| www.widerstreit-sachunterricht.de/Ausgabe Nr.2/März 2004 | |||||
Kristin Westphal
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| Fasziniert von den Bilderwelten der Neuen Medien verbleibt die allgemeine Debatte meist in der kulturhistorisch interpretierbaren Blickbeschränkung auf die Augen und das Sehen. Hier wird nun die "Stimme" als Beispiel für das Konkrete, für Erfahrungsvollzüge herangezogen, um von da aus das grundlegend medial angelegte Verhältnis des Menschen zur Welt zu reflektieren. Die Technik bricht nicht von außen in die Stimme ein, "Künstliches" ist bereits von Anfang an in ihr am Werk. "Künstlichkeit" und "Natürlichkeit" ist von daher integraler Bestandteil jeder Erfahrung. Jede Erfahrung und Wahrnehmung ist durch strukturelle Differenzen gekennzeichnet. Wenn nun alle Erfahrungen medial strukturiert sind, dann setzt sich diese Strukturierung auch auf neue und andere Weise in den Medien fort. |
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| 1. Philosophisch-anthropologischer Zugang zu Medien am Beispiel Stimme
Stimme erhält unter den Bedingungen der technischen Apparaturen eine Umorientierung. Es sind neue kulturelle auditive Praxen im Verbund mit taktilen und visuellen oder räumlichen Medien zu erwarten, die in neuer Weise auf unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit, unsere Körperlichkeit/Leiblichkeit wie auch Stimmlichkeit zurückwirken werden. Wir leben in einer Zeit, die uns viele verschiedene Medien zur Verfügung stellt. Positiv gesehen heißt das, je mehr Medien uns zur Verfügung stehen, um so größer sind auch unsere Möglichkeiten zu wählen. Das setzt voraus, daß wir die Unterschiede wahrnehmen und kennen. Wie strukturieren die Neuen Medien unsere Erfahrungen anders als bisher? Wie werden die Erfahrungen mit Medien diskutiert und vor welchem theoretischen Hintergrund behandelt? In der Erziehungswissenschaft gibt es bislang keine Medienkritik, die sich dem konkreten Phänomen der Stimme besonders widmet und daran die Grundstrukturen des menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses exemplarisch verdeutlicht. Fragen, wie technisch-künstliche Stimmen hergestellt werden können, die Frage, welche Bedeutung im Umgang mit Medien der Rückbezug auf unsere Lebenswelt und unsere Leiblichkeit zukommt, um medialisierte Stimmen überhaupt rekonstruieren und hören zu können, wären für eine solche Medienkritik nicht nur peripher interessant, sondern von zentraler Bedeutung. Denn auch die Neuen Medien sind - wie bildzentriert auch immer - ohne Stimmen, vermittelt über Soundkarten etc. nicht denkbar. Interessant ist die Beobachtung von Lippitz, daß es keine "Bilder" vom Fremden gebe, bzw. jede "Bebilderung" nur das uns Vertraute umspiele (1999, 43). Das trifft nun insbesondere auf die Fremderfahrung mit Stimmen zu, die sich aufgrund ihres flüchtigen Charakters geradezu jeglicher Darstellbarkeit entzieht. Auch wenn der Computer Aspekte des Hörbaren symbolisch sichtbar machen kann, so entzieht sich auch dem Computerbild die Fremderfahrung des Hörbaren. Erinnert sei auch an das Bild von Munch: Der Schrei oder die bildliche Darstellung der Medusa, beides Versuche, den Verlust unserer leiblichen Beherrschung im Schrei des Entsetztens ins Visuelle zu transformieren. Reden können wir aber nur über das Bild, der diesen Schrei darstellt, der Schrei ist nur durch sich selbst hörbar. |
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| 2. Stimme als und im Medium
