| www.widerstreit-sachunterricht.de/Ausgabe Nr.3/Oktober 2004 |
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Lydia Murmann
Phänomene erschließen kann Physiklernen bedeuten
Perspektiven einer wissenschaftlichen Sachunterrichtsdidaktik am Beispiel
der Lernforschung zu Phänomenen der unbelebten Natur
Abstract
Die Sachunterrichtsdidaktik, ebenso wie andere Fachdidaktiken,
braucht eigenständige Forschung, um als kundige Bezugswissenschaft für Lehrerinnen und
Lehrer fungieren zu können. Ein wesentlicher Aspekt forschungsbasierter Didaktik besteht
darin, lebensweltliche und fachliche Zugänge zu den jeweiligen Lerngegenständen zu kennen
und diese didaktisch aufeinander zu beziehen. Dazu sind also einerseits Lernforschung und
andererseits in Vermittlungsabsicht durchgeführte fachliche Klärungen bezüglich der Themen und
Gegenstände des Unterrichts erforderlich. Im folgenden Artikel wird das Modell der Didaktischen
Rekonstruktion vorgestellt, das einen Ansatz darstellt, forschungsbasiert didaktische
Strukturierungen von Unterricht zu generieren. Zum anderen wird die Phänomenografie als
Forschungszugang zu gegenstands-spezifischen Lernvoraussetzungen von Schüler/inn/en vorgestellt.
Beide forschungsmethodischen Vorschläge werden ausführlich begründet und am Beispiel
von Lichtphänomenen, als möglichen Gegenständen des Sachunterrichts, erläutert.
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0. Vorbemerkung
Die aktuellen Bemühungen vieler Fachdidaktiken sich als
Wissenschaften zu etablieren, eigene Forschungsprofile zu entwickeln, die sich von
lernpsychologischer, schulpädagogischer und fachwissenschaftlicher Forschung einerseits
unterscheiden, andererseits auf diese rekurrieren (müssen), betreffen auch die
Sachunterrichtsdidaktik. Ich verstehe die Wissenschaftsorientierung der Fachdidaktiken als
einen noch nicht abgeschlossenen Emanzipationsprozess. Eine tradierte Rolle und Erwartung
an die Fachdidaktik, in der Lehrerbildung als Bindeglied zwischen Fachwissenschaft und Unterricht
zu fungieren, also fachliche Theorie im Rahmen der Lehrerbildung in schulische
Vermittlungspraxis zu überführen, weicht einem Selbstverständnis, eigene Forschungsanliegen
zu verfolgen. Dies ist sogar aus pragmatischen Gründen erforderlich, wenn die universitäre
Lehrerbildung Bestand haben soll (vgl. dazu Lauterbach 1997, 11f). Fachdidaktische Forschung
bewegt sich dabei im Spannungsfeld gesellschaftlicher und bildungspolitischer Anforderungen und
Ansprüche, fachlicher Inhalte, lerntheoretischer Fragestellungen und Erkenntnisse, der
Unterrichtspraxis sowie insbesondere im Grundschulbereich auch pädagogischer Normen.
Dieser Prozess ist in den verschiedenen Fachdidaktiken und an verschiedenen Hochschulstandorten
unterschiedlich weit fortgeschritten und steht unter dem erheblichen Druck, sich gegen die
Infragestellung der Effizienz didaktischer Forschung bezogen auf Leistungszuwächse von
SchülerInnen und Ressentiments der Fachwissenschaften am jeweiligen Fachbereich zu behaupten.
Forschungsansätze zur Didaktik des Sachunterrichts sind z.B. im Vergleich zu Forschungsansätzen
der Physikdidaktik sehr heterogen und inhaltsbezogene Lernforschung wenig verbreitet.
Bekanntermaßen verfügt der Sachunterricht anders als z.B. der Geschichtsunterricht oder der
Biologieunterricht nicht über eine eigene fachliche Bezugswissenschaft und hat als
vergleichsweise junges Schulfach eine vergleichsweise geringe universitäre didaktische Tradition.
Zwangsläufig bringen Sachunterrichts-DidaktikerInnen sehr unterschiedliche Perspektiven und
Fachsozialisationen aus der allgemeinen Pädagogik, den Naturwissenschaften, den
Sozialwissenschaften, der Philosophie der Grundschulpädagogik, den Fachdidaktiken u.a.
in den Diskurs und die Forschung ein. Diese heterogene Schar von WissenschaftlerInnen
organisiert ihre Diskurse, vermutlich nicht zuletzt aufgrund dieser Heterogenität, relativ
selbstgenügsam und hochgradig normativ, was die Etablierung von Forschungsansätzen nicht
gerade erleichtert.
Als Konkretisierung dieser Behauptung lässt sich z.B. nennen: internationale Forschungsliteratur
insbesondere zum inhaltsbezogenen Lernen, wo auf einen reichen Fundus zurückgegriffen
werden könnte, wird (den Literaturangaben der meisten Veröffentlichungen nach zu schließen)
in geringem Umfang rezipiert, empirische Forschung wird am ehesten bezogen auf die historische
Entwicklung des Sachunterrichts selbst entlang von schriftlichen Dokumenten betrieben,
die Polarisierung zwischen "Wissenschaftsorientierung" und "Kindorientierung" in
unterschiedlichen Deutungsvarianten und unscharfer Begriffsbestimmung zieht sich seit
Jahrzehnten implizit und explizit durch die Aufsätze, die diesbezüglich mehr Aufschluss über
Absichten und Ansichten ihrer AutorInnen als über die Unterrichtspraxis geben und LehrerInnen
werden seitens der Sachunterrichtsdidaktik eher mit Unterrichtsvorschlägen und Materialien
als mit empirisch gewonnenen didaktischen Erkenntnissen versorgt.
Das Anliegen des folgenden Beitrages besteht darin, das Potenzial, die Relevanz und die
Durchführbarkeit fachdidaktischer Lernforschung für den Sachunterricht am Beispiel
Naturphänomen bezogener Lernprozesse aufzuzeigen. Ich werde zunächst skizzieren, von welchen
Voraussetzungen und Annahmen ich dabei ausgehe.
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1. Ausgangspunkte
Zur Rolle der Sachunterrichtsdidaktik für den Sachunterricht
Fachdidaktik ist im Idealfall die Bezugswissenschaft
der FachlehrerInnen, d.h. ich begreife Sachunterrichtsdidaktik als Wissenschaft und zwar als
eine Wissenschaft, von der Lehrkräfte des Sachunterrichts Forschungsergebnisse sowie empirisch
fundierte didaktische Theorien beziehen können, die für ihren Unterricht relevant sind.
Dazu gehört insbesondere, die Beantwortung der Frage, welche Inhalte und Methoden im
Sachunterricht aus welchen Gründen Bildungswirksamkeit entfalten können.
Während die Entwicklung von Unterrichtsvorschlägen und -materialien meines Erachtens nicht
zu den Kernaufgaben der Sachunterrichtsdidaktik gehört, mag es dennoch sinnvoll sein,
sowohl Erkenntnisse und Theorien sachunterrichtsdidaktischer Forschung anhand von
Unterrichtsvorschlägen zu erläutern bzw. zu exemplifizieren als auch umgekehrt, erprobte
und erfolgreiche Unterrichtsvorschläge sachunterrichtsdidaktisch zu fundieren sowie andere
tradierte Unterrichtskonzepte sachunterrichtsdidaktisch zu kritisieren. Dies insbesondere
dann, wenn die betreffenden Forschungsergebnisse im Rahmen von Unterrichtsforschung
generiert wurden.
Die Erforschung sachbezogener Lernprozesse von SchülerInnen, d.h. die Rekonstruktion
und Analyse von Verstehensprozessen ist nicht zwangsläufig an Unterricht gebunden.
Sie müsste meines Erachtens ein zentrales Anliegen einer wissenschaftlichen Didaktik sein.
Schülerorientierung sollte sich nicht nur in der methodischen sondern auch in der inhaltlichen
Strukturierung der Unterrichtsangebote widerspiegeln. Dies setzt voraus, nicht nur die
Interessen von SchülerInnen zu berücksichtigen, sondern auch ihre Sinnkonstruktionen und
Deutungsmuster zu kennen und für die Planung von Unterricht aufzugreifen. Die Kenntnis solcher
Sinnkonstruktionen und Deutungsmuster können LehrerInnen nicht allein aus der Interaktion mit
SchülerInnen beziehen, eine systematische und fachdidaktisch orientierte Analyse von
Schüleräußerungen und -handlungen ist im Unterricht nur sehr begrenzt möglich.
