsten von verantwortungsvollen
allmählich in den Hintergrund treten. Doch werde kein Zwang auf die Kinder ausgeübt.
Die Kinder würden nicht als unmündige Wesen behandelt, sondern als gleichwertige Menschen
mit einem weniger großen Erfahrungshintergrund. Im Kern gelten die gleichen Regeln für Kinder
wie für Erwachsene, verbunden allerdings mit einer Hochschätzung des Alters. Kinder nehmen an
fast allen gesellschaftlichen Ereignissen teil. Die Orientierung an Familie und Clan bedeutet
auch, dass Kinder zum Beispiel selbständig entscheiden können, nicht bei den Eltern, sondern
einem der Verwandten leben zu wollen. Da es keine Polarisierung von Kindern und Erwachsenen
gäbe, spiele, wie bei den Erwachsenen auch, die Altersspanne eine große Rolle. Die Kinder
gruppieren sich innerhalb ihrer Altersspanne. Bei Konflikten hilft die nächst ältere
Altersgruppe. Die Altersgruppen blieben lebenslänglich bestehen. Abschließend betonte Helene
Schär, dass in außereuropäischenn Gesellschaften eine selbstverständliche Einbindung des Kindes
in die Gemeinschaft mit allen Rechten und Pflichten beobachtet werden könne und verwies auf
grundlegende Veränderungen dieses Kindheitsbildes durch Kolonialisierung, "Zivilisierung"
und die Übernahme "westlicher Erziehungspraktiken". In den meisten
außereuropäischen Gebieten seien es die Massenmedien, die heute vor allem den
amerikanischen "way of life" vermittelten. |
|||||
|