Die Stimme ist wesentlicher Bestandteil und Träger von Information und darüber selbst an Kommunikation beteiligt, sie ist also auch Information, Geste und Ausdruck. Über Stimme zu sprechen findet in und mit der Stimme statt. Darin ist ein Moment der Doppelung enthalten, das jedoch nicht zur Deckung kommt. Stimme entzieht sich einer eindeutigen Verortung. Sie erscheint als Selbstpräsenz, indem ich mich selbst sprechen höre und zugleich als Fremdheit, indem ich mich selbst sprechen höre, wie ein anderer mich hört. Hören ereignet sich als Antwort auf einen Anspruch, der vom Anderen ausgeht, das auch das eigene Andere sein kann. Es gibt eine Differenz zwischen der gehörten und gesprochenen Stimme. Stimme unterliegt nicht nur einem ständigen Wandel und Anpassungsprozeß, sondern sie ist auch vielschichtig. Sie erscheint in ihrer Körperlichkeit, hat Alter, Geschlecht und Identität, sie hat Klang und Sinn, Ton und Bedeutung gleichzeitig. Über Stimme läßt sich nur reden, wenn man das Hören mitbedenkt. Reflektiert wird von daher die Stimme als vergesellschaftete, technisch-medial reproduzierte, als leibliche in lebensweltliche Bezüge eingebettete Stimme und als Thema unserer Hörgewohnheiten. Im technischen Medium wird eine andere Wirklichkeit der Stimme produziert. Medien machen diese Differenz bewußt. Stimmen können medial verändert werden, das Hören jedoch nicht. Stimmen - wie auch immer medialisiert - müssen gehört werden und bedürfen gerade deshalb des Rückgriffs auf die kommunikative Situation des leiblich-sinnlichen Zuhörens. |
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| 3. Medien als Zugänge zur Welt
Medien hat der Mensch immer schon verwendet, um sich über seinen Körper hinausgehend Ausdruck zu verschaffen, sich zu inszenieren oder seine Arbeit zu erleichtern. D. h. der Zugang zur Welt ist immer schon vermittelt und medial. Medien bringen das Wie ins Spiel, nämlich die Mittel, Wege und Verfahren, um sich zu entäußern und auszudrücken. Waldenfels weist auf die Grundsituation des Menschen als Lebewesen hin, das auf der Schwelle von Natur und Kultur existiert (Waldenfels 1999, 94). Weder geht der Mensch gänzlich in die Natur ein, noch läßt ihn seine leibliche Zugehörigkeit zur Natur aus dieser gänzlich heraustreten. Diese Ambivalenz verweist uns auf die grundlegende Medialität unseres Zugangs zur Welt, wie sie sich z. B. schon über den Körper oder die Sprache vollzieht. Medien sind materiale Formen, ohne die es das in einem Medium Artikulierte nicht gäbe. Medienwelten sind so gesehen nicht allein als Ersatz für leibliche Vorgänge zu sehen, sondern als etwas, das für etwas Anderes steht und dadurch etwas Eigenes vorstellt (Waldenfels 1999a, 29). Beispiele sind technische Apparaturen, abstrakte Symbolsysteme etc. |
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| 4. Verkörperung der Medien und Entkörperung leiblicher Vorgänge
Mich interessiert nun im besonderen die zu Beginn des 21. Jahrhunderts bestehende alltägliche Grundsituation des Menschen zu verstehen, die sich speziell angesichts "künstlicher", technologisch erzeugter Medien herstellt und die leibliche Präsenz des Menschen weit überschreitet. Mit fortschreitender Technisierung läßt sich beobachten, daß sich der Charakter der Medien in einer spezifischen Weise verändert hat. Die Medien zeigen sich in körper-analogen Formen, die sich im Vollzuge der Ausdifferenzierung immer mehr von einer leiblichen Organisation entfernt haben. Die Maschine bzw. Technik ersetzt leibliche Vorgänge, indem