"Wissenschaftsorientierung" vs. "Kindorientierung"
Dass Sachunterricht die SchülerInnen dabei unterstützen soll, ihr Wissen und ihre
Erfahrungen zu ordnen und zu erweitern, sie in Beziehung zueinander zu setzen,
Zusammenhänge zu verstehen, Regelhaftigkeiten zu entdecken und zu begründen ist unter
SachunterrichtsdidaktikerInnen Konsens. Diese Ziele legitimieren sich durch den Anspruch der
Bildungsorientierung von Sachunterricht. Auch das Ziel, Kindern Zugänge zu wissenschaftlich
generiertem Wissen zu eröffnen, ihnen diesbezüglich relevante, ergiebige und grundlegende
Phänomenerfahrungen zu ermöglichen und Reflektionsprozesse anzuregen, ist ein
bildungsorientierter Anspruch.
"Naturwissenschaftliche Grundbildung" kann in diesem Sinne nur eine erwünschte Folge aber
nicht prioritäre Leitlinie eines schülerorientierten und bildungstheoretisch begründeten
Sachunterrichts sein, wenn unauflösbare Zielkonflikte vermieden werden sollen. Daher ist es
meines Erachtens keine Kompromissformel, sondern ein realisierbares Ziel, dass der
Sachunterricht Kindorientierung und die Bildungsansprüche von Kindern in der Weise
ernst nimmt, dass er ihnen auch zu den Wissenschaften als solchen sowie zu konkreten
Wissensbeständen, die Teil ihrer Lebenswelt sind, Zugänge ermöglicht.
Zugänge zu ebnen setzt voraus, die Landschaften, die erschlossen werden sollen, zu kennen.
Eine fundierte didaktische Entscheidung setzt also voraus, fachsystematische Strukturierungen
und spontane bzw. lebensweltliche Zugänge zu jeweiligen Lernanlässen zu kennen und beide
in ein Verhältnis zu setzen. Erst dann kann man erkennen, welche Routen (Erfahrungen und
Thematisierungen) sowohl lebensweltlich als auch fachlich anschlussfähig sind.
Zur Rolle der Naturwissenschaften und ihrer
Didaktik für den Sachunterricht
Die Rolle der Naturwissenschaften für den Sachunterricht besteht nicht darin,
inhaltliche Lernziele zu generieren, sondern die Naturwissenschaften und ihre
Fachdidaktiken sind als Ressource zu nutzen, um Verstehensprozesse der SchülerInnen zu
unterstützen. Dies ist möglich, weil fachwissenschaftliche Erkenntnisse selbst bewährte,
d.h. erfolgreiche Ergebnisse eben solcher Verstehensbemühungen sind. Dies bedeutet allerdings
nicht, die geronnenen Ergebnisse der Fachwissenschaften in Form elementarisierter
Erklärungen aufzugreifen und zu vermitteln, sondern von ihnen Informationen darüber
zu beziehen, welche Aspekte von Phänomenen für wissenschaftliche Deutungen in welcher
Weise relevant sind.
Mit Verstehensprozessen ist hier gemeint, Sachverhalte zu erschließen,
Zusammenhänge zwischen verschiedenen Beobachtungen und Erfahrungen herzustellen,
Erfahrungen zu ordnen und beobachtete bzw. erlebbare Regelhaftigkeiten von
Phänomenen zunehmend konsistent zu begründen. Obwohl der Sachunterricht Phänomene umfassender
thematisiert als die Naturwissenschaften es tun, können naturwissenschaftsdidaktische
Erkenntnisse aspekthafte Beiträge für sachunterrichtliche Phänomenerschließungen leisten.
Es scheint nicht immer klar zu sein, aber es gibt keine "naturwissenschaftlichen
Phänomene", sondern lediglich naturwissenschaftliche Deutungen von Phänomenen.
Zur Rolle des Sachunterrichts bei der Erschließung
naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und Wissensbestände
Die implizite oder explizite Bezugnahme auf Wissensbestände der Naturwissenschaften
im Sachunterricht muss nicht und sollte nicht in Konkurrenz zu einem
schülerzentrierten Unterricht geraten.
Sachunterricht sollte meines Erachtens gezielt die Voraussetzungen dafür schaffen,
dass wissenschaftliche Aussagen für Lernende sinnstiftend werden können, bevor er - wenn
überhaupt - darauf abzielt, bestimmte fachlich "richtige" Aussagen zu erarbeiten.
Es sind allerdings nicht beliebige, sondern fachlich bzw. fachdidaktisch begründete
Lernumgebungen und Erfahrungen im Sachunterricht erforderlich, wenn die Anschlussfähigkeit
fachlicher Deutungen nahe gelegt werden soll. Die aus Lernersicht offensichtliche
Widersprüchlichkeit zwischen eigenen Erfahrungen und physikalischen oder chemischen
Erklärungen von Naturphänomenen wird in der Unterrichtspraxis meines Erachtens enorm
unterschätzt. Selbst die allerausführlichste Phänomenerkundung führt nicht automatisch
zur Chemie oder Physik.
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2. Didaktische Rekonstruktion als Ansatz sachunterrichtsdidaktischer Lernforschung
Tenberge stellt zum "elementaren naturwissenschaftlich-technischen
Sachunterricht" fest: "Übereinstimmend wird heute die Vermittlung fachpropädeutischer
Zieldimensionen abgelehnt. Ein phänomen- und prozessbezogener, problemorientierter
Sachunterricht erscheint gegenwärtig konsensfähiger." (Tenberge 2002, 14) Ich stimme ihr zu
und ergänze: Von dem Versuch in den siebziger Jahren, naturwissenschaftsorientierte Ansätze
in den Sachunterricht einzuführen, hat sich der Sachunterricht bis heute nicht erholt.
Der vermeintliche Widerspruch zwischen Wissenschaftsorientierung und Kindorientierung hallt
immer noch nach. Aber vielleicht können wir heute sagen, dass der Sachunterricht zwar nicht
fachpropädeutisch aber dennoch fachlich anschlussfähig angelegt sein sollte und durchaus
Zugänge zu Naturwissenschaften eröffnen darf?
Sollte dies der Fall sein, dann stellt sich die Frage, wie und wodurch ein "phänomen- und
prozessbezogener, problemorientierter Sachunterricht" Zugänge zu Naturwissenschaften eröffnen
kann. Möller formuliert neben Zielen, die sich auf die Anbahnung von Haltungen,
Interesse und naturwissenschaftlichen Arbeitsweisen beziehen, als inhaltsbezogenes Ziel für
den Sachunterricht "die Erarbeitung kategorialen, erschließenden Wissens in Lernprozessen,
die auf Verstehen ausgerichtet sind" (Möller 2000, 134).
Ich greife diese Zielsetzung hier auf und komme zu dem Schluss, dass sich damit für die
Sachunterrichtsdidaktik methodische und inhaltliche Aufgaben verbinden: Die Prozessdimensionen
des Erarbeitens, Erschließens und der Ausrichtung der Lernprozesse auf Verstehen ist eine
unterrichtsmethodisch zu bearbeitende Aufgabe. Die Frage, welches Wissen erschließend sein kann,
d.h. geeignet ist Verstehensprozesse angemessen zu unterstützen, ist nicht zuletzt eine Frage
danach, welche Phänomenerfahrungen, Inhalte und Begriffsbildungen für verstehendes Lernen
weiterführend sind. Dies lässt sich nur durch empirische Lernforschung und didaktische
Theoriebildung beantworten.
Ich werde im Abschnitt 3 am Beispiel von Schattenphänomenen verdeutlichen inwiefern
die fachdidaktische begründete Auswahl von Phänomenerfahrungen empirisch fundiert werden kann.
Dazu werde ich auf Erkenntnisse zurückgreifen, die ich im Rahmen einer empirischen Untersuchung
von Lernprozessen zum Phänomenbereich Licht und Schatten gewonnen habe (vgl. Murmann 2002).
Insbesondere komme ich in diesem Zusammenhang zu dem Schluss, dass die Beschäftigung mit
Schatten wenig geeignet ist, kategoriales erschließendes Wissen zur Deutung von
Schattenphänomenen zu erarbeiten.
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2.1 Das Modell der didaktischen Rekonstruktion
Welches konkrete (Erfahrungs-) Wissen im Hinblick auf verstehende Lernprozesse ergiebig ist
und welche Erfahrungen dazu wenig beitragen, kann nicht kategorisch, sondern nur
inhaltsspezifisch, d.h. bezogen auf den Lerngegenstand beantwortet werden.
