Prof. Dr. Maria Anna Bäuml-Roßnagl:

"Wieviel Erde braucht der Mensch" ? - Lernchance sinn-lich leben.

0. Einleitung

"Wieviel Erde braucht der Mensch" - vor nunmehr 100 Jahren schrieb Leo Tolstoi eine Erzählung, die er mit der Frage betitelte, "Wieviel Erde braucht der Mensch". Darin macht er eindringlich deutlich, wie der Mensch der möglichst "viel Erde" in seinen eigenen Besitz bringen möchte, letztendlich diese Erde nicht nutzen kann: Nach dem wahnsinnigen Umkreise "seines" Grundstücks stirbt er erschöpft, ohne auch nur einen einzigen befriedigten Blick auf das mühevoll erworbene Land zurückwerfen zu können. Landbesitz als irdisches Gut hat der Mensch zwar erworben - doch nun braucht er nur noch ein Stück Erde, "genau so lang wie das Stück Erde, das er mit seinem Körper von den Füßen bis zum Kopf, bedeckt - 6 Ellen" (1).

1.Wieviel Erde braucht der Mensch ?

1.1. Janusköpfig - die irdischen Dinge


Die Erde zu begreifen, die Dinge der Welt "in den Griff" und "in den Begriff" zu bekommen - darum müht sich der Mensch von frühester Kindheit an. Aber schon das Greifen des Kindes wird oft nicht zum "Be-greifen", sondern zu einem Zugriff, der zerstört. Ein Sog zur Vernichtung treibt den Menschen - oder ist dieser Sog den Dingen dieser Erde immanent? In der Askese, in der Abkehr und Enthaltung von den Dingen haben deshalb viele Menschen immer wieder versucht, ihr Leben "rein" und ohne "be-greifen" der Dinge der Welt sinnvoll zu leben. Die Dinge der Erde nicht besitzen und begreifen wollen -- ist das der menschengerechte Umgang mit der Erde? Der Asket, der die irdischen Dinge flieht, ist er der menschlichen Lebensfülle näher?

Wenn auch die irdischen Dinge das "Eingeweide des Todes" in sich tragen - der Mensch ist dazu geschaffen, daß er sich "am Brot der irdischen Gegenstände nährt" und daß er sich "am Wein der geschaffenen Schönheiten berauscht" (wie Theilhard de Chardin so anschaulich formuliert, jener begeisterte Wissenschaftler, den es bis in die letzten Winkel dieser Erde trieb, um dem Geheimnis dieser Erde auf die Spur zu kommen) (2). Nicht Askese, sondern Ekstase - nicht Fernhalten der irdischen Dinge, sondern mit den Dingen der Erde zusammen lebendig sein, läßt Lebenskraft wachsen. Wohl können die Dinge für den Menschen die "rätselhaften Züge einer Macht mit zwei Gesichtern haben": der "Körper des Todes" und "der unsterbliche Leib": beide sind allen Dingen der Erde ebenso eigen wie dem Menschen. "Einerseits ist die Materie die Last, die Kette, der Schmerz, die Sünde und die Bedrohung unseres Lebens. Die Materie macht schwerfällig, leidet, verletzt, versucht und altert. Durch die Materie sind wir plump, gelähmt, verwundbar und schuldig. Wer erlöst uns von diesem Körper des Todes? Aber die Materie ist gleichzeitig auch die körperliche Freude, die Berührung, die erhöht, und die Freude am Wachstum. Die Materie zieht an, erneuert, vereinigt und blüht. Von der Materie werden wir genährt, emporgehoben, mit dem Übrigen verbunden und vom Leben durchdrungen. Ihrer beraubt zu sein ist uns unerträglich "no volumus expoliari set supervestiri" (3).














(1)
Leo Tolstoi:
" Wieviel Erde braucht der Mensch? Erzählungen und Legenden."
Insel Taschenbuch, Frankfurt a. M. 1989 (Original 1886),
S. 29





















(2)
Teilhard de Chardin:
"Der Göttliche Bereich. Ein Entwurf des inneren Lebens."
Olten/ Freiburg 1962 (dt. Ausgabe durch J.V. Kopp),
S. 117
(fr. Originalausgabe 1957)





