Kurt Meiers,
Professor
Lieber Herr Pech,
erlauben Sie mir eine spontane und knappe Antwort auf die Frage nach dem
Unterschied von naturbezogen und naturwissenschaftlich im Zusammenhang mit dem Sachunterricht.
Beide Begriffe stellen keinen Widerspruch dar, so dass der Gebrauch des einen Begriffs den
des andern ausschließen würde.
Jeder Begriff setzt in Bezug auf Natur einen spezifischen Akzent. Naturwissenschaftlich
ist u. a. das Analysieren, Klassifizieren, Erforschen von Zusammenhängen. Naturbezogen ist u. a.
das Verwenden von Naturphänomenen als Metapher in der Sprache, das Angemutetsein von
Erscheinungen und Vorgängen in der Natur, das Staunen, das Pflegen von Pflanzen, Tieren,
das Schützen der Natur schlechthin.
Sehen wir beide Begriffe nicht je für sich, sondern im Zusammenhang des Lernens, d.h. in
einem Prozess mit der Dimension der Zeit, wie Sie es ja auch sehen, dann stellt sich die
Frage neu und m.E. so: In welcher Phase des Lernens macht Naturbezogenheit, in welcher
Wissenschaftlichkeit Sinn? Man könnte auch noch grundsätzlicher fragen: In welcher
wechselseitigen Bezogenheit stehen sie? Wieweit bedingen sie sich wechselseitig sogar?
Der Hintergrund dieser Ausführungen ist mein Versuch vor einigen Jahren,
das Wesentliche des Sachunterrichts zu umreißen (Meiers: Sachunterricht, 2. Aufl., Zug 1994,
S.11f). Es heißt dort (erlauben Sie bitte das Zitat):
Sachunterricht ist eine Veranstaltung der Schule, in der es darum geht, Kindern dabei zu helfen,
- den bereits vor Eintritt in die Schule begonnenen und neben dem Schulunterricht
weiterlaufenden Prozess der handelnden Erfahrung, sinnlichen Erfassung und geistigen
Verarbeitung ihrer Welt
- mit wissenschaftlich begründeten Methoden systematisch fortzusetzen,
- unter besonderer Berücksichtigung der Interessen, Lebenssituationen
und Fragen der Kinder
- und mit dem Ziel einer kategorialen Bildung und ethisch orientierten Erziehung.
Lieber Herr Pech, ich hoffe natürlich, dass mein kleiner Beitrag zumindest
eine kleine Hilfe ist. Sie werden ja nach der Beantwortungsfrist sicher über das Ergebnis
informieren.
Mit freundlichen Grüßen
Kurt Meiers
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Gerold Scholz,
Professor
Liebe Leute,
als Antwort ein Ausschnitt aus einem Vortrag:
Nun sollen aber doch Kinder etwas über die Welt um sie herum lernen und verstehen.
Dazu müssen wir Lehrenden zunächst verstehen, wie wir die Welt auffassen. Ich möchte nur
einen wichtigen, für das Experimentieren mit Kindern entscheidenden Punkt erwähnen.
Die Unterscheidung zwischen Naturwissenschaft und Naturkunde. Am Beispiel: Wasser.
Wasser, so haben Sie sicher noch aus der Schule im Kopf: H20, geschmacklos,
geruchlos, farblos. Das stimmt aber so nicht. Wasser kann verschiedene Farben haben und
in der Regel riecht es auch und schmeckt nach etwas. Ich habe einmal aus einem Bach getrunken,
dessen Wasser nach Sekt schmeckte.
Man muss unterscheiden zwischen dem Wasser, das in der Natur vorkommt und dem, das die Physik
beschreibt. Das eine hat nur oberflächlich mit dem anderen zu tun. Die Physik grenzt durch
Merkmalskategorien diese Flüssigkeit von anderen ab. Das Wasser, mit dem sie sich beschäftigt,
ist physikalisch konstruiert. Es ist ein Molekül aus zwei Teilen Wasserstoff und einem Teil
Sauerstoff. Das Wasser in der Natur ist etwas anderes.