Die Beantwortung entsprechender Forschungsfragen ist Voraussetzung für eine
gezielte didaktische Strukturierung.1
Kattmann und Gropengießer schlagen dazu das Modell
der "Didaktischen Rekonstruktion" vor. Die didaktische Strukturierung basiert in diesem
Modell sowohl auf einer "fachlichen Klärung" hinsichtlich fachlich verstandener
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Phänomenaspekte als auch auf Detailkenntnissen über erwartbare Vorverständnisse und
Wahrnehmungsstrukturen von Lernenden zu denselben Phänomenen. Diese beiden Perspektiven
müssen aufeinander bezogen werden. Es ist wenig hilfreich und nicht Intention des Modells der
Didaktischen Rekonstruktion, sie nur zu vergleichen und aus der Diskrepanz Lernziele abzuleiten.
"Die Frage, wann und inwiefern die erhobenen Schülervorstellungen
für das Lernen fachwissenschaftlicher Inhalte förderlich oder hinderlich sein können,
soll nicht durch einseitigen normativen Vergleich mit wissenschaftlichen Konzepten, sondern
in wechselseitiger Betrachtung beantwortet werden, die beide Bereiche nicht unverändert
bestehen lässt. [...] Im besten Falle kommt es zu einer wechselseitigen Neuinterpretation der
lebensweltlichen und fachlichen Vorstellungen." (Gropengießer 1997)
Nach Simone Seitz wird mit dem Modell der didaktischen Rekonstruktion
ein Paradigma für didaktische Forschung verfolgt, "das die Vorstellungen, Anschauungen und inneren Tätigkeiten der Schüler/innen vor die Sach-struktur platziert. Damit ist ein Wandel weg vom traditionellen ‚Primat der Sache' hin zum ‚Primat des Kindes' gegeben." (Seitz 2004)
Eine phänomenologische Analyse der jeweiligen Lerngegenstände, die der Erforschung von
Schülerverständnissen voraus gehen sollte, ist ebenfalls aufschlussreich im Hinblick
auf die Lernbarkeit bzw. Nachvollziehbarkeit fachlicher Erklärungen (vgl. Murmann 2002).
Eine phänomenologische Analyse befasst sich mit dem Lerngegenstand, indem sie das Verhältnis
von erfahrbaren und die Erfahrung überschreitenden Aspekten der fachlichen Deutung erschließt.
Dies erfordert, zunächst vom eigenen fachlichen Wissen über die Lerngegenstände abzusehen,
sie also ohne Rückgriff auf fachliches Wissen zu erfassen und zu beschreiben, um die
Erfahrbarkeit der fachlichen Deutung differenziert zu erschließen. Die phänomenologische Analyse
ist Teil der fachlichen Klärung, gleichzeitig aber grundlegend für die Interpretation von
Schüleräußerungen und -handlungen (vgl. Abschnitt 2.2).
Kattmann und Gropengießer sprechen vom "Erfassen von Schülervorstellungen" bzw.
"erhobenen Schülervorstellungen" (Gropengießer 1997, 14) und beziehen sich damit auf
die konstruktivistisch orientierten Arbeiten insbesondere der physikdidaktischen Lernforschung
seit den 1980er Jahren, die sie für die Biologiedidaktik aufgreifen. Im Rahmen
konstruktivistischer Lernforschung wurde um eine angemessene Bezeichnung für die
Phänomendeutungen von SchülerInnen durchaus gerungen. Darin drückt sich nicht zuletzt die
Schwierigkeit aus, solche Verständnisse theoretisch zu fassen. So ist z.B. die Rede von
"alternative frameworks" (z.B. Driver 1981), "Vorverständnissen" (Schecker 1985),
"Schülervorstellungen" (z.B. Jung 1985, u.v.a.), "misconceptions" (z.B. Brown 1992),
"naive Physik" (Wilkening & Lamsfuß 1993), "Fehlkonzepten" (Treffer 1994),
"Alltagsvorstellungen" (Duit 2002), "preconceptions" (Clement 1993), "Präkonzepten" (Möller 1999)
oder "Erlebensweisen" (Murmann 2002). Die meiste Verbreitung hat die Bezeichnung
"Schülervorstellungen" bzw. "conceptions" gefunden. Als Begrifflichkeit für unterrichtlich
intendierte Lernprozesse, womit in diesem Zusammenhang für gewöhnlich die Überwindung der
Diskrepanz zwischen gegebenen Schülervorstellungen und zu entwickelnden fachlichen
Vorstellungen gemeint ist, wird häufig "conceptual change" (z.B. Carey 1985) bzw.
"Konzeptwechsel" (z.B. Schmidt 1989) verwendet.
Ich werde die Bezeichnungen "Schülervorstellungen" oder "Konzeptwechsel" nicht aufgreifen.
Sie mögen zwar den Forschungsgegenstand vieler konstruktivistisch orientierter
FachdidaktikerInnen treffend bezeichnen, aber nicht nur die Begrifflichkeiten, sondern vor
allem die dazu gehörigen lerntheoretischen Konzeptionen sind meines Erachtens fragwürdig.
Alternativ zur konstruktivistischen Orientierung können die Lernvoraussetzungen und
erwartbare Deutungsmuster von Lernenden phänomenografisch untersucht und dann gemäß dem Modell
der didaktischen Rekonstruktion für eine didaktische Strukturierung nutzbar gemacht werden.
Einige Unterschiede zwischen phänomenografischer und konzeptorientierter Forschung werde ich im
Folgenden herausarbeiten.
2.2 Schülervorstellungen oder Erlebensweisen?
Lerntheoretische
und forschungsmethodische Kritik
Wie sich zeigen lässt, wurden Schülervorstellungen als Ergebnisse physikdidaktischer Forschung
häufig vor einem fachlichen Verstehensrahmen formuliert, d.h. die ForscherInnen
interpretierten die Äußerungen und Handlungen von SchülerInnen von der Warte eines fachlich
informierten Beobachters. Darin besteht ein forschungsmethodisches Problem. Mit Jung (1989)
gehe ich darin konform, dass es eines Verstehensrahmens für Schüleräußerungen bedarf, denn
Phänomendeutungen von Lernenden lassen sich nicht erheben, sondern sind zwangsläufig das
Ergebnis einer Interpretation von erhobenen Äußerungen und Handlungen. Als solche reflektieren
sie nicht nur die Phänomendeutung der Lernenden, sondern immer auch deren Rekonstruktion bzw.
verstehende Interpretation seitens der Forschenden und damit deren Verstehensrahmen. Jung schlägt
alternativ zu einem fachlichen Verstehensrahmen einen "phänomenologischen Verstehensrahmen"
(Jung 1989) vor. Die Herausforderung im Forschungsprozess besteht dann darin, bei der
Rekonstruktion von Schülerverständnissen vom eigenen fachlich geprägten Erfahrungshintergrund
zunächst zu abstrahieren, d.h. ihn vorübergehend auszuklammern und die Interpretation der Daten
stattdessen vor dem Hintergrund erfahrbarer Zusammenhänge des Phänomens zu vollziehen.
Dass dies in der Forschungspraxis selten geschehen ist, wird unter anderem daran deutlich,
dass sich aus den entsprechenden Veröffentlichungen wenig Informationen darüber beziehen lassen,
welche erfahrungsbasierten Deutungen von SchülerInnen fachlich anschlussfähig sind oder mit
fachlichen Deutungen in Einklang stehen, während stattdessen die Diskrepanzen zur Physik stets
klar hervortreten. Dies legitimiert sich durch die Denkfigur, dass die Lernherausforderung in
der kognitiven Überwindung der Diskrepanz zu fachlichen Erklärungen besteht und angemessene
unterrichtliche Überzeugungsstrategien gefragt sind, um diese Lernprozesse zu bewirken. In
anderen Worten: es sollen Lernumgebungen geschaffen werden, die den SchülerInnen ausgehend von
ihren eigenen, zu überwindenden Vorstellungen die Konstruktion der fachlich anerkannten
Erklärung ermöglichen und sie von deren Richtigkeit überzeugen. Zu diesem Zwecke erscheint es
sinnvoll auf Differenzen zu fokussieren. Auf die bildungstheoretisch und gesellschaftspolitisch
fragwürdigen Implikationen dieser Denkfigur will ich an dieser Stelle nicht eingehen. Auch nicht
darauf, dass ihr eine erkenntnistheoretische Trennung von Subjekt und Objekt zugrunde liegt,
die als unthematische Selbstverständlichkeit fungiert, was für konsequente KonstruktivistInnen
zumindest merkwürdig sein müsste. Stattdessen beziehe ich mich positiv auf den Ansatz, dass
fachdidaktische Lernforschung dazu beitragen kann, verstehendes Lernen zu unterstützen.
