Ausgabe Nr. 10/März 2008
ISSN 1612-3034
Sehr geehrte Sachunterrichtlerinnen und Sachunterrichtler,
wie gewohnt, eingangs eine kurze Vorstellung der Beiträge dieser Ausgabe, im Anschluss finden Sie und Ihr die Inhaltsübersicht und die Hinweise auf die Standorte der Beiträge "im Netz".
Direkte "links" zu allen in den bisher zehn Ausgaben bei widerstreit-sachunterricht erschienenen Beiträgen sind unter "Ausgaben" auf der Homepage zugänglich, eine Übersicht über alle mit Beiträgen vertretenen Themenbereiche ist ebenfalls auf der Homepage unter dem "link" "Gliederung" zu finden.
Die Frage der disziplinären Ausrichtung des Sachunterrichts, die Frage, wie er weiter Kontur gewinnen kann, war auf der Jahrestagung 2007 in Kassel kontroverses Thema (vgl. extra-beiheft von www.widerstreit-sachuntericht.de/2007). Diese Frage - so könnte man sagen - prägt auch die vorliegende Ausgabe.
Wolfgange Einsiedler hat sich im Beitrag "Was braucht die Sachunterrichtsforschung/
Sachunterrichtsdidaktik in den nächsten zehn Jahren?" der (An-)Frage angenommen,
welche Entwicklungsrichtung er in den nächsten 10 Jahren als notwendig ansieht.
In vier Thesen formuliert er vor dem Hintergrund von Desideraten der Sachunterrichtsforschung
Aspekte einer zukunftsfähigen Disziplin: Empirische Forschung, deren Sichtbarmachung in
der Wissenschaftscommunity, aber auch die (Weiter-)Entwicklung von Bildungstheorien sowie
schließlich eine "Entwicklungsforschung". Ohne dies sei der Sachunterrichts als Disziplin
gefährdet auch durch eine "inhaltslose" psychologische Forschung.
Wolf Engelhardt sieht den Sachunterricht ebenfalls gefährdet: Den Kompetenzbegriff habe es
in Pädagogik und Didaktik bereits gegeben. Nun sei er wieder da, überladen mit Ansprüchen;
andere vormals relevante Konzeptionen, AutorInnen und Thematiken scheinen hinter ihm zu
verschwinden. Und: Wolf Engelhardt betrachtet die fachliche Bindung der Perspektiven in
Perspektivrahmen und niedersächsischem Kerncurriculum Sachunterricht am Beispiel "Raum".
Seine Analyse zieht Forderungen an die Disziplin wie die institutionalisierte Vertretung
nach sich, die - so Engelhardt - auch angesichts der LehrerInnenbildungssituation, der
Denominationen an den Hochschulen sowie der Situation des Sachunterrichts in den Schulen der
Bundesländer begründbar und notwendig erscheinen.
Otfried Hoppe bezieht seine Ausführungen "Theorie: Grundlage für Verantwortung in der
Wissenschaft" zum Verständnis von Erkenntnis, Theorie und Wissenschaft erst gegen Ende seines
Beitrags direkt auf den Sachunterricht. Zuvor zeigt er, konstruktivistisch wie
systemtheoretisch fundiert, generelle Grenzen von Bildungsansprüchen, seien sie an Kinder,
seien sie an Studierende gerichtet, auf. Damit entsteht die Möglichkeit zu reflektieren,
was der heute insbesondere politisch geradezu inflationär genutzte Bildungsbegriff,
überhaupt leisten kann. Hoppes Herleitungen und Überlegungen rücken durch ihren
grundlegenden Charakter Ansprüche an heute generierte Bildungsprogramme zurecht und weisen
Verantwortungen zu - auch an Wissenschaft und Theorie. Es bleibt jedoch nicht bei einer Kritik,
auch wenn Hoppe die von ihm entwickelte Konzeption als "Utopie" bezeichnet.