sie den leiblichen Umgang mit ihnen nicht außer Kraft setzt, sondern auf einer reduktionistischen Stufe konserviert: Das Handwerkliche verschwindet im Bedienen einer komplexen Maschine; das Live-Orchester wird konserviert und synthetisiert, das abstrakte Sehen über Menüs und Anzeigen auf Bildschirmen, das rudimentäre Bedienen von Hebeln und Schaltern oder Tastaturen und der "Maus" kennzeichnen den Umgang mit Medien. Wird der Leibkörper zum Anachronismus? Es findet eine Verkörperung in die Medien statt und gleichzeitig eine Entkörperung leiblicher Vorgänge. Für den Prozeß der technischen Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert heißt es, daß die explorativen Wahrnehmungsprozesse immer mehr den Weg über die abstrakte metrisch visualisierte Realität der Instrumentenwahrnehmung nehmen müssen. Die unhintergehbare Situation der Anwesenheit des anderen bzw. die materiale Welt der Dinge, die an sinnliche Wahrnehmungen gebunden sind, wird über virtuelle Einflüsse und Manipulation abgeschnitten. Im Umgang mit elektronischen Medien kann man nicht immer wissen, welchen Präsentationsstatus Texte, Reden, Klänge oder die Bilder in dem Medium haben. Handelt es sich um eine Live-Aufnahme? Oder um eine Aufzeichnung, die gekürzt oder geschnitten wurde, oder um eine fingierte Situation? Haben wir es mit einer Computersimulation zu tun? Sind die Worte, die wir hören, in einer realen Zeit hintereinander gesprochen oder bereits technisch zusammengesetzt, etc.? Wir erleben keinen völligen Ersatz der Sinne, sondern auf der Seite des Rezipienten eher eine Reduktion und zugleich symbolisch-abstrakte Verdichtung der sinnlichen Wahrnehmungsgehalte, wie sie sich z. B. über Zahlenskalen für Zeitdauer, Lautstärke u. a. zeigen. Zugleich geschieht auf der Seite der Medien die Substitution, die jedoch ohne die organischen Vornormierungen (damit überhaupt etwas gesehen werden kann) der sinnlichen Wahrnehmung nicht existieren können. Zu unterscheiden sind in diesem Zusammenhang die Wahrnehmungsakte von dem Wahrgenommenen. Es sind dann die Wahrnehmungsakte, deren sinnliche Fülle sich entleeren, wie wir es schon in der Literalisierung der Erfahrung beobachten können. Stattdessen nimmt die kognitive Struktur zu. Es müssen Skalen, Anzeigen und Symbole interpretiert und entschlüsselt werden, um Auskunft über das zu erhalten, was sie repräsentieren bzw. messen. Von daher läßt sich die These aufstellen, daß sich eine technische Welt ohne humane leibliche Referenz und Wahrnehmungsregister schwerlich vorstellen läßt. Sie ist ohne den leiblich präsenten Leser/Hörer/Zuschauer nicht möglich. |
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| 5. Wirklichkeiten und Möglichkeiten
Die Erfahrungen, die in den neuen Technologien aus ihren ursprünglichen Kontexten gezogen werden und zu neuen Wirklichkeiten in künstlichen Bezügen hergestellt werden, verändern unsere Wahrnehmung und auch die Bedingung der Möglichkeit zu erfahren. Die erlebbare Welt zeichnet sich darin aus, daß ihre Möglichkeiten innerhalb konkreter Situation gewonnen werden. Die virtuellen Welten hingegen basieren auf kalkulierten und kontextunabhängigen Situationen (Waldenfels 1998, 232). Die Medien "lockern die Verankerung im Hier, indem sie Möglichkeiten des Dortseins freisetzen und den Spielraum der Erfahrung teils erweitern, teils vervielfältigen" (233). Das unmittelbare Erleben, das wir nicht zum Gegenstand haben, wird zum Gegenstand eines Metawissens und von Beobachtung (ebd.) Im Zentrum