Meine forschungsmethodische Kritik ist dann, dass die unterschiedlichen Deutungen von
SchülerInnen und WissenschaftlerInnen in der konstruktivistisch orientierten didaktischen
Forschung primär, wenn nicht ausschließlich auf der Ebene von Erklärungen jeweiliger Phänomene in
Beziehung gesetzt werden.
Meine These ist, dass die Unterschiede zwischen fachlichen und nicht fachlichen Deutungen tiefer
liegen. Denn zum einen sind manche Phänomenaspekte zwar für fachliche Deutungen relevant oder
sogar konstitutiv, können den Phänomenen selbst aber schlicht nicht "angesehen" werden, d.h.
sie sind nicht erfahrbar oder werden in der Regel nicht bewusst erfahren. Gleichzeitig liegen
auch den nicht fachlich geprägten Deutungen eigene (Relevanz-)Strukturen und angenommene
Selbstverständlichkeiten zugrunde, die plausibel sind, aber mit der fachlichen Strukturierung
nicht übereinstimmen müssen bzw. für diese irrelevant sein können. Unterschiede bestehen also
bereits in den Gegenstandskonzeptionen von SchülerInnen bzw. fachlich vorgebildeten Personen,
d.h. auf der Ebene derjenigen Voraussetzungen von Theorien, die jeweils als fraglos bzw.
selbstverständlich erlebt werden.
Phänomendeutungen, seien sie wissenschaftlich bewährt oder auch nicht, beziehen sich immer auf
bestimmte Merkmale des Phänomens und stellen Zusammenhänge zwischen verschiedenen wahrgenommenen
Aspekten her. Diese Zusammenhänge sind nicht unbedingt das Resultat von Überlegungen, sondern
in vielen Fällen der Wahrnehmung immanent, denn Wahrnehmung ist immer strukturierte Wahrnehmung.
Unter anderem aus diesem Grunde halte ich die Phänomenologie (und die Phänomenografie als
forschungsmethodischen Zugang) zur Aufklärung von Verstehensprozessen für ergiebiger als
konstruktivistische Ansätze. Beide konzeptualisieren menschliches Erleben umfassender,
gegenstandsverankert und begrifflich differenzierter als konstruktivistische Zugänge.
Neben Figur-Hintergrund-Unterscheidungen, die das erlebte Phänomen als solches von einem
nicht dem Phänomen zugerechneten Hintergrund lösen, wird auch ein jeweiliges Phänomen selbst,
in einer mehr oder weniger differenzierten Strukturierung wahrgenommen. Dadurch wird das
Phänomen zum Phänomen. Teile dieser Struktur werden außerdem nicht sinnlich erfasst, sondern
appräsentiert, d.h. sie werden aufgrund von Vorerfahrungen als gegeben erlebt.
Beispielsweise würde niemand vermuten, dass die Tischnachbarin, deren Hocker und Beine durch
eine Tischplatte verdeckt sind, sodass nur ihre obere Körperhälfte zu sehen ist, geschrumpft
oder halbiert ist, sondern dass sie sitzt.
Geht man davon aus, dass bereits auf der Wahrnehmungsebene Unterschiede zwischen fachlich und
nicht-fachlich geprägten Phänomenstrukturierungen bestehen, dann ist erstens plausibel,
dass unterschiedliche Deutungen generiert werden und zweitens plausibel und lerntheoretisch
relevant, dass sich die Deutungen nicht unabhängig von der Entwicklung der erlebten
Strukturierung entwickeln werden. Für einen Unterricht, der Konzeptwechsel anstrebt, wären
hieraus Konsequenzen zu ziehen.
Die Feststellung, dass Schülervorstellungen wahrnehmungsnahe Konstruktionen seien, ist unter
PhysikdidaktikerInnen unstrittig. Sie bleibt aber für die Theoriebildung konstruktivistisch
orientierter PhysikdidaktikerInnen zum Lernen ohne Konsequenzen. Teilweise wird unter
konsequent-konstruktivistischem Paradigma zur Fundierung lerntheoretischer Überlegungen
allerdings auf neurobiologische Forschungen zur Verarbeitung von Sinnesreizen Bezug genommen.
Eine Theorie zur Erlebensdimension von Wahrnehmungen und deren Rolle für Physiklernen können sie
nicht ersetzen.
Sehr wenige PhysikdidaktikerInnen beziehen sich zur Grundlegung von Lerntheorien explizit auf
die Phänomenologie (z.B. di Sessa 1983, 1993, Jung 1989, Redeker 1981, Selley 1996).
2.3 Die phänomenografische Lernforschung
Die Phänomenografie nach Ference Marton steht erkenntnistheoretisch in der Tradition der
Husserlschen Phänomenologie als einer Theorie menschlichen Erlebens. Sie wurde im Rahmen
empirischer Lernforschung seit den 1970er Jahren vorrangig an schwedischen Universitäten
entwickelt. Die zugrunde liegende Lerntheorie ebenso wie die Phänomenografie selbst wird
entlang vieler erläuternder Beispiele aus der inhaltsbezogenen Lernforschung in
"Learning and Awareness" (Marton & Booth 1997) entfaltet. Ich werde hier nur auf zwei
charakteristische Merkmale der Phänomenografie eingehen, die sowohl die Nähe als auch die
Unterschiede zu konstruktivistischer Lernforschung verdeutlichen sollen. Dabei handelt es sich
zum einen um die Konstitution des Forschungsgegenstandes und zum anderen um die Merkmale der
angestrebten Forschungsergebnisse.
Perspektive 2. Ordnung
Wesentliches Merkmal phänomenografischer Analysen ist es, bei der Interpretation von Daten
eine Perspektive zweiter Ordnung auf den Lerngegenstand einzunehmen. Das Augenmerk richtet
sich also nicht auf die beforschte Person, sondern auf den Gegenstand ihrer Auseinandersetzung.
Bildlich gesprochen werden nicht Überlegungen und Interpretationen über die Lernenden angestellt,
sondern die Lernenden geben Auskunft über etwas Drittes, das mittels einer Perspektive zweiter
Ordnung erschlossen wird.
Im Unterschied zur Perspektive zweiter Ordnung auf den Gegenstand, der für die Lernenden der
Gegenstand ist, nehmen Perspektiven erster Ordnung die Lernenden oder die Gegenstände ihrer
Auseinandersetzungen direkt aus Beobachtersicht in den Blick. Auch Schülervorstellungen können
aus einer Perspektive erster Ordnung beschrieben werden, nämlich wenn sich die Aufmerksamkeit
der ForscherInnen auf als existent angenommene und zu erschließende Schülervorstellungen als
Forschungsgegenstand richtet. Vielleicht erscheint der Unterschied zwischen der Rekonstruktion
des Lerngegenstandes und der Beschreibung von Schülervorstellungen marginal. Wesentlich ist aber
die immer gegebene Gebundenheit von Erlebensweisen an die Gegenstände des Erlebens. Diese wird
in der phänomenografischen Beschreibung berücksichtigt, weil sie schon lerntheoretisch zugrunde
gelegt wird.
In der konstruktivistischen Lernforschung hingegen wurde die "Kontextabhängigkeit" von
Vorstellungen als problematisch festgestellt, als sich herausstellte, dass SchülerInnen
Vorstellungen, die ihnen in bestimmten Kontexten zugeschrieben wurden, nicht wie erwartet auf
andere fachlich vergleichbare Phänomene übertragen, sondern sich (aus Forschersicht)
inkonsistent äußern.
Die Rekonstruktion von Lerngegenständen aus einer Perspektive zweiter Ordnung besteht also
zunächst in einer empathischen Interpretation von Äußerungen und Handlungen Lernender,
die in einem Spektrum unterschiedlicher Beschreibungen bezogen auf denselben Lerngegenstand
resultiert. Diese Beschreibungen reflektieren, was und in welcher Strukturierung für die
Lernenden der Gegenstand ist. Es ist nun möglich, aus einer Vielzahl erhobener Äußerungen eine
begrenzte Anzahl von Beschreibungskategorien zu entwickeln zwischen denen unterrichtlich
relevante Unterschiede bestehen. Dazu ist ein rekursives Verfahren nötig, das Hypothesen
über relevante Unterschiede zwischen Erlebensweisen wiederholt auf die erhobenen Daten bezieht,
ausschärft und darauf abzielt, Erlebensweisen möglichst knapp und kontrastierend zu
beschreiben. Auf diesem Wege kann die Anzahl verschiedener Beschreibungen systematisch auf
ein aussagekräftiges Minimum reduziert werden, das als Satz phänomenografischer
Kategorien bezeichnet wird.