Mir geht es darum deutlich zu machen, dass die Naturwissenschaft eine - aber wirklich nur eine
Form des Erkennens von Natur ist. Kinder werden diese Form der Naturerkenntnis lernen und
verstehen müssen - und zwar im Laufe ihrer Schulzeit bis zum Abitur. Aber verstehen werden
sie Naturwissenschaften nur, wenn sie wissen, worin sich naturwissenschaftliche und
naturkundliche, ich kann auch sagen, naturwissenschaftliche und alltägliche Naturerkenntnis
unterscheiden. Noch einmal anders: Die Grundlage naturwissenschaftlichen Verstehens ist ein
Wissen, das sich nicht aus der Naturwissenschaft ergibt.
Wer anderes versucht, wie der Entwurf des Planes "Bildung von Anfang an" für das
Land Hessen, verdummt Kinder. Dort heißt es u.a.: "Lange vor Schuleintritt verfügt das
Kind über differenzierte Denkstrukturen, die ihm ermöglichen, Zusammenhänge aus der
Biologie, Chemie oder Physik zu verstehen. So sind Kinder beispielsweise bereits im
Vorschulalter in der Lage, grundlegende Wenn-Dann-Beziehungen herzustellen und verfügen schon
sehr früh über einen intuitiven Zugang zu Fragestellungen aus der Physik, Chemie oder
Biologie." (S. 68)
Das ist schlichter Unsinn. Kein Kind interessiert eine biologische, chemische oder
physikalische Fragestellung, was Kinder interessiert sind Phänomene, die unsere
Erwachsenkultur unter anderem mit biologischen, chemischen oder physikalischen Methoden
bearbeitet. Man kann sich auch als Erwachsener mit Wasser oder irgendetwas anderem nicht
naturwissenschaftlich beschäftigen und sich auf diese Weise bilden. Die Autoren von
"Bildung von Anfang an" unterliegen dem häufig beobachtbaren Missverständnis
zwischen Gegenstand und Methode. Gegenstand ist die Natur. Naturwissenschaft ist eine
Methode, sie zu erforschen. Es gibt keine physikalischen, biologischen oder chemischen
Erscheinungen. Es gibt nur biologische, chemische oder physikalische Methoden der Erklärung
von Erscheinungen. Deshalb führt es zur Verdummung von Kindern, wenn Erzieherinnen zu
folgendem angehalten werden sollen - ich zitiere aus "Bildung von Anfang an":
"Das Kind erwirbt Zugang zu naturwissenschaftlichen Themen und hat Freude am
Experimentieren und Beobachten von Phänomenen der belebten und unbelebten Natur. Es lernt
Gesetzmäßigkeiten und Eigenschaften biologischer, chemischer und physikalischer
Erscheinungen kennen und setzt sich mit Zusammenhängen in diesen Bereichen auseinander"
(S. 69).
Kein Vorschulkind kann sich mit der Frage auseinander setzen, ob wirklich der Einfluss der
Spülflüssigkeit auf die Oberflächenspannung des Wassers für das Sinken der Pfefferkörner
entscheidend ist oder eine andere physikalische Theorie heranzuziehen wäre.
Dumm ist ein Mensch, der versucht sein Leben zu bestimmen entlang von Theorien, die er
nicht verstanden hat, die er nur nachplappern kann.
Verdummung meint, ihn etwas glauben zu lassen, was er nicht verstehen kann .
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Ruedi Hintermann,
Professor
Sehr geehrter Herr Pech,
Ich setze mich vehement ein für "naturwissenschaftlich" an Stelle
von "naturbezogen".
Die Verwendung von "naturbezogen" lässt alle möglichen Vorstellungen und Bilder
von Natur zu, damit auch viele verschiedene Zugänge zu Natur. Das hat auf den ersten Blick
Vorteile: grosse Akzeptanz bei sehr unterschiedlich denkenden Menschen, da ein breites
Spektrum von Inhalten und Tätigkeiten im Bereich Sachunterricht erfasst werden kann.
Ich sehe den Nachteil darin, dass wir unverbindlich bleiben und damit Raum bieten für
individuelle Interpretationen des Rahmenplans, die den spezifisch naturwissenschaftlichen
Bezug sogar ausklammern, und damit geht Wesentliches verloren.
