| www.widerstreit-sachunterricht.de/Ausgabe Nr.5/Oktober 2005 | |||||
Claudia Schomaker
Über die didaktische Relevanz ästhetischer Zugangsweisen
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"Das Gelernte verfällt dem Vergessen, |
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Ästhetisches Lernen in der Grundschule und die Rede von der Ästhetik "boomt" (vgl. hierzu Hasse 1998, S. 158). Die Suche nach einem "allgemein-didaktischen Profil schulischen Lehrens und Lernens" (ebd., S. 158) führt dazu, den Beitrag ästhetischer Bildung im Rahmen einer allgemeinen Bildung, auch innerhalb verschiedener Fachdidaktiken, zu umreißen. Das mehrdeutige und schwer fassbare Wesen der Ästhetik spiegelt sich in den unterschiedlichen Diskussionen wieder, welche ausgehend von dem jeweiligen philosophischen, psychologischen oder pädagogischen Hintergrund ein Spannungsfeld von Bestimmungsversuchen und Umsetzungsmöglichkeiten auch für den Sachunterricht aufzeigen (Freeß 2002; Richter 2002). Betont wird die individuelle Stärkung des Menschen durch ästhetische Zugangsweisen, welche "allen Unterricht durchdringen können und dadurch einen Zugang auf die Probleme und Gegenstände der Welt schaffen" (Kaiser/Pech 2004, S. 17). Da das Kind mit seinen individuellen Erfahrungen und seiner je eigenen Motivation als Ausgangspunkt von Unterricht gesehen wird, rücken Verstehenswege in den Blick des Sachunterrichts, die auch die affektiven und emotionalen Seiten eines Unterrichtsgegenstandes berücksichtigen. Martin Hänze hat die bedeutungsvolle Wechselwirkung von Emotion und Kognition im Unterricht herausgestellt und Wege aufgezeigt, emotionalem Ausdruck Raum und Legitimität im Unterricht zu verschaffen. Neben der Forderung an Lehrkräfte, die Gefühle und Stimmungslagen der Schülerinnen und Schüler erkennen und interpretieren zu lernen, betont er die emotionale Anbindung von Lerninhalten: "Lerninhalte, die eine Bedeutung für den Schüler haben, die also emotional angebunden sind an seine Ziele und an sein Vorwissen, haben eine sehr viel bessere Chance, zu einem späteren Zeitpunkt auch angewendet werden zu können" (Hänze 1998, S. 130). Auch Luc Ciompi belegt eindrucksvoll die grundsätzliche Einheit von Denken und Fühlen, die enge Verbindung zwischen kognitiven und affektiven Schemata: "Affektive und kognitive Komponenten- oder Fühlen und Denken - [wirken] in sämtlichen psychischen Leistungen obligat zusammen" (Ciompi 1997, S.13). Diese Erkenntnis weitet er in späteren Schriften auch auf den Körper aus: "Affekte finden mindestens so sehr im Körper wie im Hirn oder Geist statt" (Ciompi 2001, S. 81). Für menschliche und hier besonders für schulische Lernprozesse ist es somit wichtig von der Grundannahme auszugehen, dass Körper, Psyche und Geist ineinander verschränkt wirken. Dies bestätigen aktuelle Forschungsergebnisse des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt am Main. "Im Zentrum der Lernprozesse in den ersten fünfzehn Lebensjahren [steht] nicht das lineare Anlagern von Informationen, sondern das Ausbilden systemischer Strukturen für die Gestaltwahrnehmung [ ]" (Ebmeier 2002, S. 12). Jochen Ebmeier zieht für den schulischen Unterricht daraus den Schluss, dass "der spezifische Beitrag schulischen Unterrichts weniger im Erwerb einzelner Kenntnisse (so mannigfaltig sie seien), als im Wagen der Einbildungskraft und dem Erproben der Aufmerksamkeit" liege. Es gehe damit "um eine Neugewichtung des Ästhetischen in der Schule" (ebd.). Im Folgenden wird zu klären sein, ob schon allein eine Verschränkung kognitiver und emotionaler Anteile im Unterricht dem Anspruch ästhetischen Lernens gerecht wird. |