Phänomenografische Kategorien
Das Ergebnis einer phänomenografischen Untersuchung sind die Beschreibungskategorien, die
Auskunft über erwartbare Erlebensweisen zu gegebenen Lerngegenständen geben.
Ein solcher Kategoriensatz ist in dem Sinne vollständig, als alle (!) erhobenen Äußerungen und Handlungen
durch die Kategorien reflektiert werden.
Die Unterschiede zwischen phänomenografischen
Kategorien desselben Kategoriensatzes sind in der Verschiedenheit der Aspekte zu suchen,
die die jeweiligen Phänomenstrukturierungen konstituieren. Sie unterscheiden sich auch von
fachlichen Theorien insbesondere im Hinblick auf die jeweils thematischen und als relevant
erlebten Aspekte. Daher ist es durchaus möglich, dass inhaltlich unterschiedliche und auch
widersprüchliche Aussagen der Lernenden auf dieselbe Erlebensweise zurückgeführt werden,
nämlich dann, wenn sie sich auf dieselben Phänomenaspekte beziehen. Welche Phänomenaspekte
als konstitutiv für das Erleben bezeichnet werden können, ist daran zu erkennen, dass die
Lernenden sprechend oder handelnd Bezug auf sie nehmen und dass ihre Deutungen sich mittels
dieser Aspekte begründen lassen.
Der Nutzen phänomenografischer Kategorien im Modell der didaktischen Rekonstruktion ist es,
erwartbare (und plausible) Verständnisse von SchülerInnen zu kennen, die zusammen mit der
fachlichen Klärung eine didaktische Strukturierung begründen können. Darüber hinaus lassen
sich phänomenografische Kategorien als diagnostisches Instrument zur Einschätzung von
Schüleräußerungen im Unterricht nutzen.
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3. Didaktische Rekonstruktion am Beispiel Licht und Schatten
Die im Folgenden skizzierte didaktische Rekonstruktion bezieht sich nur auf die Unterstützung
von Verstehensprozessen zu Licht und Schatten. Erklärungsorientierte Zugänge zu Schatten
möchte ich daher zunächst von anderen legitimen Beschäftigungen mit Schatten im Sachunterricht
unterscheiden. Dazu gehören mythologische, psychologische und affektive Aspekte von Schatten,
deren Thematisierung im Unterricht sich zum Beispiel pädagogisch oder im Hinblick auf
ästhetische Bildung begründen lässt. Die spielerische Beschäftigung mit Schatten beim
Schattentheater, Schattenfangen oder Ähnlichem ist außerdem geeignet, Erfahrungen mit Schatten
zu vertiefen und jenseits von Erklärungsabsichten Regelhaftigkeiten zu entdecken.
Regelhaftigkeiten von Schatten sind zum Beispiel: zu jedem Schatten gehört eine Lichtquelle
und ein Objekt (eine Person oder ein Gegenstand); Schatten sind von der Lichtquelle aus
gesehen immer hinter dem Schatten werfenden Objekt; Schatten bilden ihre Gegenstände oder
Personen ab; Schatten lassen sich mit Lichtquellen steuern und man kann Schattenorientierungen,
-formen und -größen vorhersagen. Die Entdeckung von Regelhaftigkeiten wiederum ist Voraussetzung
dafür, dass Erklärungen gesucht werden und sinnstiftend werden kön-nen. Wer (noch) nicht
bemerkt hat, dass Schatten immer "hinter" dem Objekt sind, kann überhaupt nicht wissen wollen,
warum es so ist.
Auf Verstehen ausgerichteter Unterricht zu Schattenphänomenen nimmt insbesondere Ursachen für
beobachtetes regelhaftes Verhalten von Schatten in den Blick. Konkrete Fragen könnten sein,
warum sich Schatten mit Personen mitbewegen, ob es auch im Dunkeln Schatten gibt, warum Schatten
Gegenstände und Personen abbilden, mal groß und mal klein sind, wie dunkel (schwarz?) sie
eigentlich sind und was der sichtbare Schatten mit dem räumlichen Schatten zu tun hat, "in den
man geht um sich abzukühlen" usw. Sämtliche dieser Problemstellungen, können nicht ohne die
Thematisierung von strömendem Licht, d.h. nicht ohne die gedankliche Konstruktion von Lichtwegen
geklärt werden. Wer nun versucht, die Aufmerksamkeit von SchülerInnen auf das Licht zu lenken,
merkt in der Regel nicht, dass Kinder Licht als das identifizieren, was sie wahrnehmen und was
in der Alltagssprache als Licht bezeichnet wird, nämlich Helligkeit, beleuchtete Flächen und
die Lichtquellen selbst (Guesne 1985, Jung 1989, Murmann 2002). Leicht zu bemerken ist, dass
die SchülerInnen sich im Zusammenhang mit Schatten zunächst nicht für das Licht interessieren.
Helligkeit und sichtbar beleuchtete Flächen sind für die Physik Effekte des Lichts und Licht ist
ein Fachbegriff, der etwas Unsichtbares, Strömendes bezeichnet. Die Frage, "ob und inwiefern, d.h.
vor allem in welchem Bezug zu unmittelbar sinnlich wahrnehmbaren Phänomenen, sie [Fachbegriffe]
für den Schüler als Fachbegriffe kenntlich sind" ist eine didaktisch relevante Frage, denn
"wer Fachbegriffe letztlich als Bezeichner phänomenaler Gegebenheiten 'lernt', der
wird [...] mit Blick auf die Interpretation wissenschaftlicher Aussagen für einen naiven
Realismus anfällig sein" (Wagner 2004, 193).
Dass die Unterschiedlichkeit und Unschärfe der Lichtbegriffe von Erwachsenen und Kindern im
Unterrichtsgeschehen kaum auffällt, liegt daran, dass Kinder durchaus von Licht sprechen,2
durchaus kausale Beziehungen zwischen Ursachen und Effekten herstellen und aufgrund von
zunehmender Erfahrung auch in der Lage sind, zutreffende Schattenvorhersagen zu machen und
bestimmte Schatten kausal auf bestimmte Lichtquellen zurückzuführen. SchülerInnen gewinnen
im Rahmen des Themas "Licht und Schatten" im Sachunterricht in der Regel Erfahrungswissen
und erkennen kausale Zusammenhänge zwischen Lichtquellen und Schatten. Formulierungen wie
"das Licht macht den Schatten" oder "wo der Schatten ist kann das Licht nicht hin scheinen"
oder "die Lampe kann den Schatten nicht sehen" drücken das aus.
Die meisten Erwachsenen in unserem Kulturkreis verfügen über einen Begriff von Licht, der
strömendes Licht meint. Es erscheint vielen so selbstverständlich, Beleuchtungseffekte auf
Lichtwege von der Quelle zum Effekt zurückzuführen und Schatten als unbeleuchtete Flächen zu
erklären, dass ihnen kaum bewusst wird, dass sie einen naturwissenschaftlich geprägten
Lichtbegriff dazu heranziehen. SchülerInnen der Primarstufe entwickeln und nutzen die Idee von
schnell strömendem unsichtbarem Licht, das die Physiker erfunden haben allerdings nicht von sich
aus, obwohl viele Kinder wissen, dass "Lichtgeschwindigkeit" oder "schnell wie der Blitz"
"unheimlich schnell" bedeutet (Murmann 2002).
3.1 Fachliche Klärung des Verhältnisses von Licht und Schatten
Schatten sind aus physikalischer Perspektive Räume, die von einer bestimmten Lichtquelle
nicht beleuchtet werden, weil sich ein Hindernis im Lichtweg befindet. Beleuchtete Flächen,
Helligkeit und die Helligkeit von Lichtquellen, die in der Alltagssprache allesamt als Licht
bezeichnet werden, sind für die Physik wahrnehmbare Effekte von Licht. Das "Licht"
der Physik hingegen strömt mit Lichtgeschwindigkeit von Lichtquellen weg und es kann nur
gedanklich konstruiert, aber nicht als solches beobachtet werden.
Allerdings, und dies ist ein Ergebnis der phänomenologischen Analyse von Lichtphänomenen,
kann durchaus sinnlich festgestellt werden, dass zwischen einer Lichtquelle und einer sichtbar
"beschienenen" Fläche kein Licht zu sehen ist. Diese Feststellung ist für verstehendes Lernen
relevant, denn viele Erwachsene (und auch Kinder) erwarten trotz ihrer Alltagserfahrungen,
dass sie in diesem Bereich Licht sehen werden, wenn eine noch ausgeschaltete Lichtquelle
eingeschaltet wird. Diese Interpolation entspricht den Lichtkegeln von Lampen, die in Comics
häufig eingezeichnet sind.