Der Begriff "naturwissenschaftlich" ist präziser und sagt etwas aus über die Art
und Weise, wie Lehrpersonen und Kinder sich mit Natur auseinandersetzen.
Ich bin in der Ausbildung von Kindergärtnerinnen tätig, ich besuche auch Studierende in der
Praxis.
Ich bin überzeugt, dass praktisch alle Kindergärtnerinnen von sich sagen würden, dass
ihre Arbeit oft naturbezogen ist. Das kann z. B. heißen:
Sie geht mit den Kindern ins Freie, in den Wald.
Sie gestaltet mit Kindern mit Naturmaterialien Einladungskarten für den Elternabend.
Das können wertvolle Beschäftigungen sein, die in vielen Fällen aber nichts mit
naturwissenschaftlichen Zielsetzungen und Zugängen zu tun haben.
Sie können aus einer naturromantischen Haltung heraus konzipiert sein, die einem
naturwissenschaftlichen Weltbild nicht entspricht, die also den Kindern diese Perspektive
vorenthält.
Eine naturwissenschaftliche Perspektive nimmt die Kindergärtnerin ein, die mit den
Kindern beobachtet, wie Wasserläufer auf dem Teich gehen, Kinderfragen zu dieser für uns
erstaunlichen Beobachtung aufnimmt, anschliessend Experimente zur Oberflächenspannung des
Wassers anregt und aus den Resultaten mit den Kindern Rückschlüsse auf den Wasserläufer zieht.
Die Publikationen von Frau G. Lück zeigen deutlich, dass Kinder schon früh für einen Zugang zu
Naturphänomenen zu begeistern sind, der mit dem Begriff "naturwissenschaftlich"
umschrieben werden darf. Das soll im Perspektivrahmen deutlich und präzise ausgedrückt werden.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und die Aufnahme des Diskussionsbeitrages. Ich habe relativ
spontan auf Ihre Anfrage geantwortet und deshalb die Möglichkeit der Mailantwort gewählt.
Falls weiter gehende formale Ansprüche gestellt werden, bitte ich Sie, mir dies mitzuteilen.
Mit freundlichen Grüssen
Ruedi Hintermann
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Astrid Kaiser,
Professorin
Lieber Detlef Pech,
Die Unterscheidung der Perspektiven ist auf der Oberfläche - und wahrscheinlich in den
Intentionen der Verfasserinnen und Verfasser von Richtlinientexten - einfach, nämlich
einerseits auf das Konstrukt Natur gegenständlich bezogen und implizit ein phänomenologisches
Konzept von Naturbetrachtung verfolgend, andererseits mit der Ausgrenzung der Kategorie
"wissenschaftlich" ex negativo in ähnlicher Richtung eine Form der Beschränkung
des Bildungsanspruches von Kindern. Dies entspricht durchaus den langfristigen Tendenzen zur
Abschaffung wissenschaftsorientierter Bildungspläne für die Grundschule, wie sie sich seit
Ende der 70er Jahre überall durchgesetzt haben. Mit der Ausgrenzung des Begriffs
"naturwissenschaftlich" wurde zunächst eine analytische Betrachtung der Inhalte
des Sachunterrichts als nicht kindgemäß genug betrachtet, obgleich in vielen
Unterrichtsbeobachtungen das Experimentieren im Sachunterricht oder forschend-entdeckendes
Lernen immer wieder als motivierend und qualifizierend für Kinder beschrieben wird.
In England ist es selbstverständlich, dass Kinder im Primarschulalter "research"
zu ihrer Thematik differenziert betreiben und dort ist damit nicht nur Recherche in Büchern
oder dem Internet gefragt, sondern auch systematisches Experimentieren mit veränderten
und konstanten Variablen. Dieser durchaus kindgemäß angelegte Unterricht ist in hohem Maße
als naturwissenschaftlicher Unterricht zu bezeichnen, von der kooperativen Planungsphase
bis zur Selbstevaluation der Ergebnisse der Arbeit durch die Kinder nach gemeinsam
festgelegten Qualitätskriterien. Naturwissenschaftliches Lernen ist also möglich und
produktiv, in Deutschland wird dies zunehmend weniger angenommen und mit der Formel
naturbezogenen Lernens ersetzt.