(3)
S. ebd., S. 116/117

1.2. Der Mensch heute: er muß sich neu "erden"


Der moderne Mensch - er fühlt sich "von der Erde geworfen" (Jean Paul Sartre). Die rationalistische und technizistische "Entzauberung der Welt" hat bei vielen Menschen den Bezug zur Erde als ALMA MATER verlorengehen lassen. Und doch erleben viele Menschen heute doch besonders intensiv, daß wir "von der Erde genommen" sind, daß wir Menschen nicht leben und nicht überleben können, ohne uns selbst und unsere Weltverbesserungspläne wieder zu "erden". Der Glaube an eine heile oder geheilte Welt, wie sie Werner Bergengruen in seinen Versen rühmt:

"Was dich schreckte und scheuchte, vergiß denn die Erde ist treu und gewiß" -
dieser Glaube ist in uns heute mehr als Sehnsucht, denn als Gewißheit da. Viele von uns erfahren aber auch eine neue mystische Liebe zur Erde, die aus der Erfahrung der irdischen Dinge dieser Erde geboren wird:

"und so tritt's du vertrauend hinein
in die Nacht, in den Tod, in den Stein
in den Sand, in den Schiefer, den Ton,
in den Wein, in das Öl, in den Mond
und du fühlst, wie der Atem beglückt"
(4)

Uns wieder "erden" beglückt.

1.3. Erdgebundenheit als menschliche Bildungsaufgabe

Viele Bildungsbemühungen sind im letzten Jahrzehnt stärker orientiert worden an alltagsbezogenen und erdgebundenen Lernzielen. Mit allen Sinnen die Dinge der Umwelt wahrnehmen und die eigenen leib-sinnlichen Lebensmöglichkeiten: das sind Leitziele aller gegenwärtigen Bildungspläne. Der konkrete Bildungsweg in unseren schulischen und außerschulischen Bildungsmaßnahmen blieb aber weiterhin "kopfgesteuert" - gesellschaftlich geforderte Leistungsnachweise bedingen kognitivistische Teststrategien - Leiblichkeit und Sinnlichkeit sind zwar Anliegen von Bildungsbemühungen, aber noch lange nicht ihr Medium! Was ist zu tun? Es geht wohl weniger um neue Informationen im Sinne einer wissenschaftlich gesicherten Kenntnisvermittlung, vielmehr um eine intensive Beteiligung am Leben selbst - durch möglichst viele von uns.(5)

Ein Beispiel aus der Gestalttherapie mag verdeutlichen, wie Erdgebundenheit als menschliche Bildungsaufgabe realisiert werden kann: Das Erz... einer Tulpe wird zum Symbol menschlichen Lebens: "In der tiefen Erde liege ich, Dunkelheit herrscht, ich weiß, daß es mich gibt, ich treibe aus mir heraus und weiß nicht, wie es geschieht. In eine andere Welt bin ich gewachsen. Himmel und Sonne, Luft und Wärme geben mir eine neue Gestalt. Blatt, Stamm und Blüte, Früchte entstehen und ziehen schwer zur Erde, ich lasse sie los. Wind Regen und Wolken sagen, daß die Zeit reif ist, ich gehe zurück zur Erde" (6).

1.4. Das Irdisch-Lebendige auch als wissenschaftliche Aufgabe

Der neuzeitliche Mensch hat diesen Weg der Naturerfahrung kaum mehr vollzogen. Er hat die Natur ins Untersuchungslabor gesperrt, um subjektneutrale, sogenannte "objektive" Erkenntnisse über die Natur gewinnen zu können. Der lebendige Umgang mit den Dingen ging so verloren - die Dinge wurden nur noch durch die fokusierende Brille des Spezialforschers gesehen. Aspekthaftigkeit und nicht Fülle der Lebenserkenntnis war die Folge.
Das Lebendige ist aus dem Erkenntnisprozeß, ja oft auch aus dem erkenntnisleitenden Interesse des Forschers entfernt. Tote Materie ist weithin Gegenstand von Forschung, und die Lebensbedeutsamkeit von Wissenschaft ist insofern fraglich geworden als die komplexen Lebensprozesse im Forschungsdesign auf logisch-analytische Anteile reduziert werden. Der logisch-strukturelle Fonds wissenschaftlicher Inhalte ist in der universitären Lehre und Forschung zwar die Basis, aber nicht hinreichend Weg und Ziel wissenschaftlicher Aufgaben.