Eine phänomenologische Analyse klärt die Erfahrbarkeit von Phänomenaspekten im Hinblick auf
eine fachwissenschaftliche (hier die physikalische) Deutung eines Phänomens.
Ergebnisse der phänomenologischen Analyse von Schatten sind insbesondere:
- Schatten sind flächige, dunkle Figuren in einer helleren Umgebung.
- Schatten sind Räume, deren Grenzen in der Luft geradlinig verlaufen und nicht ohne
weiteres sichtbar sind, die aber durch Hände, Dampf oder Staub sichtbar gemacht werden können.
- Schatten bewegen und verformen sich in Abhängigkeit von den Schatten werfenden Objekten
und von Lichtquellen, die diese Objekte beleuchten.
- Die Figürlichkeit von Schatten verweist auf ein Schatten werfendes Objekt; ebenso verweist
die räumliche Nähe eines diffusen Schattens auf das Objekt in seiner Nähe.
- Schattenwerfende Objekte können gleichzeitig mehrere Schatten haben, wenn mehrere
Lichtquellen vorhanden sind.
- Schattenkonturen können scharf oder verschwommen sein, dies hängt von der Lichtquelle ab.
- Ort und Form von Schatten verweisen auf eine bestimmte Lichtquelle.
- Beleuchtungseffekte auf den Schatten werfenden Objekten selbst sowie die beleuchtete
Umgebung von Schatten verweisen ebenfalls auf Lichtquellen.
Dass die genannten Aspekte von Schatten prinzipiell erfahrbar sind, bedeutet nicht,
dass sie von beliebigen Personen tatsächlich auch bewusst wahrgenommen werden.
3.2 Phänomenografische Beschreibung von Erlebensweisen zum Verhältnis
von Licht und Schatten
Aus der phänomenografischen Analyse von Schatten (vgl. Murmann 2002) resultierten drei
phänomenografische Kategorien, die sich nach ihrer Differenziertheit und Inklusivität
hierarchisieren lassen. Die letzte Kategorie ist die komplexeste und entspricht der physikalisch
geprägten Erlebensweise, die erste Kategorie ist die am wenigsten differenzierte
Erlebensweise. Die Datenbasis des folgenden Kategoriensatzes zu Schatten umfasst
Videoaufzeichnungen von 50 Lerngesprächen und elf Unterrichtsstunden sowie Schülerarbeiten
aus dem Unterricht, an dem insgesamt 19 SchülerInnen eines vierten Schuljahres teilnahmen,
sowie Vorerhebungen in einem zweiten Schuljahr.
Phänomenografische Kategorien zu Schatten:
- Schatten gehören zu Gegenständen oder Personen (Schatten als Abbild).
- Schatten werden durch eine Lichtquelle und einen Gegenstand,
der von ihr beleuchtet wird, verursacht (Schatten als Effekt).
- Variante a: Schatten wird mit Lichtwegen zum Gegenstand in Beziehung gesetzt.
- Variante b: Schatten wird einer Lichtquelle und einem Gegenstand zugeordnet.
- Der Gegenstand wirkt als Schablone für das Licht. Der Schatten ist identisch mit
fehlendem Licht (Schatten als Lichtlücke).
Diskussion der phänomenografischen Beschreibungskategorien
Kategorie 1
SchülerInnen, die Schatten entsprechend der ersten Kategorie ausschließlich in Beziehung zu
den Schatten werfenden Objekten setzen, erleben Sonnenlicht oder Helligkeit gegebenenfalls
als Begleitumstände von Schatten nicht jedoch als Ursache. Das Erleben des Abbildcharakters
von Schatten und damit ihre Abhängigkeit und Zugehörigkeit zu Personen oder Gegenständen ist
zentral. Selbst wenn die SchülerInnen erwarten, dass das Einschalten einer Lichtquelle einen
Schatten hervorrufen wird, kann dies für ihr Schattenverständnis irrelevant sein.
Wenn sie Schattenvorhersagen (Ort, Größe, Form) nur an Merkmalen des Gegenstandes orientieren,
dann hat für sie die Lichtquelle oder das Einschalten einer Lampe ungefähr soviel mit dem
Schatten zu tun, wie das Aufklappen eines Buches mit der Geschichte, die daraus vorgelesen wird.
Wie jede andere phänomenografische Kategorie kann die beschriebene Erlebensweise inhaltlich
verschiedene und zwar auch widersprüchliche generalisierende Aussagen fundieren. Mit anderen
Worten: So verschiedene Aussagen wie "Schatten sind ja nun mal größer als der Gegenstand" oder
"mein Schatten ist immer ganz nah bei mir" oder "Schatten gibt es auch im Dunkeln, nur dann
kann man sie nicht sehen" usw. ließen sich auf der Aussageebene als unterschiedliche
Vorstellungen klassifizieren (vgl. Blumör 1993) oder als Ausdruck unterschiedlicher
Wissensfassetten (vgl. Galili & Hazan 2000). Sie sind aber gegebenenfalls 3 im
Erleben des Abbildcharakters und der Zugehörigkeit von Schatten zu Objekten aufgehoben.
Ein solches Erleben von Schattenphänomenen lässt sich deutlich von einem Erleben unterscheiden,
in dem zwischen Schatten und Lichtquellen eine kausale Beziehung hergestellt wird, wie es die
zweite Kategorie beschreibt.
Kategorie 2
Im zweiten Schuljahr ist der kausale Zusammenhang zwischen Schatten und Lichtquelle
für viele SchülerInnen eine spannende Entdeckung, im vierten Schuljahr ist er für die meisten
SchülerInnen selbstverständlich. Wenn SchülerInnen damit anfangen Schatten kausal mit
Lichtquellen in Verbindung zu bringen, lässt sich häufig eine kreative Phase beobachten, in der
sie alle möglichen Theorien über den Kausalzusammenhang entwickeln.
Damit ist nicht gesagt, dass sie ihre Theorien von sich aus überprüfen oder dass sie zutreffend
wären. Es ist zum Beispiel nicht selten, dass Kinder vermuten, Schatten seien stets gerade
dort, wo besonders viel Helligkeit ist (z.B. im Sonnenlicht, vgl. Blumör 1993, 75) oder genau
an der Stelle, auf die eine Lampe gerichtet ist oder entweder vor oder hinter dem Objekt,
jedenfalls auf einer Linie mit der Lichtquelle und dem Gegenstand. Für diese Kinder ist also
eine Lichtquelle thematischer Aspekt der Gesamtanordnung und sie thematisieren Zusammenhänge
zwischen Schatten, Gegenstand und Lichtquelle, die für sie das Phänomen konstituieren.
Ihre Äußerungen und Vorhersagen entwickeln sich mit zunehmender Erfahrung und sie lernen
dabei viel über die regelhafte Beziehung zwischen Lichtquellen und Schatten. Die Umgebung
des Schattens ist im Rahmen dieses kausalen Effekterlebens bemerkenswerter Weise kein Teil
des Phänomens geschweige denn Bezugspunkt für Erklärungen.
Die SchülerInnen, die Schatten als Effekt bzw. Wirkung erleben, sehen die Helligkeit um den
Schatten herum natürlich, aber darüber zu sprechen bedeutet für sie das Thema zu wechseln.
Stattdessen thematisieren die SchülerInnen in der Regel zunächst die beleuchtete und
unbeleuchtete Seite des Schatten werfenden Objektes, d.h. sie entfalten die Zusammenhänge
zwischen Schatten und Lichtquelle sowie zwischen Gegenstand und Lichtquelle zusätzlich zu
der in Kategorie 1 thematischen Beziehung zwischen Schatten und Gegenstand. Der Zusammenhang
zwischen der Lichtquelle und der beleuchteten Umgebung des Schattens gehört nicht dazu.
Die beleuchtete Umgebung des Schattens ist unthematischer Teil dieses Erlebens.
Die bisher beschriebenen Erlebensweisen sind abhängig vom Grad der Erfahrung und bewussten
Beschäftigung mit Schattenphänomenen. Ein erfahrungsgesättigtes Schattenerleben, in dem Schatten
als vollkommen regelhaft und bezogen auf die Lichtverhältnisse und die Gegenstände
reproduzierbar erlebt werden, führt durch Erfahrung allein nicht zu einem Erleben wie es die
erste Kategorie beschreibt.