Dies hat auf der Tiefenstruktur praktischen Handelns in erster Linie nicht so viel
Auswirkungen, weil die Praxis nicht direkt an den Richtlinien und ihren Intentionen
ausgerichtet wird, sondern an eigenen Handlungsmustern und rezipierten methodischen
Anregungen. Allerdings haben die Richtlinien sehr wohl Konsequenzen für die Entwicklung
des schulischen Didaktik-Umfeldes, indem etwa die Schulbücher und Lehr-Lernmaterialien in
eine bestimmte Richtung produziert und letztlich im Unterricht eingesetzt werden.
Richtlinien sind selten direkt Weg weisend, sondern mehr vermittelt über den Sekundärlehrplan
der Materialien.
Nun will ich aber nicht noch weiter in Aspekten und Schattierungen der Problematik einsteigen,
sondern wenigstens eine kurze Antwort absenden.
Viele Grüße
Astrid Kaiser
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Rainer Schlundt,
Professor
Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,
ich halte diese Frage für ganz und gar nicht trivial. Sie erhält eine
Bedeutung, wenn wir die Begriffe, mit denen wir arbeiten, ernst nehmen wollen. Deshalb in
gebotener Kürze meine Gedanken dazu:
Naturwissenschaftliche Perspektive:
Die Verwendung dieses Begriffes impliziert, dass wir Perspektiven und Ergebnisse der
Naturwissenschaft(en) übernehmen. Der (Schul-) Unterricht kann jedoch selten den
permanenten wissenschaftlichen Prozess abbilden, d.h. die Relativität oder Vorläufigkeit
dieser Ergebnisse vermitteln. Deshalb werden diese Ergebnisse meist als gesichert,
unumstößlich etc. dargestellt. (Auffallend in diesem Zusammenhang, dass das Buchwissen
hinter dem Wissensstand etwa 10 Jahre hinterher hinkt.) Verständlich deshalb, dass Lehrer
bei diesen (überholten) Ergebnissen bleiben, da sie einerseits keine Möglichkeit zur
Fortbildung haben, andererseits die meisten Ergebnisse der Wissenschaft erst nach geraumer
Zeit didaktisch so reduziert sind, dass wir als naturwissenschaftliche "Laien" das
auch verstehen und weitergeben können. Hieraus folgt für den Unterricht, dass er so
vorbereitet sein muss, dass die Schüler die Antworten finden (müssen), die der von der
Wissenschaft vorgegebenen am nächsten kommen. Es erwächst der Verdacht, dass
Grundschul-Unterricht doch wieder - oder immer noch - wissenschafts-propädeutisch ist.
(Bezeichnend doch auch, dass in den letzten Jahren die Themen aus dem kultur- und
geisteswissenschaftlichen, historischen Bereich stetig abnehmen; etwa, weil hier
keine eindeutigen Antworten zu finden sind?) Die Schüler lernen also das, was
"Generationen von Fachleuten" daraus gemacht haben (Martin Wagenschein).
Die unumstrittene und heute überall anerkannte Forderung nach "Entdeckendem Lernen"
ist somit außer Kraft gesetzt.
Naturbezogene Perspektive:
Wenn wir streng vom Begriff ausgehen, umfasst er alles Lernen, das sich auf Phänomene der
Natur richtet. Fragen an diese Phänomene sind notwendig, da sie erst die Antworten
konstruieren. Daraus folgt: Die Fragen der Kinder an diese Phänomen entscheiden. Es ist somit
keine Begrenzung auf ein oder zwei naturwissenschaftliche Fächer gegeben, sondern der
Unterricht muss für alle naturwissenschaftlichen Perspektiven offen sein. Doch auch die
Antworten aus der Literatur, der Musik, der Mythologie ... müssen als Antworten anerkannt
werden. Sie können sogar eher kindliche Neugier befriedigen, weil sie in den meisten Fällen
eine umfassendere Antwort geben als die rein rationale. Somit gewinnen die Fragen und
Hypothesen der Kinder an Bedeutung, Irrtümer sind möglich und erlaubt, die eine "richtige"
Antwort wird als Chimäre erkannt. Dies drängt zur Toleranz gegenüber anderen Antworten,
womit wir uns Bereichen der Politischen Bildung nähern. Diese Vorstellung kann natürlich
nur dann im Unterricht umgesetzt werden, wenn der Lehrer davon ausgeht, dass in jedem
Kinde schon in Ansätzen das vorhanden ist, was es lernen soll; oder anders ausgedrückt,
dass jedes Kind nur das lernen kann, was schon in ihm angelegt ist. ( Von Sokrates bis
Humboldt und Hentig anerkannt.)