Hintergrund, den Linguisten und Deutschdidaktiker Karl Holle nach einem letztlich
"Sprechfiguren und Denkfiguren" betitelten Beitrag zum Verhältnis von Sache und Sprache
anzufragen, war das Erscheinen des Bandes "Die Dinge haben Namen. Zum Verhältnis von Sprache
und Sache im Sachunterricht" (Rauterberg/Scholz (Hrsg.) 2004) und daran anschließende
gemeinsame Gespräche bei einem bekannten Frankfurter Italiener. Holle fragt, wie Erkenntnis,
ihre Mitteilung (im Unterricht) und die Verständigung, ob das Mitgeteilte dem Erkannten
entspricht, denkbar ist - hierin schließt er an den Text von Hoppe an. Holles Überlegungen
basieren jedoch auf (Neu-)Übersetzungen und Gegenüberstellungen von Augustinus'
"De didaktica" und Aristoteles' "De interpretatione". Im Anschluss ließe sich fragen,
ob unsere Auffassung von Erkenntnis und deren Mitteilung auf einem Übersetzungsfehler beruht.
Aber auch für die Didaktik des (Sach-)Unterrichts kommt Holle insbesondere im Anschluss an
Aristoteles zu einem Ergebnis: Weniger die Sachen, vielmehr die Auseinandersetzung über
sie aus verschiedenen Perspektiven rücken in den Fokus.
Was ist ein gutes Sachunterrichts(schul)buch? So gestellt vielleicht eine unbeantwortbare
Frage, denn was "gut" ist, hängt stark vom intendierten Einsatz ab. Stehen für die
unterrichtliche Praxis mehrere Werke zur Auswahl, bedarf es für eine Entscheidung
transparenter Kriterien. Solche zusammenzustellen hat ein Seminar an der Universität
Würzburg unternommen. Eine lange Liste ist das Ergebnis. Aus der Perspektive einer
wissenschaftlichen Praxis läuft die Antwort auf die Frage nach dem guten Buch zunächst über
die Frage nach "guten" Kriterien. Hier steht insofern weniger eine Anwendung als eine
Reflexion - durch Seminare an anderen Standorten? - des Würzburger Vorschlags an.
Erfahrungen und Reflexionsergebnisse gerne an andreas.niesseler@mail.uni-wuerzburg.de.
Als ein Schwerpunkt bei widerstreit-sachunterricht lässt sich mittlerweile die Kontroverse
um die Thematisierung von Nationalsozialismus und Holocaust im Sachunterricht auffassen.
In dieser Ausgabe stellt Alexandra Flügel im Beitrag "Kinder können das auch schon mal wissen
und nicht nur, dass alles schön ist!" Forschungsergebnisse vor. Der Untertitel
"Kommunikation von Grundschülerinnen und Grundschülern über den Nationalsozialismus" verweist
auf Flügels Forschungsansatz und -methode. Erhoben wurden in Gruppeninterviews mit
GrundschülerInnen deren Umgangsweisen mit und Verarbeitungsstrategien der Thematik -
Ergebnisse werden im Beitrag vorgestellt.
Aktualisiert wurden auch in dieser Ausgabe die Foren mit dem Hinweis auf die XII.
Studientagung der Reihe "Sache(n) des Sachunterrichts" mit der Veranstaltung
"Anthropologie heute" am 4. und 5. Juli sowie auf sachunterrichtsrelevante Publikationen.
Der Beirat von widerstreit-sachunterricht wünscht eine spannende Lektüre und dankt allen
AutorInnen insbesondere für die anregenden Diskussionen der Beiträge im Reviewverfahren.
Die nächste Ausgabe wird im Oktober 2008 erscheinen, Redaktionsschluss ist der 1. September 2008. Beiträge bitte per Mail an Rauterberg@em.uni-frankfurt.de.
Eine anregende GDSU-Tagung und erholsame Semesterferien wünscht
Marcus Rauterberg
P.S. In eigener Sache:
Mit dieser Ausgabe endet meine Zeit als Herausgeber und Mitglied des Beirats von
widerstreit-sachunterricht nach 5 Jahren und der 10. Ausgabe. Es war eine spannende Zeit,
insbesondere in der konzeptionellen Entwicklungs- und technischen Einrichtungsphase 2003.