für Medien und Neuere Technologien in Karlsruhe hat mich eine Installation besonders täuschen können. Auf einer Wand in einem kleinen verdunkeltem Raum wird eine Tür projiziert, die sich irgendwann mal öffnet und ein Kind scheint hereinzuhüpfen, die Tür verschließt sich wieder. Für einen Moment habe ich geglaubt, es sei wirklich eine echte Tür, die sich öffnet. Die Dunkelheit des Raumes versperrte mir für diesen Moment die Möglichkeit der dreidimensionalen Sichtweise. Die "Täuschung" gelingt hier nur, wenn der Wahrnehmungsmodus auf das "Sehen" eingeschränkt ist. Die Simulation ist dann als immanente Steigerungsmöglichkeit zu betrachten, die vorhandene Strukturen nutzt und einseitig perfektioniert. Unsere Wahrnehmung ist immer schon verknüpft mit konstruierten oder künstlichen Eingriffen. Schon in der einfachen sinnlichen Erfahrung sehen wir mehr, als wir direkt sehen. Wir nehmen einen Menschen in bestimmten Ausschnitten wahr, haben aber trotzdem nicht einen "halben" Eindruck von der Person, sondern eine ganze Wahrnehmung. Es sind die "Überschüsse" von Sprache, Klängen etc., die dazu beitragen, sich ein ganzes Bild von einer Situation, einer Person etc. zu machen. D. h. Phänomene überschreiten immer schon die Grenzen ihrer Sichtbarkeit (vgl. auch die Horizonthaftigkeit, die Abschattungen etc.). Somit ist Präsenz zugleich auch Appräsenz und Absenz. Genau in diese Struktur nistet sich die Virtualität und Idealität ein: z. B. die Idee einer standpunktlosen All-Sicht, oder aber das Mögliche an einer Erfahrung, die sich schon im Wirklichen vor-zeichnet und die Verselbstständigung dieses Möglichen zu einem zukünftigen Wirklichen und Vollkommeneren. Maschinenhaftes ist nicht allein äußerlich. Meyer-Drawe schreibt davon, daß Maschinen nicht das absolut Andere im Vergleich zu uns sind. "Sie konfrontieren uns mit regelhaften Zusammenhängen, von denen auch unsere Existenz nicht frei ist" (Meyer-Drawe 1996, 22f.). In uns und an uns selbst ist auch Maschinenhaftes zu beobachten, das sich in starren biologischen Abläufen, der Wiederkehr des Gleichen, in Routinisierungen und "mechanisierten" Gewohnheiten zeigt. Nun sind die Neuen Medien in der Multimediaanwendung gerade darauf aus, die Stimme nicht, wie noch beim Funk, isoliert erscheinen zu lassen, sondern die Kunst dieser Anwendung besteht in dem virtuell verschmelzenden, synästhesierenden und interaktiven Aspekten bzw. Effekten. Stimmen erhalten virtuell einen Raum, Farben, Bilder, Bewegung und auch Schrift. Die "Wirklichkeiten" der verschiedenen Medien werden virtuell vernetzt, und die neuen Medien tun das, was wir in der Realität auch herstellen. Wir erschließen uns Welt individuell in der Verschränkung all unserer Sinne und unseres Begehrens. Die Digitalisierung hat jedoch nur höchst vermittelt Sinnliches zum Gegenstand. Sie ist auf der Ebene der Maschinensprache zunächst weder auditiv, noch visuell, sondern völlig abstrakt durch die Tatsache, daß ein Sprachfeld z. B. in kleinste Informationseinheiten geteilt wird, in Bits (Vief, in: Scholz 1998, 43 f). Und es sind auf der Ebene der Rezeption und der Produktion die Interagierenden, die über eine Rückübersetzung all ihre Sinne benötigen, um die abstrakte, elektronische Sprache zu bedienen und zu verstehen. Ohne diesen Bezug bleibt jedes Medium stumm und leer. Auch die digitalisierte Computerrealität wird sinnlich wahrgenommen und unterliegt in ihrer Ästhetik, Perfektion, ihren Gestalten etc. den sinnlichen Kriterien des Wahrnehmenden. Der