Schlussbemerkungen:
Ein "naturbezogener" Unterricht verlangt mehr Wissen des Lehrers und erhöhte
Offenheit. Die oberflächlich gesehen zu große Unsicherheit, Unruhe im Unterricht wird wohl
kaum auf breite Unterstützung zählen können. Dennoch wäre es gerade für die Grundschule
die allerbeste Möglichkeit, da es die kindliche Neugier nicht einengt, sondern zur Grundlage
der Unterrichtes macht. Kinder würden somit permanent erfahren, dass es auf ihre Neugier
ankommt. In den kindlichen Antworten käme das Verständnis der Kinder zum Ausdruck, das dann
mit den Ergebnissen der Wissenschaft in Bezug gesetzt werden kann. So wäre vielleicht
abschließend zu fragen, ob nicht auch die anderen Perspektiven des Perspektivrahmens der
GDSU sich eher an den betreffenden Wissenschaften orientieren als an der Suche nach
kindlichen Erklärungskonzepten der unterschiedlichsten Phänomene.
Mit diesen vorläufigen Gedanken und der Erwartung schöner Diskussionen grüße ich Sie alle
recht herzlich
Ihr Rainer Schlundt.
PS.: In konsequenter Umsetzung dieser Gedanken haben wir den neuen
BA-Studiengang an der Universität Erfurt "Natur und Kultur" genannt.
(Auch in bewusster Abgrenzung zu Baden-Württemberg "Mensch-Natur-Kultur".)
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Lydia Murmann,
Professorin
Lieber Detlef Pech,
zwischen naturbezogener und naturwissenschaftlicher Perspektive lässt sich
insofern unterscheiden als "naturbezogen" die Perspektive im Hinblick auf ihren
Gegenstand und "naturwissenschaftlich" die Perspektive im Hinblick auf ihren
Gegenstand und die Art des Zugangs zur Natur kennzeichnet. Beide Bezeichnungen lassen viel
Spielraum für die Konkretisierung im Sachunterricht, wenngleich "naturbezogen" mehr
Offenheit andeutet.
Fatal wäre meines Erachtens, wenn "naturwissenschaftlich" meint, dass im
Sachunterricht die Vermittlung von Ergebnissen der Naturwissenschaften, also die Vermittlung
bestimmter Verfahren und Erkenntnisse, die aus jahrhundertelanger Forschungspraxis
resultieren - wenn auch in elementarisierter exemplarischer Weise - im Vordergrund stehen
sollte. Ebenso fatal wäre es, die Naturzugänge von Kindern auf vermeintlich
naturwissenschaftliche Betrachtungen zu verengen. Das ist z.B. der Fall, wenn im Rahmen des
viel behandelten "Kreislauf des Wassers" Verdunstung, also ein
naturwissenschaftliches Konzept, besprochen wird evtl. unter Zuhilfenahme eines Schälchens mit
Wasser, das Phänomen "Trocknen" (nasser Tücher, feuchter Böden, der eigenen Haare
usw.) jedoch nicht genau beobachtet und gedeutet wird. Ein solcher Sachunterricht hätte nicht
die erfahrende und deutende Begegnung mit Natur und Naturphänomenen zum Gegenstand, sondern
die Denkergebnisse Erwachsener, ohne diesen Unterschied zu bemerken, zu reflektieren oder zu
thematisieren. Er duldet ästhetische Zugänge zu Natur als Begleiterscheinungen und
funktionalisiert sinnlich-körperliche Erfahrungen als Mittel zum Zweck.