Das Interesse an der Lebenswelt ist auch als wissenschaftliche Aufgabe dynamisch zu entwickeln, und das erfordert eine Theoriegenese nahe an den körperlich-sinnlichen Wahrnehmungsdimensionen (7). Wo die universitäre Lehre nicht nur auf die Vermittlung von wissenschaftlich "gesichertem" (oftmals konserviertem) Wissen abzielt, sondern die Genese von wissenschaftlichen Inhalten und Methoden impliziert, wird das lebensweltliche Interesse von Wissenschaft deutlicher erfahrbar, als im nachträglichen Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Alltagspraxis.

Besonders klar wurde mir das in einer Reihe von Vorlesungen und Seminaren , die ich zum Studienbereich "Sachunterricht" angeboten habe. Meditative und ökologische Probleme unserer Zeit waren für viele Studierende der vielleicht extrinsische Motivationsansatz, um sich im Sinne der intrinsischen Sachmotivation (Fachstudienmotivierung!) engagiert mit vielfältigen fachlichen Theoriebeständen auseinanderzusetzen. Eingekleidet in so komplexe Themenbereiche wie: "Erde ,Wasser, Luft, Licht/Feuer" ließen sich zentrale und umfassende Inhalte entwickeln, welche disziplinadäquate Kenntnisse zum Ziel hatten und gleichzeitig die Lebensbedeutsamkeit von Wissenschaft wie ihre ethische Alltagsrelevanz herausstellten.

















(4)
Werner Bergengruen:
" Leben eines Mannes. 90 Gedichte."
Herausgegeben von N. L. Hackelsberger,
Zürich 1982;
Zitatstelle aus dem Gedicht:
"Weil alles erneut sich begibt" (1937), S. 43



(5)
Vgl. dazu u.a. Maria-Anna Bäuml-Roßnagl:
"Leben mit Sinnen und Sinn in der heutigen Lebenswelt. Wege in eine zeitgerechte pädagogische Soziologie."
Regensburg 1990;

Dieselbe:
" Eine neue Schule zur Jahrtausendwende? Leitmotive für eine zeitgerechte anthropologische Grundlegung der Schulbildung."
In: Pädagogische Welt 1990,
Heft 11;

M.-A. Bäuml-Roßnagl:
"Wie die Kinder leben lernen.Band 1. Eine sinn-liche Gegenwartspädagogik für Eltern und Schule mit zahlreichen Abbildungen."
Donauwörth 1990
und Band 2:
" Eine sinnen-nahe Umweltpädagogik für Eltern und Schule mit zahlreichen Abbildungen"
Donauwörth 1991.

(6)
Vgl. dazu Anne Ross (Pseudonym):
" Eine Zeit des Wachsenlassens. Beiträge zur Sendung: Auf ein Wort."
Bayerischer Rundfunk 1989


(7)
Dieses Anliegen habe ich auch im "Münchner Uni-Magazin" (Juli 1992) unter dem Motto "Lehr-Perspektiven" aus hochschuldidaktischer Sicht erläutert.

2. Die Kraft der Sinn-lichkeit: Hoffnung für eine menschenwürdige Alltagskultur

2.1 Sehnsucht nach der Entdeckung des Leibes in seiner universalen Dynamik


Eine entscheidende Frage, welche nicht nur Wissenschaftler und Anthropologen, sondern auch Künstler und Dichter auf Ihre Weise heute neu beantworten möchten, ist die Frage: Wie kann das Leben und Denken der Menschen in Harmonie in den Dingen der Erde geschehen? Hugo Kükelhaus meint, daß der entscheidende Schritt, den wir in den nächsten Generationen zu tun haben, die Entdeckung des Leibes ist - des Leibes "als eines dynamischen Universums oder einer universalen Dynamik. Wir sind jetzt dabei, uns in das äußere Universum vorzuwagen oder hineinzufühlen. Aber wir kommen nicht darum, die Symmetrie zu diesem Ausbruch in die Fernen des Weltraums im Allernächsten, in unserer Leib- Körperlichkeit zu entdecken und herzustellen. Erst dann haben wir die beiden gegensätzlichen Pole ausbalanciert" (8).

Der Mensch in seiner leibgebundenen Lebensdynamik ist wieder zu integrieren in das Weltbild der Gegenwart und Zukunft. Das intendiert auch der unüberhörbare Ruf nach einer neuen Sinnlichkeit. Aber wie können Materie und Erde in Austausch mit der menschlichen Sinnlichkeit sein, wenn in unserer zivlisatorischen Lebenswelt Wahrnehmung und Bedeutung des Sinnlichen in die Krise geraten sind? Sinnlich erfahrene Wirklichkeit wird von vielen Menschen als "Kulissenwirklichkeit" (Wiese) oder "zerissene Wirklichkeit" (Hegel) erfahren. Welch gültigen Zugang zur Welt können unsere Sinne noch schaffen? Der Siegeszug der technologischen, von den realen Dingen abstrahierenden Vernunft, hat den Menschen als ganzen vernachlässigt. Eine sinnesverarmte Lebensführung und ein Verlust der Orientierungskraft der Sinne in unserer Zivilisation macht eine sinnen-nahe Lebensführung fraglich, unmöglich und oft auch sinnlos.