Rückblickend möchte ich einigen Personen danken, ohne deren Vertrauen und (Mit-)Arbeit
widerstreit weder entstanden wäre, noch über 5 Jahre hätte erscheinen können.
Zu aller erst ist da Katharina Stoklas zu nennen. Allein durch sie und ihr unglaubliches(!)
Engagement(!) ist die technische Umsetzung realisiert worden. Auch die konzeptionelle
Gestaltung hat sie entscheidend mit geprägt: Liebe Katharina, herzlichen Dank für Deinen
Einsatz und die tolle Zusammenarbeit.
Dann hat mich sehr gefreut, dass Brunhilde Marquardt-Mau, Otfried Hoppe, Lydia Murmann,
Detlef Pech und Gerold Scholz ziemlich spontan ihre Bereitschaft zugesagt haben, im ersten
Beirat mitzuarbeiten. Die Beiratssitzungen mit Euch waren immer anstrengend, produktiv und
atmosphärisch sehr angenehm.
Ohne das Vertrauen und die Beiträge von Maria-Anna Bäuml-Roßnagl, Horst Rumpf, Ansgar Häußling,
Wolf Engelhardt, Jürgen Hasse und Kristin Westphal hätten die ersten Ausgaben von Widerstreit
nicht erscheinen können. Vielen Dank, dass Sie sich und Ihr Euch auf etwas eingelassen habt,
von dem nicht klar war, was es werden würde.
Sehr spannend waren über die gesamten fünf Jahre die Montage, an denen jeweils die
BesucherInnenzahlen der vorangegangenen Woche auf der Homepage übermittelt wurden:
Anfangs war die Freude über 30 BesucherInnen auf der Seite groß - gegenwärtig sind es etwa
300 pro Woche.
Auch Kritik gegenüber widerstreit ist nicht ausgeblieben. Dagegen ist nichts zu sagen,
vielmehr ist sie zu begrüßen. Bedauerlich empfand ich sie dann, wenn Unversöhnlichkeit im
Standpunkt durchschien. Erstaunt hat mich die in Gesprächen sichtbare Unkenntnis des
Gegenstandes der Kritik. Auch hätte ich es begrüßt, sie wäre offener formuliert worden.
Insofern waren ihre produktiven Aspekte an vielen Stellen kaum zu erkennen. Unstrittig dürfe
ja wohl sein, dass eine Internet-Repräsentanz für einen wissenschaftlichen Diskurs zum
Sachunterricht - insbesondere 2003 und angesichts der Vielzahl praxeologischer Angebote -
sinnvoll bis notwendig gewesen ist.
Ich habe widerstreit immer als Forum verstanden, das durch Kritik weiter entwickelt werden kann
und soll, das weder konzeptionell noch wissenschaftstheoretisch festgelegt ist. Das erfordert
aber eben auch kritische Beteiligung und Beiträge, die andere Standpunkte und Konzepte
formulieren. Leider ist es weniger als von mir erwartet oder erhofft hier zu einer
Zusammenarbeit gekommen. Das mag auch an meiner Person gelegen haben - insofern entsteht
durch mein Ausscheiden jetzt vielleicht eine produktive Chance.
Kritik und Ignoranz gegenüber Anfragen nach Beiträgen werden aber bei weitem überwogen von
der breiten Beteiligung vieler SachunterrichtlerInnen. Erfreulich war auch, dass viele
außerhalb des Sachunterrichts stehende WissenschaftlerInnen sehr positiv auf ein inhaltlich
formuliertes Interesse und die Konzeption von widerstreit reagiert haben.
Auch insofern blicke ich gerne auf die Zeit bei und mit widerstreit-sachunterricht zurück und
wünsche denen, die ihn zukünftig gestalten und den NutzerInnen eine spannende weitere
Auseinandersetzung mit dem Sachunterricht.
Marcus Rauterberg
Inhaltsübersicht:
Ebene I - Diskurs zum Sachunterricht |
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