Ohne eine Idee von strömendem Licht können sich Lernende zwar nicht erklären, warum Schatten
sich überaus regelhaft verhalten, wissen aber dass es so ist, dass es mit der Lichtquelle
zusammenhängt und können erfahrungsbasiert sehr gute Vorhersagen treffen. Typische Äußerungen
sind dann, dass Schatten klein sind, wenn die Sonne hoch steht bzw. die Lampe über dem
Gegenstand hängt, dass Schatten immer hinter dem Gegenstand sind, dass Schatten dem Licht
ausweichen, sich sozusagen verstecken, dass die Lampe den Schatten nicht sehen kann usw.
Kategorie 3
Es ist ein merkbarer qualitativer Sprung, wenn Lernende Schatten als unbeleuchtete Flächen
oder Räume identifizieren. Der Übergang von einem Erleben gemäß der Beschreibung der zweiten
Kategorie zu einem Erleben, wie es die dritte Kategorie beschreibt, erfolgt teilweise deutlich
als Doppelung: In diesem Erleben gibt es erstens einen Bereich hinter einem Schatten werfenden
Objekt, wo das Licht nicht hin scheinen kann und zweitens taucht dort der Schatten auf.
Der Schatten ist aber nicht damit identisch, dass das Licht dort nicht hin kann. D.h. der
Schattenbereich ist in diesem Erleben zwar unbeleuchtet, aber der Schatten ist zusätzlich
vorhanden.
SchülerInnen, die in der Lage sind, Schatten als unbeleuchtete Bereiche zu erleben oder als
Lichtlücke zu identifizieren, können eine Thematisierung der beleuchteten Umgebung von
Schatten aufgreifen und eigene Beiträge daran anknüpfen. Sie nehmen Schatten als Kontrastphänomen
wahr und sehen einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Schatten und deren beleuchteter
Umgebung. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich dann auch auf die Lichtwege, die am Schatten
werfenden Objekt vorbei führen und nicht nur auf die Lichtwege, die zum Schatten werfenden
Objekt hinführen.
Qualitativ unterscheidbare Erlebensweisen sagen wenig über die fachliche Haltbarkeit damit
verbundener Aussagen aus, allerdings sagen sie viel über die Verstehensmöglichkeiten aus,
die die jeweilige Phänomenstrukturierung bietet. Lernen findet selbstverständlich nicht nur
im Übergang zwischen den verschiedenen Erlebensweisen statt, sondern in vielfältigen Varianten
innerhalb der Erlebensstufen. Innerhalb einer Erlebensstufe werden insbesondere Zusammenhänge
zwischen den Aspekten hergestellt, verworfen oder verändert und ausgeschärft, die das jeweilige
Erleben des Phänomens konstituieren.
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3.3. Didaktische Strukturierung
Schattenphänomene sind weniger als andere Lichtphänomene geeignet, erschließendes
Wissen zu erarbeiten, denn zum einen lenken Schatten vom Licht ab und ziehen die
Aufmerksamkeit auf sich und zum anderen ist es schwierig, von etwas Figürlichem
und "schwarz auf weiß" Vorhandenem (Schatten) auf die Behinderung von etwas zu
schließen, dass man nicht sehen kann (Licht). Es ist deutlich einfacher, Wissen über
Licht anhand von Beleuchtungseffekten und Lichtumlenkungen durch Spiegel und Licht
streuende Gegenstände zu erschließen und dieses Wissen dann zur Erklärung von Schatten
zu nutzen.
Zur verstehenden Erschließung von Schatten trägt dann eine handlungsorientierte
Thematisierung der Räumlichkeit von Schatten wesentlich bei. Außerdem sind farbige
Schatten, die mit zwei farbigen Lichtquellen erzeugt werden, nicht nur höchst attraktiv,
sondern auch hilfreiche Gesprächsanlässe, die die Thematisierung von möglichen und unmöglichen
Lichtwegen nahe legen. Dies trägt dann zur Klärung bei, wenn die SchülerInnen ein
Schattenerleben wie es Kategorie 2 beschreibt, bereits relativ differenziert erschlossen
haben, d.h. wenn sie Richtungsbeziehungen zwischen Schatten, Gegenstand und Lichtquelle
sicher vorhersagen können.
Das gedachte Licht, dem die Kinder nicht begegnen, wenn es nicht explizit zum Thema
gemacht wird, ist die zentrale Idee der Physik in der Optik. Sollte man Kindern vorenthalten,
dass WissenschaftlerInnen und andere Erwachsene einhellig der Meinung sind, dass es ein
unsichtbares strömendes Licht gibt, obwohl noch niemand gesehen hat, dass es wirklich
durch die Gegend flitzt? In Unterrichtsmaterialien für den Sachunterricht taucht das
unsichtbar strömende Licht so gut wie gar nicht oder als etwas quasi Selbstverständliches
implizit auf. Das lässt sich mit Kindorientierung kaum begründen, sondern ist
eine Folge mangelnden Wissens über inhaltsbezogene Lernprozesse. Zu glauben, Kinder
könnten Schatten auch ohne die Erarbeitung dieser Idee verstehen, ist illusorisch.
Das können Erwachsene auch nicht.
Mögliche Thematisierungen von Licht
1. Lichtfiguren
Figürlichkeit bindet Aufmerksamkeit. Daher ist es hilfreich zur Thematisierung von Licht
mit Schablonen zu arbeiten bzw. Lichtquellen in Kartons zu platzieren und Öffnungen für
das Licht auszuschneiden. Die für SchülerInnen offensichtliche Beziehung zwischen der
Form des "Lichtdurchganges" und der Lichtfigur kann zum Anlass genommen werden über
die Sichtbarkeit bzw. Unsichtbarkeit von Licht zwischen beiden zu sprechen, die Geradlinigkeit
der Lichtwege zu untersuchen, Darstellungen sichtbarer Lichtkegel in Comics zu thematisieren,
Lichtbündel mittels Staub oder Dampf sichtbar zu machen und über die Qualität dieses Lichtes,
das man nicht sieht, zu philosophieren. Daran können Vorhersagen oder Begründungen
für die entstehenden Lichtfiguren anknüpfen. Auch Findungsprozesse oder Aushandlungen
darüber, mit welchen Wörtern man Helligkeit, beleuchtete Flächen, Lichtquellen und das
unsichtbare Licht bezeichnen will, und sie dadurch im Gespräch unterscheiden kann, haben in
der Auseinandersetzung mit Lichtwegen eine gute Basis.
2.Lichtwege
Über Lichtwege nachzudenken setzt nicht voraus, Licht als strömende Entität zu begreifen.
Auf der Phänomenebene ist die Beziehung zwischen Beleuchtungseffekten und Lichtquellen kausal
leicht zugänglich um nicht zu sagen selbstverständlich. Sie entspricht ungefähr der dritten
phänomenografischen Kategorie zu Schatten, denn ebenso wie ein figürlicher Schatten auf einen
Schatten werfenden Gegenstand verweist, verweisen Beleuchtungseffekte auf Lichtquellen.
Die Beschäftigung mit Lichtwegen, ist durch diesen Verweisungsbezug und alltagssprachliche
Selbstverständlichkeiten, wie "hin scheinen" "hell machen" usw. auf der Erfahrungsebene
gut vorbereitet, wenn man sie nicht ausgerechnet an Schatten koppelt.
Die Thematisierung von strömendem Licht und seiner "Unsichtbarkeit in der Luft" liegt
bei der Beschäftigung mit Lichtwegen didaktisch nahe. Dazu eignen sich nicht nur direkte
Lichtwege (s.o.), sondern besonders Lichtumlenkungen mit Spiegeln oder mit hellen farbigen
Gegenständen. Wer versucht, mit Spiegeln ausgestattet Beleuchtung auf indirektem Wege
herzustellen, merkt deutlich, dass das Licht in der Luft nicht sichtbar ist und andere
Anhaltspunkte gesucht werden müssen, um eine Lichtumleitung zu realisieren.
Die direkte Beleuchtung weißer oder farbiger Gegenstände in einem abgedunkelten Raum erzeugt
(farbige) Beleuchtung auf einer benachbarten Fläche. Diese Färbung wird von Kindern
ebenfalls problemlos auf die Beleuchtung des Gegenstandes zurückgeführt, wenn sie die
Beleuchtung selbst kontrollieren. Dass es sich bei der Färbung um "farbiges Licht" und nicht
um "Abfärben" handelt, ist nicht offensichtlich, aber für Kinder leicht akzeptabel.
Es unterscheidet sich für sie nicht wesentlich von Licht, das durch farbiges Glas oder
Prismen erzeugt werden kann. Auch das Mondlicht als Streulicht der Sonne, kann mit dem
Streulicht von hellen Gegenständen in Beziehung gesetzt werden (Shapiro 1994).