Auch ein erlebter Zusammenhang von Sinnlichkeit und Sinn wird heute von vielen erstrebt. Aber ist es so einfach, den Sprung von den menschlichen fünf Sinnen hin zu einer globalen Sinnvernetzung zu schaffen, wie das in den Meditationsanleitungen so mancher "Seelen- Weltheiler" versprochen wird? Wo bleibt in einer euphorischen Anbindung der menschlichen Existenz an das sogenannten "Ganze" der einzelne Mensch mit seiner persönlichen Leiblichkeit und seiner individuellen Urteilskraft? Der Wunsch nach einer kosmischen Verbrüderung verweilt oft in sentimentalen und utopischen Vorstellungen und entläßt den einzelnen Menschen zu oft nach Ekstaseerlebnissen in eine depressive Vereinzelung (und das nicht nur nach Drogenkonsum).

2.2. Sinnverlust heute durch verlorene leib-sinnliche Lebensprozesse

Der Sinnverlust vieler leib-sinnlicher Lebensvollzüge läßt viele Menschen nicht mehr (sinnen)froh leben. Und wenn ein Übermaß von "nur Sinnlichkeit" beklagt wird (Essen, Sex, Konsum) dann meint man damit auch, daß eine einseitig ausgelebte Sinnlichkeit eben "keinen Sinn" macht. Die Armutserfahrung des "Schwindens der Sinne" (W. Kamper) läuft parallel zu einem Realitätsverlust unserer Weltwahrnehmung. Die neueren Umweltkatastrophen (Tschernobyl, biochemisch geführte Kriege, Ozon u.a.) lassen sich mit den herkömmlich ausgebildeten 5-Sinnen des Menschen nicht wahrnehmen. Leben wir in einer Zeit, in der auf die Sinne kein Verlaß mehr ist? Und hat die von vielen Menschen erlebte Sinnkrise auch da ihre Wurzeln?

Sicher ist: Wenn das Gleichgewicht von Leib, Geist und Seele an nur einer Stelle gestört ist, leidet darunter der ganze Mensch. Sind die Sinne angekränkelt oder verkümmert, zeigen auch Geist und Seele des Menschen Verarmungserscheinungen. Psychologie, Medizin und andere anthropologische Wissenschaften haben gerade in den letzten Jahrzehnten darauf aufmerksam gemacht, daß man über die Harmonisierung der leiblichen Lebensvollzüge auch Seele und Geist wieder harmonisieren kann (vgl. die vielen leib-körpernahen Therapieprogramme und Therapiemodelle wie Tanztherapie, Malen und Zeichen als ganzheitliche Therapieform, Reise mit dem Atem und ähnliches). In Krisensituationen mobilisiert der Mensch bekanntlich alle Kräfte, um zu überleben, und um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. In der gegenwärtigen Lebensweltkrise machen die lebensverneinenden und lebensbedrohenden Kräftezwar Angst - aber gleichzeitg wächst auch eine neue Lebenssorge, Lebensfürsorge und Lebenswertschätzung, wie auch vielfältige Weisen des Lebensschutzes.

2.3. Die Wahrnehmungsfähigkeit multisensorisch sensibilisieren

Die Entfaltung der Künste und Wissenschaften und eine menschlich beglückende Lebensführung gelingen nur durch die Realisierung möglichst vielfältiger Sinnestätigkeit. Die Verkümmerung der multisensorischen Wahrnehmungsfähigkeit bedeutet Kulturverlust. Einseitige Wahrnehmungsorientierung, wie wir sie in der heutigen Öffentlichkeit und Medienwelt oft vorfinden, muß der ihr gebührende begrenzte Stellenwert in der menschlichen Lebenswelt zugewiesen werden - nicht nur durch die Pädagogik. Das bedeutet nicht das "weg" von modernen Medien und Wahrnehmungshilfen, sondern vielmehr eine bewußte Schulung der Wahrnehmungsmöglichkeiten in möglichsten vielen Dimensionen. Die ursprüngliche, dem Menschen eigene Wahrnehmung mit seinen 5-Sinnen ist zusammen mit den medial erweiterten Möglichkeiten zu entfalten.