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Didaktisch-methodische Perspektive auf Ästhetik Ausgehend von dem Grundgedanken bei Schiller und Kant, dass ein ästhetischer Zugang sowohl den Appell an die Sinne als auch den Anspruch, den Menschen im Sinne der Vernunft aufzuklären beinhaltet, setzt sich die Pädagogik bis heute auf vielfältige Weise mit dem Ästhetik-Begriff auseinander. Einerseits wird ein Bildungsbegriff diskutiert, der das Ästhetische miteinbezieht, andererseits wird der Pädagogik die Aufgabe zugeschrieben, einen verstehenden Zugang zur Kultur zu eröffnen, welcher das Ästhetische im Sinne einer ästhetischen Erziehung fruchtbar zu machen versucht. Der ästhetischen Dimension in Bildungsprozessen wird eine doppelte Funktion zugeschrieben: Zum einen ermögliche sie dem Individuum über die Partizipation eine Stärkung der eigenen Identität und zum anderen die Entwicklung "einer kritischen Distanz gegenüber den gesellschaftlich vorgegebenen Standards, wodurch sie die eigentliche Voraussetzung für gesellschaftliche Veränderungen sei" (Engel 2004, S. 64). Die spezifische Leistung des Ästhetischen im Rahmen des menschlichen Bildungsprozesses sei es, uns als Individuen zu befähigen, aus den Angeboten und Anforderungen des Lebens eigenständig zu wählen und "nicht nur als Geschöpfe, sondern auch als Schöpfer von Kultur zu erfahren" (Schulz 1997, S. 32). In den aktuellen Bildungs- und Rahmenplänen für das Fach Sachunterricht wird dieser Relevanz ästhetischer Zugangsweisen sehr unterschiedlich Rechnung getragen. Neben dem Ziel die ästhetischen Ausdrucks- und Gestaltungsformen zu differenzieren, wird im Rahmenplan Grundschule Sachunterricht des Landes Mecklenburg-Vorpommern das Schaffen einer Lernatmosphäre hervorgehoben, welche "die Neugierde, Offenheit und Anteilnahme der Schülerinnen und Schüler den Phänomenen der Welt gegenüber zum Ausgangspunkt macht und ihre Fähigkeiten sowie sozialen und emotionalen Bedürfnisse aufgreift" (Ministerium für Bildung, Jugend und Sport u.a. 2004, S. 18). Der bayerische Lehrplan fasst ästhetische Bildung hingegen als ein Teil der grundlegenden Bildung auf und betont die individuelle Stärkung der Schülerinnen und Schüler: "Als Beitrag zur Bildung der gesamten Schülerpersönlichkeit fördert die Schule ebenso die kindliche Wahrnehmungsfähigkeit, die musischen Kräfte sowie die Kreativität und schafft die Grundlagen für ästhetisches Empfinden" (Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus 2000, S. 8). In einer Handreichung für Lehrkräfte zeigen Rudolf-Dieter Kraemer und Kaspar H. Spinner auf, wie Lehrende dem angestrebten Ziel des Bildungsplans gerecht werden können. Anhand des Begriffs SynÄstethisch verdeutlichen sie die Bedeutung des Lernens mit allen Sinnen, welches Lernsituationen anstrebt, in denen ausgehend von sinnlichen Erfahrungen eine "intensive, auch kognitive Verarbeitung" (Kraemer/Spinner 2002, S. 12) angeregt werden kann. Sie zeigen anschaulich auf, wie durch die Prinzipien Staunen, Aufmerksamkeit, Beachtung des Besonderen, Imagination, Subjektivität und Verfremdung ästhetische Lernprozesse in jedem