Didaktisch ungeschickt, weil sehr voraussetzungsvoll und dem Sachunterricht meines
Erachtens nicht angemessen ist es allerdings, das farbige Streulicht gleich als
Anlass zur Thematisierung des Sehvorgangs zu nutzen. Das liegt nur physikalisch nicht
aber phänomenologisch nahe.
3. Schatten
Das spielerische Erschließen erfahrbarer Regelhaftigkeiten von
Schatten und auch die Vorhersage von Schatten in tatsächlichen Probiersituationen usw.
bilden eine wichtige Erfahrungsbasis, wenn Schatten verstanden werden sollen.
Schattenraum: Erschließendes Wissen für die Erklärung von Schatten
kann darüber hinaus nicht durch die Beschäftigung mit flächigen Schatten erarbeitet
werden, sondern nur durch die Beschäftigung mit Licht und der Räumlichkeit von Schatten.
Die Räumlichkeit von Schatten lässt sich visualisieren, indem man solange Gegenstände
oder Personen in einen Schattenraum stellt, bis dieser ganz oder fast ausgefüllt
ist, wobei nichts und niemand im Schattenraum direkt beleuchtet wird. Schattenraumgrenzen
in der Luft können aus dem Schattenraum heraus mit den Händen erkundet werden und
erschließen sich von außen als Begrenzung der Schattenfüllung.
Farbige Schatten: Farbige Schatten, die mit zwei farbigen Lichtquellen erzeugt
werden, haben einen großen didaktischen Vorteil gegenüber Mehrfachschatten,
die mit weißem Licht erzeugt werden. Denn es wird aufgrund der Farbe sowohl
ein Zusammenhang zwischen einer Lichtquelle und dem gleichfarbigen Schatten erlebt
als auch über die vertraute Richtungsbeziehung ein Zusammenhang zwischen der
Lichtquelle und dem andersfarbigen Schatten.
SchülerInnen, die mit Schatten Erfahrungen haben, finden farbige Schatten auf den ersten
Blick nicht verwunderlich, weil schließlich farbiges Licht verwendet wird.
Sie stellen dann allerdings schnell fest, dass "die Farben vertauscht sind".
Da sich bei Bewegung einer Lichtquelle der andersfarbige Schatten mitbewegt, bzw.
beim Ausschalten einer Lichtquelle der andersfarbige Schatten verschwindet, bieten sich
hier weiterführende Anlässe zum Nachdenken über die Beziehung zwischen Licht und Schatten
als bei gleichfarbigen bzw. weißen Lichtquellen.
Die Verwendung von drei farbigen Lichtquellen, die in Science Centern häufiger anzufinden ist
(z.B. Phänomenta Bremerhaven, Explo Heidelberg u.a.) ist zur Erkundung von Farbmischungen
sehr attraktiv, für das Erschließen der Zusammenhänge zwischen Schatten und Licht allerdings
zu komplex, insbesondere wenn die Lichtquellen selbst nicht bewegt werden können.
Ich möchte zwei, meinen nicht repräsentativen Beobachtungen zufolge, im Sachunterricht
häufig eingesetzte Aufgaben kritisch hinterfragen:
- Aufgabe 1: Unterscheide transparente/lichtdurchlässige und nicht-transparente/
lichtundurchlässige Materialien.
- Aufgabe 2: Unterscheide künstliche und natürliche Lichtquellen.
Die Aufgaben beziehen sich in der Regel auf Abbildungen auf Arbeitsblättern.
Wenn Kinder keinen Begriff von Licht als einem unsichtbar strömenden
Etwas haben, sondern unter "Licht" Lichtquellen, Beleuchtungseffekte oder Helligkeit
verstehen (Zustand, Quelle, Effekt), dann sind die Unterscheidungen zwischen künstlichen und
natürlichen Lichtquellen sowie lichtdurchlässigen und lichtundurchlässigen Materialien
ungefähr so sinnstiftend, wie die Unterscheidung zwischen gepolsterten und nicht gepolsterten
Sitzmöbeln. Die Kinder können hier lernen, dass (un)durchsichtig auch licht(un)durchlässig
genannt wird. Es wird zudem nicht nur für Kinder, sondern auch für Sachunterrichtsstudierende
Verwirrung gestiftet, indem sie anfangen von künstlichem und natürlichem Licht statt
künstlichen und natürlichen Lichtquellen zu sprechen.
Diese Unterscheidung ist naturwissenschaftlich weder weiterführend noch ergiebig.
Wenn die SchülerInnen allerdings einen Begriff von Licht als unsichtbar strömender
Entität haben, dann ist die Betrachtung von lichtdurchlässigen und lichtundurchlässigen
Medien durchaus von Interesse. Sicherlich aber nicht im Hinblick auf die Charakterisierung
von Materialien, sondern im Hinblick auf die Untersuchung von möglichen und unmöglichen
Lichtwegen.
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4. Schluss
Die ausführliche Thematisierung von physikbezogenen Aspekten des Lernens über
Licht und Schatten in diesem Artikel hatte zum Ziel, Möglichkeiten fachdidaktischer
Lernforschung für den Sachunterricht an einem inhaltli-chen Beispiel aufzuzeigen.
Die Thematisierung von Licht und Schatten im Sachunterricht kann und soll damit nicht
umfassend begründet werden.
Aktuell liegt die Aufwertung von Naturwissenschaften im Sachunterricht im Gefolge
der internationalen Vergleichsstudien zu Schülerleistungen im Trend. Wenn dadurch der
fachdidaktisch kaum fundierte Transport von abstraktem Wissen, scheinbar kindgerechten
Elementarisierungen oder inhaltlich beliebiger Interessenförderung mittels Experimentieren
im Sachunterricht gestärkt wird, ist für die SchülerInnen wenig gewonnen. Wenn sich allerdings
die Sachunterrichtsdidaktik und andere Fachdidaktiken zu eigenständigen Bezugswissenschaften
der Lehrkräfte entwickeln, kann Lernforschung zum naturwissenschaftlichen Lernen für die
Welterschließung von SchülerInnen Potenzial entfalten.
Die bildungstheoretisch wohlbegründete normative Forderung, dass der Sachunterricht
mehrperspektivisch und nicht fach- sondern sachbezogener Unterricht sein soll,
erfordert eine Integrationsleistung seitens der wissenschaftlichen Sachunterrichtsdidaktik.
Diese Integrationsleistung für den Unterricht ist in der dargestellten didaktischen
Rekonstruktion zu Licht und Schatten nur angedeutet. Die Darstellung beschränkt sich
weitgehend auf physikalische Zugänge zu Licht und Schatten. Der Beschränkung der Perspektive
im Forschungsprozess liegt eine Entscheidung zugrunde, die forschungsmethodisch begründet ist.
Die Beschränkung auf eine fachliche Perspektive erlaubt es, intensiver als bei einer
vorgeschalteten Integration verschiedener Perspektiven auf Licht (z.B. der Kunst,
der Fotografie, der Psychologie, der Biologie oder der Technik) den Eigensinn des
physikalischen Zugangs und diesbezüglicher Lernprozesse zu untersuchen. Sowohl das
Modell der Didaktischen Rekonstruktion als auch die phänomenografische Lernforschung sind
jedoch offen für verschiedene bzw. unterschiedlich weit gefasste fachliche Bezüge. Simone
Seitz beispielsweise nutzt das Modell der Didaktischen Rekonstruktion in überzeugender
Weise überfachlich zur didaktischen Strukturierung des Themas Zeit für den inklusiven
Sachunterricht (vgl. Seitz 2004). Im Bereich der Lernforschung sind ausschnitthafte
Perspektiven und Rekonstruktionen als (zweckmäßige) Schritte auf dem Weg zu einer
umfassenderen unterrichtlichen Umsetzung zu verstehen.
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Anmerkungen
- Didaktische Strukturierung meint die gezielte Auswahl
und inhaltliche sowie sequenzielle Abstimmung der Angebote und Thematisierungen von
Lernumgebungen. Damit ist weder der genaue Verlauf einzelner Unterrichtsstunden,
noch der detaillierte Aufbau eines Lehrganges oder eine Grundsatzentscheidung über
Methoden impliziert.
- "das Licht scheint auf den Gegenstand", "hier ist ja Licht drauf",
"das Licht macht, dass es hell ist" usw.
- Von einzelnen Aussagen kann in der Regel nicht auf ein fundierendes Erleben
geschlossen werden. Die zitierten Äußerungen allein geben allerdings keine Hinweise
auf Erlebensweisen wie sie die zweite oder dritte Kategorie beschreiben.
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