Die Spezifizierung der Wahrnehmungsmöglichkeiten durch technische Hilfen bedingt oft eine "Fragmentierung" bzw. ein "Destillieren" vom komplexen Lebensvorgang und Lebenssinn der menschlichen Wahrnehmung. Ein Beispiel: Wenn touristisches Sehen fixiert ist auf den focussierenden Blick durch Kamera und Camcorder und einseitig spezialisiert ist auf nur wenige Umweltobjekte, so wird das Ganze des Lebens- und Wahrnehmungsumfeldes oft ausgegrenzt. Einseitig wahrgenommenes Leben erhöht die Gefahr einer falschen, unwahrhaftigen Lebenswahrnehmung. Der perfektionierte, rationalistische Blick sieht das Selbstverständliche oft nicht mehr. Die Wahrnehmung durch Film, durch Hörkassette und Videoclip ist eine Realitätsebene des modernen Menschen - aber eben nur eine Begegnungsebene mit der heutigen Welt. Die positiven Lern- und Erfahrungspotentiale der modernen Medien müssen in ihrem Ein- und Ausgrenzungsaspekt beurteilt werden. Vor allem unseren Kindern müssen wir helfen, daß sie ihren Blick auf unterschiedliche Wirklichkeitserfahrungen hin schärfen. Kinder sollen langsam vom magischen Denken her und individuellen Fühlen her, von dem, was sie an Wirklichkeit erleben in Träumen und im Alltag und in den Medien zu einer sachlichen Wahrnehmung geführt werden. Und "sachlich" bedeutet hier: die Mischung der Wirklichkeitsebenen erkennen und multisensorisch erfahren können (etwa was sehe ich von einer Blume, einem Tier, einer menschlichen Situation im Fernsehen, im Urlaub, jeden Tag auf der Straße usw.).

2.4. "Weltlichkeit" ist die Wurzel jeder intersubjektiven Verbindung

Weltlichkeit als "Wurzel der intersubjektiven Verbindung": Das ist nicht nur ein berühmt gewordenes Wort von Merleau Ponty, sondern das gesamte Programm einer Philosophie und Anthropologie der menschlichen Intersubjektivität - ganz gleich welcher Provenienc (9). Mein Leib wird von mir erst als "mein Leib" erfahren, wenn ihn ein Du als "deinen Leib" erfährt. Im Austausch von Ich und Du vollzieht sich das "wir" - dieses wir braucht aber die Brücke der Leiblichkeit.

Vom Mutterleib an lebt sich der Mensch als Ganzer mit allen seinen Sinnen in die Welt hin. "Alle Sinne eines Kindes sind bei der Geburt hellwach; es hat bereits seinen Gleichgewichts- und Tastsinn üben können. Es bringt aus dieser Zeit sogar Hörerinnerungen mit auf die Welt. Und es kann sehen. Gleich in den ersten Stunden des Eintritts in die Welt der Luft, des Lichts, der lauten Geräusche und rauhen Berührungen beginnt es eifrig, all die verwirrenden Informationen, die ihm seine Sinne übermitteln, miteinander zu verknüpfen. In Übereinstimmung und Zusammenspiel mit seiner Bewegungs-, Wahrnehmungs- und Sozialentwicklung entfaltet es seine geistigen Fähigkeiten" (10).
Begegnung mit Leib und Sinn bleibt das Lebensprinzip des Menschen. Nur durch die sinnliche, leibhaftige Begegnung mit Menschen und Dingen der Welt entfaltet der Mensch - gleichsam spiegelbildlich - seine eigene Identität. Begegnung und Austausch als menschliches Lebensprinzip erfordern immer auch ein "spuren" über den Leib hinaus: in Mimik, Gestik, Zeichen, medialer Mitteilung und in der Sprache. Solche Begegnungsgesten sind menschliche Lebenselexiere.
