Die Offenheit, die "naturbezogen" andeutet, kann jedoch unterschlagen, dass Natur
seit Jahrhunderten Gegenstand genauer Beobachtung, von Erkenntnisprozessen und Kulturleistungen
war und ist. Auch Sachunterricht, der sich darin erschöpft, dass Laubblätter oder Steine
gesammelt und bemalt werden oder Ausflüge in Wald und Wiese unternommen sowie Tier- und
Pflanzennahmen auswendig gelernt werden, ist irgendwie naturbezogen aber banal.
Die Adjektive naturwissenschaftlich oder naturbezogen lassen beide Raum für eine
phänomennahe und intensive Auseinandersetzung mit belebter wie unbelebter Natur, in der das
Wahrnehmen und Deuten und die Förderung einer breiten Erfahrungsbasis mit Natur im Vordergrund
stehen können. Wenn sie so interpretiert werden.
Mit freundlichen Grüßen
Lydia Murmann
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Kommentar der Fragesteller Detlef Pech und Marcus Rauterberg:
Als augenscheinlichte Auffälligkeiten der Antworten lassen sich zunächst folgende
festhalten:
- Es sind weniger Antworten als zur ersten gestellten Frage bei uns angekommen.
- Die Antworten stammen ausschließlich von universitären VertreterInnen des Sachunterrichts.
- Bei den beschriebenen Differenzierungen zwischen Natur- und Naturwissenschaftsorientierung
herrscht weitgehende Übereinstimmung. Differenzen bestehen in der für den Sachunterricht
favorisierten Orientierung.
Wir hatten befürchtet, dass es zu wenigen Antworten ausschließlich aus dem akademischen Bereich
kommen könnte und wollten dem durch die explizite Frage nach der Bedeutung für die Praxis des
Sachunterrichts vorbeugen. Trotzdem: es fühlten sich nur die Universitätsangehörigen
angesprochen und nicht die Sachunterrichtslehrkräfte in der Schule, nicht die Seminarleitungen
der 2. Phase und auch nicht die Personen, die administrativ den Sachunterricht betreuen.
Dies ist eigentlich erstaunlich. Denn die Formulierungen, die zu dieser Frage führten,
finden sich in den Rahmenrichtlinien und -plänen, sind also verwaltungsrechtlich maßgeblich
für das, was in den Schulen geschieht. D.h. die jeweils zugrunde liegenden Verständnisse haben
konkrete Auswirkungen auf Unterricht (mindestens auf die von Verlagen produzierten
Unterrichtsmaterialien). Oder kommt etwa das Fachverständnis, auf dem die entsprechenden
Papiere basieren, gar nicht in der Schule an, so dass die gestellte Frage tatsächlich eine
akademische bleibt? Ist eine solche Differenzierung für den schulischen Sachunterricht
gänzlich uninteressant, weil in der Praxis nicht (bewusst) unterschieden wird? Diese
Fragen sind mehr als spekulativ, da sie Mutmaßungen über eine Sache darstellen, die gar
nicht vorliegt.
Die ProfessorInnen, die antworteten, betonen ausdrücklich die Bedeutung unserer Frage und
setzen sich zum Teil "vehement" - eine Nachdrücklichkeit, die im wissenschaftlichen
Diskurs nicht allzu oft zu finden ist - für ihre jeweilige Position ein.
Zugespitzt sind ihre Antworten mehrheitlich letztlich keine direkte Antworten auf die Frage nach der
Unterscheidung zwischen naturbezogenen und naturwissenschaftlichen Perspektiven im
Sachunterricht, sondern geben eher Auskunft über das jeweils als
sinnvoll angesehene Lernen von Kindern.
Sollte es keine, zumindest keine im Vordergrund stehende, relevante Antwort auf die gestellte
Frage geben? Oder zeigen uns die Antworten schlicht, dass sachunterrichtliche
Perspektiven nicht unabhängig von kindlichen - was auch immer dies dann wiederum in der
Konkretion heißen mag - Perspektiven formuliert werden können?
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