Wahrnehmende sieht nicht Bits und Bytes, er rechnet auch nicht, er sieht Bilder. Demzufolge läßt sich unterscheiden zwischen der Ebene der Maschine bzw. Konstruktion und der Ebene der "phänomenalen Welt". Wir haben es zum einen mit der Sprache der Maschinen zu tun, die auf der Basis binärer Codes, Bits arbeitet und zum anderen mit der Darstellungssprache, die bewegte Bilder erzeugt und vom Anwender bedient wird. Ohne einen Rückbezug in der leiblich-sinnlichen Welt könnte der Anwender diese nicht bedienen. Es ist die These zu verfolgen, daß sich die Medien (Codes) und sinnlich leibliche Erfahrung wechselseitig beeinflußen. Letztere müssen mediengerecht umgebaut werden, erstere bedienen sich vormedialer, nicht-technologischer Parameter. Auf diese Weise entsteht eine eigene bzw. eigentümliche "neue" Zwischenwelt, wie sie im Prozeß der Literalisierung bereits in anderer Weise auch schon zu beobachten ist. |
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| 6. Stimmen und Bilder - Trennung von Körper und Stimme: eine Grenzerfahrung Elektronische Medien simulieren unsere lebendige Kommunikation in der Weise, daß "Technisch-Künstliches" und "Sinnlich-Leibliches" sich durchdringen und wechselseitig beeinflussen. Grundsätzlich läßt sich bestimmen, daß auch die elektronische, künstliche oder medialisierte Stimme ein "Phänomen" ist, das als gehörte Stimme in Erscheinung tritt. "Phänomenal" heißt hier die vortechnische, leiblich-sinnliche bzw. "natürliche" Stimme. Dem steht die technisch-medialisierte "künstliche" Stimme nicht gegenüber, vielmehr ist diese als eine Modalität der "natürlichen" phänomenalen zu betrachten, solange sie noch als Stimme hörbar und identifizierbar ist. Eine medialisierte und konservierte Stimme löst sich nicht nur von ihrem leiblichen Stimmträger, sondern zugleich auch von dessen Lebenszeit. Sie kann zu einem selbstgewählten Zeitpunkt von dem Rezipienten gehört werden. Es entstehen auf diese Weise neue Kommunikationsräume, in denen die leibliche Präsenz des Hörenden dominiert. Die neuen Medien dezentrieren das Subjekt, durchdringen, rhythmisieren und individualisieren es. Je nach Interesse, Wunsch und Bedarf kann darüber verfügt werden, welche Stimme und welche Bilder gehört und gesehen werden wollen. Sie dienen der Selbstinszenierung der Subjekte in hohem Maße. Die elektronische Stimme führt zu vielfältigen Entdeckungen. Die Doublage, wenn Filme nachsynchronisiert werden, vereint eine verborgene Stimme mit dem Körperbild im Film. Im Play-Back-Verfahren fügt sich der Körper mimetisch einer vorgegebenen Stimme, die von ihm auf diese Weise vereinnahmt wird und umgekehrt (Lehmann 1999, 279). Schnitte mit live gesendeten Stimmen und konservierten Stimmen sind mittlerweile eine gängige Form der Nachrichtenübermittlung. Lehmann beschreibt in seiner Arbeit über das postdramatische Theater Versuche auf der Bühne mit diesen Mitteln: Lehmann schildert hier das Aufbrechen konservativer Erfahrungen und Muster, indem neue Erfahrungen im Verhältnis von Ton und Bild gemacht werden. Es wird die Gewohnheit thematisiert, das Hören dem Sehen anzugliedern. Die Irritation, die solche Szenen auslösen, vergegenwärtigt, wie sehr wir in unserer Wahrnehmung eine Stimme an einen konkreten Körper binden. Die "Entwendung" der Stimme vom Träger läßt die über Stimmen - Hören - Sehen neu geschaffenen "Räume" als zerrissene Klangräume, die nicht mehr richtungsuniform sind, erscheinen. Deutlich werden aber auch die gleichsam "konservativen" Elemente