(8)
Hugo Kükelhaus:
" Organismus und Technik. Gegen die Zerstörung der menschlichen Wahrnehmung."
Frankfurt a. M., Fischer alternativ 1979, S. 46






























































































(9)
Vgl. die pädagogischen
Explikationen zu diesem intersubjektivitäts-
philosophischen Theorem in:
Mayer-Drawe, K. (1984):
"Leiblichkeit und Sozialität",
München




(10)
Zimmer, K. (1988):
"Das wichtigste Jahr. Die seelische und körperliche Entwicklung im 1. Lebensjahr"
München

3. Ein neuer Blick auf die Dinge

3.1. Bilder als sinnenhafte Zeichen


Auch der Mensch unserer modernen Lebenswelt, der als Folge einer rationalisierten Lebensführung meinte, ohne Bilder leben zu können, hat durch viele Verarmungs-erscheinungen hindurch lernen müssen, daß die Verabsolutierung des Intellektuell-Rationalen des Menschen Leben nicht erfüllt. Gerade dort, wo der Mensch von heute aus der existentiellen ökologischen Angstsituation heraus wieder sehr intensiv die Sinnfrage stellt, sind Bilder zu einem lebenserhaltenden Bestandteil der menschlichen Existenz geworden. Bilder der Harmonie, wie Regenbogen und Engel, sind solche Hoffnungssymbole, Zeichen für eine umfassende, unsichtbare, aber rettende Wirklichkeit. Bilder und Mythen sind Symbolgestalten, die aus der ursprünglichen Sehnsucht des Menschen nach Sinn entstehen. Darum zeigt die moderne Psychologie auch intensive Bemühungen und die Symbolik, so bei Freud und seinen Schülern, vor allem aber bei C.G. Jung und seiner Schule. "Die Überleitung der Libido aus dem Nur-Rationalen und Nur-Realistischen ist heutzutage so nötig wie nur je", sagt C.G. Jung (11). Er fordert auch, daß sich der Psychotherapeut zuallererst selbst die Aufgabe stellt, die Symbole neu zu begreifen; erst dann kann er seinen Patienten Hilfestellung geben für dessen unbewußtes Streben nach einer Lebenserfüllung, welche das Ganze des menschlichen Lebens einschließt.

Die Fähigkeit des Menschen, Symbole als Zeichen und Vermittler zwischen der inneren und äußeren Wirklichkeit erfahren zu können, ist eine Urkraft allen kulturellen Handelns. Symbole sind in allen Kulturen gleichsam handgreifliche Signets für das Band zwischen dem Sein des Menschen und dem kosmischen Sein, für das Band, das Himmel und Erde miteinander verbindet. So kann Paul Ricouer sagen: "Das Heilige am Kosmos oder in der Psyche zu manifestieren ist ein und dasselbe" (12). Besonders im Traum und in den Symbolen des Träumens kann der Mensch den Übergang von der kosmischen zur psychischen Bedeutung der Symbole erleben. Allerdings gelingt es nicht, die Inhalte der Symbole in Begriffen oder eindeutigen Signets festmachen zu wollen. Die Mehrdeutigkeit macht ja die Tiefe der symbolischen Aussage aus; Ricouer spricht in diesem Zusammenhang von der "Sinngebungskraft des Durchscheinens im Symbol". Die "symbolische Logik" in den modernen Informationswissenschaften strebt im Gegensatz dazu eine rational abgestützte Eindeutigkeit an. Die Funktion des Symbols als existentieller Leitfaden der menschlichen Selbstverwirklichung hat mehr mit der kosmischen Rückbindung als mit der formalistischen Handhabung zu tun "Kosmos und Psyche sind die beiden Pole derselben Expressivität: Ich drücke mich aus, in dem ich die Welt ausdrücke, ich erforsche meine eigene Sakralität, in dem ich die der Welt entziffere" (13).

3.2. Der "obscure" Blick der technologischen Ratio

Im Zuge der neuzeitlichen Naturwissenschaft war ein anderer Aspekt des Sehens in der Vordergrund gerückt: der eindeutig feststellende Blick auf die Dinge der Welt.
Die Dinge sehen - die Dinge möglichst genau zu sehen, und sie auch möglichst genau kontrollieren zu können: darum hat sich der Mensch der Neuzeit ganz besonders bemüht. Wo das Licht der Welt die Dinge scheinbar zu wenig be-leuchtet hat - wo das menschliche Auge offenbar zu geringe Sehkraft entwickeln kann: da hat der Mensch versucht, den Mangel abzuhelfen. Er stellte die Dinge in die Dunkelkammer des wissenschaftlichen Untersuchungslabors, um mit technischen Sehhilfen vermeintlich alle Details der Dinge sehen zu können. Mit Stolz meinte der Mensch so, die Dinge der Welt und sich selbst "in den Blick" und "in den Begriff" bringen zu können.
Doch durch den präzisen technologischen Zugriff ging der umfassende, vom natürlichen Licht erfüllte Blick auf Dinge und Welt verloren. Das Sehen wurde durch komplizierte Apparate vermittelt. Das Auge war bestimmt als "camera obscura, die Lichtenergien an die Netzhaut weiterleitet, wo sie chemisch verarbeitet werden und als elektrische Signale das Gehirn erreichen, in dem dann der eigentliche Sehakt statt-findet" (14). Der obscure Blick wurde zum abgesonderten Blick - zum absondernden Blick von der Fülle und Ganzheit der Dinge und Menschen selbst. Das Blickfeld wurde eingegrenzt auf den Sehradius der technologischen Ratio - das umfassende Blicken und Schauen im Licht der menschlichen Vernunft ging verloren.