Unterricht angeregt werden können. Darüber hinaus betonen sie, dass ästhetische Bildung besonders wichtig sei für Kinder, deren Wahrnehmung durch zunehmende Reizüberflutung beeinträchtig sei und "deren Imaginationen keine geformte Gestalt mehr annehmen" (ebd., S. 13) könnten. Meine Studie zu den Lernvoraussetzungen von Kindern zum Lerngegenstand Schnecke zeigt jedoch auf, dass mit Hilfe ästhetischer Zugangsweisen sowohl Kinder der Grundschule ohne zugeschriebenen Förderbedarf als auch Kinder der Förderschule mit einem Förderbedarf im Bereich des schulischen Lernens sowie einer geistigen Beeinträchtigung differenzierte, ausgeprägte Vorstellungen über die Lebensweise von Schnecken entwickeln. Im Folgenden wird aufgezeigt, dass die von Kraemer und Spinner hier zugewiesene rehabilitative Funktion ästhetischer Zugänge gerade im Hinblick auf Kinder mit zugeschriebenem sonderpädagogischen Förderbedarf sehr einseitig ist und den eigenständigen, differenzierten Vorstellungen nicht gerecht wird. Der Verweis auf die verkürzte Sichtweise ästhetischen Lernens in den Bildungsplänen und Rahmenrichtlinien verdeutlicht, dass die Berücksichtigung subjekt-affektiver Anteile im Sachunterricht allein, den Zielen einer ästhetisch-orientierten Bildung nicht gerecht werden kann. |
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Ästhetische Sensibilitäten im kindlichen Denken
Ästhetische Erfahrungen von Kindern sind, im Gegensatz zu der ästhetischen Produktion von Kindern, bislang wenig untersucht worden. In der Regel beziehen sich Untersuchungen auf ästhetische Erfahrungen, die Kinder im künstlerisch-literarischen Bereich machen (Aissen-Crewett 1997, Mollenhauer 1996, Neuß 1999)2. Allen Forschungsarbeiten gemein ist der Ansatz, ausgehend von den verbalen Äußerungen der Kinder auf deren ästhetische Erfahrungen zu schließen. Auch eigene ästhetische Produktionen, wie beispielsweise angefertigte Zeichnungen, werden im Kontext der hier benannten Untersuchungen, nur über den kommunikativen Austausch vollständig erschlossen (Neuß 1999). Gerade im Hinblick auf ästhetische Erfahrungen ist diese Herangehensweise nicht unproblematisch. Vor dem Hintergrund, dass ästhetische Beziehungen zu den Gegenständen "kaum kommunikationsfähig" (Hard 2003, S. 387) und dennoch vorhanden sind, gilt es nach weiteren Wegen zu suchen, den ästhetischen Dimensionen kindlichen Denkens nachzuspüren. "Was ist zu tun, wenn ungesehene, unerhörte, ungesicherte, unausgesprochene Erfahrung zu verarbeiten ist, nach Ausdruck, Mitteilung, Darstellung drängt? Wir würden das Überraschende, Komplexe, im besten Sinne Fragwürdige dieser Erfahrung verlieren, suchten wir es über den gewohnten Leisten zu schlagen, auf geläufige Begriffe zu bringen oder in gängigen Bildern zu fassen. Das Besondere kann nur in der ihm angemessenen, sich ihm gewissermaßen anschmiegenden Gestaltung bewahrt werden" (Schulz 1997, S. 118). Birgit Engel erschließt für das hier aufgezeigte Problem angelehnt an Schulz den Begriff der Mimesis: "Wenn wir mimetisch denken und wirken, also ästhetisch handeln, verarbeiten wir wie bei jedem Denken und Handeln sinnliche Eindrücke, aber es widerstrebt uns [ ] sie auf den Begriff zu bringen. [ ]. Wir loten das, was es bedeuten könnte, in bildhafter Reflexion aus und führen es schließlich zu einer Gesamtsicht zusammen. Auf diese Weise wird im glücklichen Fall etwas sonst Un-sagbares, Un-erhörtes, Un-anschauliches erfahrbar gemacht, zu Bewusstsein gebracht" (Schulz 1997, S. 139). Der folgende Ausschnitt aus der benannten Lernvoraussetzungsstudie mit Kindern einer dritten Grundschulklasse zeigt, dass eine Sensibilisierung für das implizit Ästhetische eines Gegenstandes zu differenzierten Vorstellungen über eben diesen führen:
Die Schülerinnen und Schüler überprüfen, ob eine Schnecke riechen kann. Mit verschiedenen
Flüssigkeiten ziehen sie Geruchsbahnen um die Schnecke. In diesem Gespräch wird deutlich, dass Kinder sich Naturphänomenen über
animistisches und anthropomorphes Reden annähern, um diese zu verstehen. Um das Verhalten der
Schnecke zu erklären, zieht das Mädchen Vergleiche zu Tieren aus seiner Lebenswelt, deren
Sprache und Verhalten ihm vertraut und bekannt sind. Damit dieses Verständnis für das Mädchen
begreifbar wird, geht es noch einen Schritt weiter: Es ahmt mit seinem eigenen Körper die
Bewegung der Schnecke nach. Auf diese Weise versucht es sowohl sprachlich als auch körperlich
seine Erkenntnisse auszudrücken, sein Denken und Handeln hat mimetischen Charakter. Die über
die ästhetischen Impulse angestrebte spezifische Aufmerksamkeitshaltung ermöglichte es dem
Kind in dieser Situation, seine affektiv-besetzten Vorstellungen über die Lebensweise von
Schnecken erfahrbar zu machen und zu äußern, sowohl verbal als auch non-verbal. |
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| Konsequenzen für die Didaktik des Sachunterrichts Diese kritischen Einwände gegenüber einer Implementation ästhetischer Bildung im schulischen Kontext bedenkend, soll hier für die Didaktik des Sachunterrichts ein Ästhetik-Begriff zugrunde gelegt werden, der als das "Zusammenwirken von sinnlicher Wahrnehmung, Gefühl und Reflexion verstanden [wird], die im Vergleich zu anderen Erfahrungen lustbetont und zweckfrei, also nicht auf das unmittelbar Lebenspraktische bezogen ist" (Billmann-Mahecha/Gebhard 2004, S. 53). In diesem Sinne werden sinnliche Wahrnehmungen zu ästhetischen Perzeptionen, wenn sie mit affektiven Eindrücken einhergehen, die "ihrerseits von kognitiven Bewertungsprozessen ausgelöst oder begleitet werden" (ebd., S. 53). Nur in einem so verstandenen wechselseitigen Verhältnis von ästhetischen und rationalen Zugängen können beide "differenzierter und jede für sich reicher werden, sich gewissermaßen wechselseitig steigern" (Hard 2003, S. 400). Ästhetische Zugangsweisen im Sachunterricht sind bildungswirksam, da sie "über die Sinne hinaus" gehen (vgl. Schomaker 2000), emotionale Bezüge und kognitive Bewertungen miteinander verschränken. Ihre didaktische Relevanz kennzeichnet sich dadurch, den intuitiven, impliziten Vorstellungen der Schülerinnen und Schüler zu einem Lerngegenstand einen eigenständigen Ort im Sachunterricht einzuräumen. Darüber hinaus werden die spezifisch ästhetischen Qualitäten dieser Vorstellungen wie das Verwenden von Metaphern und mimetische Annäherungen an natürliche Phänomene offenbar, die einen qualitativ anderen Umgang mit den Gegenständen im naturwissenschaftlichen Sachunterricht erfordern und zulassen müssen (z. B. über die Begegnung mit den Phänomenen in Form von Kunstwerken). |
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Anmerkungen
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Literatur
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