von Stimme als Stimme. Der Zuhörer und -schauer wird mit vielen Möglichkeiten, Zuordnungen von Reizen, Bildern, Tönen, die im gleichen Moment erfolgen, konfrontiert. Die Inszenierung reißt ihn mit in ein multiperspektivisches Geschehen hinein. Die Augen der Zuschauer, die Ohren, die Bewegungen werden mitgerissen, verführt, parzelliert, aufgestört und finden keine Verankerung mehr, irren herum. Sie sind dem Subjekt "fern". Daß das als irritierend erlebt wird, zeigt, wie relativ konservativ unsere sinnlichen Gewohnheiten sind. Die über die Medien vermittelte Gleichzeitigkeit, die unsere Erlebniszeit und Raummuster aufstören, bestimmt unsere Wahrnehmung und Leiblichkeit. Sie verweist uns auf die Widerständigkeit unserer Leiblichkeit, die uns an einen bestimmten Ort, an die Schwerkraft, an die Notwendigkeit zu atmen etc. bindet. Das Beispiel zeigt uns auch auf, wie wichtig für die Wahrnehmungsleistung der Kontext ist, d. h. das Rede- und Hörfeld, wie es sich auf einem bestimmten Hintergrund zeigt, wie es in einem bestimmten Raum stattfindet, die eine bestimmte Atmosphäre und Akustik hat, und welche Medien eingesetzt werden. Auch spielt eine Rolle, welche Themen besprochen werden, also auch die, die nicht direkt ausgesprochen werden. In unserem Falle macht das Theaterstück die Rede- und Hörformen selbst zum Thema. Und vor allem nimmt es den Rezipienten selbst in das Geschehen hinein. Er soll irritiert und zur Reflexion aufgefordert werden, wie seine Hör- und Sehgewohnheiten strukturiert sind. Das Forum spielt eine gewichtige Rolle, ohne es würden die dargestellten Stimmen und Bilder ins Leere laufen. Hieran wird deutlich, wie sehr das Hören mit dem Sprechen verschränkt ist und wie sehr das Hören und Sprechen wiederum mit dem Sehen verbunden ist. Stimmen und Körper vermögen den Raum zu strukturieren, ihn mit Klang, Bewegung und Stimmung zu füllen. Irritation entsteht, wenn wir beides nicht mehr unmittelbar aufeinander beziehen können, wie wir es bislang aus unserer alltäglichen Welt gewohnt sind. Unser Gehör ist als solches phänomenal gesehen allen Zusammenhängen entrückt, auf eine Weise, wie es der Blick nicht ist. Ein Blick kann fixieren und führt mich zu dem Blickenden zurück. Die Stimme als solche zeigt mir nicht, woher sie kommt und wohin sie geht. Wir folgen unserer Gewohnheit, das Gesagte und Gesehene in einen Handlungskontext zu formulieren, so daß uns die Fremdheit der Stimme entgeht. "Wir glauben zu hören, was wir anderswoher wissen oder zu wissen meinen" (Waldenfels 1994, 494). Hinzu kommen die Möglichkeiten, die der Einsatz von Medien hat. Körper und Stimmen werden als technisch-medialisierte eingesetzt und voneinander abgekoppelt. Die Technik wirkt z. T. unsichtbar mit. Und nicht nur das, im Medium erscheint der Körper nicht mehr in seiner Leiblichkeit, sondern als Zeichen bzw. Bild. Der Eindruck verstärkt sich, wenn dem Körperbild keine Stimme zuzuordnen ist. Die Demonstration, die Lehmann bespricht, ent-kontextualisiert. Als Zuhörer sind wir bemüht zu re-kontextualisieren, um zu verstehen und einen Sinn zu entdecken. Ein Vorgang, der uns den alltäglichen Umgang mit Medien vor Augen führt. Auf diese Weise wird die Differenz zu den Erfahrungen, die wir im konservativen Umgang mit Körper und Stimme als phänomenale haben, bewußt gemacht. In differenten Erfahrungsfeldern ver-rücken die Phänomene. |
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Literatur
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