3.3. Das "Ganze" sehen durch Fühl-Sehen

Wir kennen das wohl alle: wenn wir ein Kunstwerk, ein Bild oder einen schön gestalteten Raum betrachten, am intensivsten "sehen" wir das ganze Kunstwerk, wenn wir nicht angestrengt hinsehen, sondern eher versuchen, uns zurückzunehmen, unsere Augen spielen zu lassen mit dem Kunstobjekt, unsere Empfindungen und Phantasien hochkommen lassen. Meistens treten wir sogar ein paar Schritte zurück, um "das" "Ganze" besser sehen zu können. Das Andere spricht uns an, begegnet uns, kommt uns in den Blick, wenn wir nicht zu genau und nahe herangehen. Unser Sehen wird zu einem fühlenden Sehen und zu einem ganzheitlichen Schauen: Wir bekommen einen Gesamteindruck.

Durch Nicht-Genau-sehen-wollen können wir das "Ganze" sehen. Unser auf das Andere geöffnete und bereite Blick ermöglicht die Begegnung mit dem Gegenüber. Im freien Blick auf die Dinge sieht der Mensch nicht nur die Dinge, sondern zusammen mit den Dingen sich und die Welt. "Das Sehen öffnet sich über die visuellen Gegebenheiten hinaus auf ein Gefüge des Seins, dessen vereinzelte Sinnesbotschaften nur die Zeichensetzungen oder Zäsuren sind. Und das Sein bewohnt das Auge wie der Mensch sein Haus... Das "visuelle" gewährt mir, und nur mir allein, die Gegenwart dessen, was nicht ich ist, dessen, was einfach und schlechthin ist. Es ist dazu fähig, weil es als Gebilde die Konkretisierung einer universellen Sichtbarkeit ist, eines einzigen Raumes, der trennt und vereinigt, der allen Zusammenhang trägt. Jedes visuelle Ding wirkt trotz seiner Individualität auch als Dimension, weil es sich als Ergebnis einer Entfaltung des Seins darbietet" (15). In der ganzheitlichen Sehwahrnehmung kommt das umfassende Sein von Mensch und Welt in den Blick; die Grenzen zwischen Mensch und Welt werden zeichenhaft vermittelt. Das "Ereignisganze" des Fühl-Sehens (Hugo Kükelhaus) bringt die Eigenbewegung des Menschen und den Blick auf das umfassende Sein in Eins. Ein moderner Lyriker (Johann Winter) findet für diese Ontologie des Sehens folgende anschauliche Verse:



Du Auge vor den Wolken des Himmels -
entworfener Spiegel aus Strömen, aus Flamme:
welche fern gesunkene Schwinge
streifte die perlende Welle,
die auch dich in sich fand

Du Auge, geworden, um zu beschützen,
was gleich war und über dir -
welche tiefer Glanz erschien auf dem Wasser
als du es trankst und trankst
bis du leuchtetest nach innen
...


3.4. Das Auge bewohnt das Sein wie der Mensch sein Haus

Ganzheitliches Fühlsehen führt den Menschen zu sich selbst, aber gleichzeitig über sich hinaus, sogar soweit, daß das Denkvermögen des Menschen an eine Grenze kommt, ihm das schauende Auge aber noch weitere Horizionte eröffnet. Die mit dem kontrollierenden Blick der Moderne als eindeutig abbildbare Weltwahrnehmung wird überschritten - der Blick öffnet sich und setzt sich dem unkontrollierbaren Licht des Lebendigen aus. Das Sehen "im Dienst des Fanges, Greifens, Einverleibens" (Merleau Ponty) wird überschritten. Sehen über das Sinnliche hinaus bis hin zum unsichtbaren Sein der Dinge wird möglich. Der Mensch tritt durch sein Auge gleichsam wie durch ein Tor in den weiten Horizont des Lebens hinaus und nimmt zumindest sphärisch geistige Welten war. Er kann transzendieren und abstrahieren und sich so "über" die Welt und sich ein Bild machen. Das Auge wird zum Spiegel des Universiums, das sich dem Lebendigen, nicht programmierbar fließenden Licht auf den Dingen aus-setzt; es bleibt nicht am visuellen kleben und die nur physikalisch-optische Sicht auf die Welt wird überschritten.

Menschen mit solch besonderen Blickvermögen gab es zu allen Zeiten; vor allem haben viele Künstlerauf die kosmische Dimension des Sehens verwiesen. Ich erinnere hier an Paul Klee und seine tiefen Gedanken zum bildnerischen Sehen, worin er den optischen Weg als einschränkenden Zugang zur Natur dar-stellt, weil dieser nur das Äußere der physischen Erscheinung vermittelt, das "isolierte Gegenstand-sein", nicht aber die Verwobenheit der natürlichen Dinge mit dem Ganzen der Erde und des Himmels. Paul Klee empfiehlt, den optisch-physischen Weg hin zum meta-physischen Weg zu überschreiten, um im meta-physischen Blick zu erfahren: einerseits die "gemeinsame irdische Verwurzelung, die dem Ich von unten ins Auge steigt" und andererseits die "kosmische Gemeinsamkeit, die von oben einfällt" (16).

Das bedeutet: Erde und Himmel sind hier nicht als neutrale oder gar objektive Tatsachen aufgefaßt, sondern als Beziehungsgeschehen gesehen. Der optisch-physiche Weg und der meta-physische Weg sind in gegenseitiger Wechselbeziehung erfahrbar. Das menschliche Auge ist gleichsam der Treffpunkt von Physischem und Metaphysischem: "von diesem Treffpunkt aus formen sich materielle Gebilde, die vom optischen Bild eines Gegenstandes total abweichen und doch ihm nicht widersprechen, sondern ihn eben nur in seinem tieferen Zusammenhang sichtbar machen" (Paul Klee).

Dieses Plädoyer für eine eigene Wirklichkeitsdimension des ganzheitlichen Sehens finden wir bei Rilke wieder mit seiner Forderung nach jener "verschwiegenen Wissenschaft", welche sich auch um die "nicht entsiegelte Form der Dinge" bemühen sollte. Der Weg zu dieser Wissenschaft führt über unser Auge, welches die nicht entsiegelte Form der Dinge schauen kann: "das Auge, durch das die Schönheit der Welt unserer Betrachtung geöffnet wird, daß, wer sich auch immer in seinen Verlust fügte, sich darum brächte, alle Werke der Natur kennenzulernen, deren Anblick die Seele zufrieden im Gefängnis des Körpers verharren läßt, dank der Augen, die ihr die unendliche Vielfalt der Schöpfung gegenwärtig machen: wer sie verliert, überantwortet jene Seele einem dunklen Gefängnis, wo alle Hoffnung schwindet, die Sonne, das Licht der Welt, wieder zu sehen."(17)

Das Auge vollbringt das Wunder, der Seele das zu öffnen, was nicht nur Seele ist, die glückselige Welt der Dinge und der lichte Gott.




















(11)
C.G. Jung:
"Symbole der Wandlung. Analyse des Vorspiel zu einer Schizophrenie."
Olten/ Freiburg 1988 (Original 1973),
hrsg. von L. Jung-Merker/ E. Rüf. S. 290 ff.



(12)
Paul Ricoeur:
"Symbolik des Bösen. Phänomologie der Schuld II."
Freiburg/ München 1971, S. 18






(13)
Derselbe: S. 20




















(14)
Heinrich Schipperges:
"Die Welt des Auges. Zur Theorie des Sehens und Kunst des Schauens."
Freiburg/Basel/Wien 1978



























(15)
Maurice Merleau-Ponty:
"Das Auge und der Geist. Philosphische Essays."
(Original 1960) herausgegeben und übersetzt von H. W. Arndt,
Hamburg 1984, S. 40










































(16)
Paul Klee:
"Das bildnerische Denken."
Vgl. dazu Will Grohmann:
"Paul Klee."
Stuttgart 1954, S. 141 ff.


















(17)
Rainer Maria Rilke:
" Auguste Rodin."
Paris 1928, S. 150
   
   
   
   
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